HIRSMÄNDIG IN FLÜHLI: Auf den Boten folgen englische Söldner

In Flühli gab der Bote seine gefürchteten Verse zum Besten. 500 Personen waren beim einst verbotenen Brauch zugegen.

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Bruno Schmid als Bote. (Bild Remo Nägeli/Neue LZ)

Bruno Schmid als Bote. (Bild Remo Nägeli/Neue LZ)

Die Kirchenglocke beginnt zu läuten, dichter Rauch zieht auf. Das 500-köpfige Publikum blickt sich verdutzt an und weiss nicht, wie ihm geschieht: Gerade als der Hirsmändig-Bote auf dem Dorfplatz in Flühli seinen Vortrag beendet hat und man zum Feiern übergehen will, marschieren über ein Dutzend englischer Söldner auf.

Abschied nach sieben Jahren
In Flühli wird statt dem Güdismändig der Hirsmändig gefeiert. Kernstück des Anlasses ist der Auftritt des Boten, der hoch zu Ross auf dem Dorfplatz eine Rede hält. Die in Knittelversen vorgetragenen Sprüche befassen sich vor allem mit dem Geschehen in der Umgebung und zielen darauf ab, Missgeschicke publik zu machen, welche die Bewohner lieber vertuscht hätten.

Nach sieben Auftritten als Bote gab Bruno Schmid, CVP-Kantonsrat aus Flühli, seinen Abschied. Das klang dann etwa so: «Statt zweh Milliarde Boni userühere, chönnt mer das andere Zwecke zuefühere. Öpe d IV saniere, das gäb Vertroue, oder Schüpfer chönnte der ?Adler?-Sau 645-mal boue.»

Die meisten Lacher ertönten bei den Berichten über diverse Peinlichkeiten der Dorfbewohner. So amüsierte man sich über den Autolenker, dem genau auf der engen Strasse über der Lammschlucht das Benzin ausging. Ebenfalls zu lachen gaben die übermüdeten Jodlerfestbesucher, die ihren Zughalt verschliefen und erst in Bern aufwachten.

Wurzeln im 14. Jahrhundert
«Wir haben den ältesten Fasnachtsbrauch in Luzern», sagt Gregor Schnider, Präsident der Hirsmändig-Gesellschaft im Waldemmental. Der Brauch ist auf das Jahr 1375 zurückzuführen. Damals schlugen 600 Entlebucher 3000 englische Söldner in die Flucht, welche die Gegend terrorisierten. Einem Engländer sollen sie sogar die Nase abgeschnitten und ihn mit dem Rat zurückgeschickt haben, die Nase nicht mehr in Entlebucher Angelegenheiten zu stecken.

Gestern brachten die Söldner die Nase, gebettet auf ein rotes Kissen, zurück. Seit dem Sieg wird der Brauch gefeiert, den die Obrigkeit 1740 sogar per Dekret verbieten liess, weil sie vom Boten zu arg verunglimpft wurde. Im 19. Jahrhundert geriet der Hirsmändig in Vergessenheit und wird nun seit 1992 wieder jährlich begangen. «Es ist wunderbar, so einen alten Brauch zu pflegen», sagt Besucher Benno Wicki (41) aus Flühli.

Sasa Rasic