HIRSCHENGRABEN: Hier kaufte man in Luzern Briefe – und Waffen

Dibiasis Schreibstube gehörte zu den kurioseren Geschäften Luzerns. Der Besitzer kam auch schon mal mit dem Gesetz in Konflikt.

Liliane Bürli*
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Josef Dibiasi vor seinem Geschäft: Aufnahme von 1941. (Bild Max A. Wyss/ Stiftung Fotodok)

Josef Dibiasi vor seinem Geschäft: Aufnahme von 1941. (Bild Max A. Wyss/ Stiftung Fotodok)

Auf dem Platz des früheren Geschäfts ist heute die Post Hirschengraben. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

Auf dem Platz des früheren Geschäfts ist heute die Post Hirschengraben. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

Dieses Bild des aus Kriens stammenden Fotografen Max A. Wyss ist Teil seiner Reportage über das Baselstrasse- Quartier der Vierzigerjahre. Zwar befindet sich das abgebildete Geschäft nicht in der Baselstrasse, doch die Schreibstube war wohl für viele Anwohner des Quartiers von Nutzen. Die Fotografie zeigt Josef Dibiasi vor seinem Laden, welches er in einem Inserat im Luzerner Adressbuch von 1928 so anpreist: «Schreibstube, Kasernenplatz Luzern, Josef Dibiasi, Telephon 11.24. Stellenvermittlungsbüro, Kauf – Verkauf – Tausch von gebrauchten, gut erhaltenen Musikinstrumenten, Waffen, Antiquitäten, Büchern, Bildern, Ferngläsern, Koffern, Reise- und Sportartikeln». Dibiasi hatte vieles im Angebot, an erster Stelle erwähnte er aber die Schreibstube. Was wurde da genau geschrieben?

Schreiben gegen Bezahlung

In einer Schreibstube schreiben Fachpersonen Briefe für Menschen, die Mühe mit Orthografie, Grammatik und dem amtlichen Umgangston haben. Seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts wird jedem Schüler Lesen und Schreiben beigebracht. Dennoch werden auch heute solche Dienste gebraucht. Gemäss einer Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) besassen 1995 in der Schweiz 13 bis 19 Prozent der Erwachsenen zu geringe Lese-, Schreib- und Rechenfähigkeiten, um den Erfordernissen der Arbeit und des Alltags zu genügen. So können heute die Anwohner der Stadt Luzern, die Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben von Korrespondenz haben, den Schreibdienst der Anlaufstelle «Sozial Info Rex» am Pilatusplatz in Anspruch nehmen – die heutige und kostenlose Variante der damaligen Schreibstube.

Übersetzer für Migranten?

Fremdsprachigen Personen kann das Verfassen von amtlichen Korrespondenzen und ähnlichem genauso Mühe bereiten. Das wusste vielleicht auch Josef Dibiasi, und es könnte sein, dass er sich – sein Nachname lässt es vermuten – italienischen Migranten als Übersetzer angeboten hatte. Und gerade hier käme die in der Nähe gelegene Baselstrasse als Quartier italienischer Einwanderer wieder ins Spiel: Seine Geschäftslage wäre dafür ideal gewesen. Solche Vermutungen können aber keine schriftlichen Zeugnisse im Luzerner Staatsarchiv bestätigen.

Rationierung und Kontrolle

Zu der Zeit, in welcher das Bild aufgenommen wurde, beschäftigte Besitzer Dibiasi mehr das Anbringen von Preisschildern und das verbotene Verteilen und Annehmen von Textilcoupons für getragene Kleider als sein eigentliches Geschäft, die Schreibstube. Er nahm es – wie viele andere – mit den Regeln der Kriegswirtschaft nicht allzu genau und hatte deshalb zweimal Ärger mit der Polizei. Während des Zweiten Weltkrieges wurden Tausende wegen Verstosses gegen die Gesetze der Preiskontrolle oder gegen die Rationierung von Verbrauchsgütern angeklagt: Im Luzerner Staatsarchiv befinden sich über 15 Laufmeter solcher Anklagen und Urteile. Dibiasi kam mit seinen Übertretungen aber noch einmal glimpflich davon: Er wurde nur verwarnt.

Noch immer ein Trödler?

Heute steht an diesem Platz zwar ein anderes Gebäude, doch sein Inhalt weist gewisse Ähnlichkeiten mit Dibiasis Schreibstube auf. Es geht viel Geschriebenes über die Ladentheke, nur wird es heute direkt versandt. Der zusätzlich dort vorhandene Shop kann durch sein grosses Angebot an verschiedensten Gegenständen und Dienstleistungen ein Gefühl aufkommen lassen, welches dem Stöbern in einem Trödlergeschäft ähnlich ist. Haben Sie es erraten? Am Hirschengraben 57 befindet sich heute eine Zweigstelle der Schweizerischen Post.

Hinweis * Liliane Bürli hat 2011 ein Praktikum beim Staatsarchiv Luzern absolviert und war für die Recherchen unserer Serie «Früher – heute» verantwortlich. Sie studiert Kulturwissenschaften mit Schwerpunkt Geschichte an der Universität Luzern. Die Luzerner Adressbücher und die Literatur über das Baselstrasse-Quartier können im Staatsarchiv betrachtet und gelesen werden. Zur Alphabetisierung findet sich im Historischen Lexikon der Schweiz (www.hls.ch) ein ausführlicher Bericht.