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HISTORIKER: Kulturpreis für Historiker Kurt Messmer: «Emmen hat eine Industrie-DNA»

Die Gemeinde hat eine turbulente Vergangenheit. Hier akzentuierten sich die gesellschaftlichen Umwälzungen besonders deutlich. Emmen habe sich vor 100 Jahren neu erfunden, sagt der diesjährige Kulturpreisträger, Historiker Kurt Messmer.
Hannes Bucher
Kurt Messmer: «Emmen steht eine spannende Zukunft bevor.» (Bild: Nadia Schärli (Emmen, 16. Oktober 2017))

Kurt Messmer: «Emmen steht eine spannende Zukunft bevor.» (Bild: Nadia Schärli (Emmen, 16. Oktober 2017))

Interview: Hannes Bucher

region@luzernerzeitung.ch

Er spricht lieber über Geschichte und Geschichtliches als über sich selber. Wenn es um seine Lieblingsmaterie, die Geschichte, geht, dann leuchten seine Augen. Im Gespräch mit Kurt Messmer zeigt sich schnell: Da spricht der leidenschaftliche, begeisterte und gleichzeitig begeisternde Historiker. Kurt Messmer hat sich denn auch intensiv mit der Geschichte seiner Wohngemeinde Emmen befasst. Für diese Arbeit wird er nun mit dem Emmer Kulturpreis 2017 geehrt. Der jährlich verliehene Kulturpreis ist mit 3000 Franken dotiert.

Kurt Messmer, was bedeutet Ihnen die Gemeinde Emmen persönlich?

Emmen mag auf den ersten Blick etwas sperrig wirken, hat eine verzweigte Siedlungsstruktur ohne eigentliches Zentrum und wird geprägt von Gegensätzen. Auf den zweiten Blick aber wird Emmen zu einem pulsierenden Ort mit starker Anziehungskraft. Überdies hat die Gemeinde eine hoch interessante Vergangenheit – und, wie es aussieht, eine ebenso spannende Zukunft. Hier geht die Post ab. Ich lebe gern hier in Emmen.

Welche Erkenntnisse gewannen Sie bei historischen Recherchen über Ihre Wohngemeinde?

Meine Arbeiten über das Krauer-Schulhaus und die Pfarrkirche Gerliswil zeigten mir noch deutlicher, dass sich Emmen vor 100 Jahren sozusagen neu erfand. Das Zentrum der Gemeinde verschob sich von Emmen-Dorf hinauf nach Emmenbrücke/Gerliswil. Die 1903 erbaute Zollhausbrücke, nun auch für die Trambahn befahrbar, wurde zum neuen Tor, die 1906 gegründete Viscose zum Wirtschaftsmotor. In gut zehn Jahren verschob Emmen seinen Mittelpunkt und zündete die erste von drei Stufen.

Also gab’s einen zweiten und gar einen dritten Schub – woran lässt sich dies heute noch erkennen?

Die zweite Stufe stand im Zeichen des Wirtschaftswunders. Von 1950 bis 1970 verdoppelte sich die Bevölkerung von 11 000 auf 22 000. Das erforderte einen Kraftakt sondergleichen: drei Schulhäuser innert sechs Jahren, Schwimmbad Mooshüsli, Sportanlage Gersag, zwei neue Kirchen – unerhört. Viele ausländische Frauen und Männer trugen zu diesem Aufschwung bei. Der dritte Schub prägt unsere Gegenwart, den Beginn des 21. Jahrhunderts. Seetalplatz, Viscosi­stadt und die Überbauung Feldbreite haben unterschiedliche Funktionen, sind aber je attraktive Pfeiler eines dynamischen urbanen Aufbruchs. Emmen hat einen Lauf, eindeutig. «Emmen-Bronx» wird zur Marke, und wie sich die Hochschule Design & Kunst und die Kreativwirtschaft in der Viscosi­stadt entfalten, geht Richtung Kult.

Was verstehen Sie unter Lokalgeschichte? Können Sie dafür ein konkretes Beispiel geben?

Gemeindegeschichte endet nicht an der Gemeindegrenze. In der Arbeitersiedlung Sonnenhof, erste Etappe 1916–1925, gibt es vier verschiedene Haustypen für ehemals vier verschiedene Gesellschaftsschichten. Arbeiter, Meister, Chefingenieur und «fadengewandte Fabrikmeitschi» lebten im gleichen Quartier, nur durch Gartenzäune getrennt. Als «dreidimensionale Gesellschaftsgeschichte» erreicht der Sonnenhof aus meiner Sicht nationale Bedeutung. Auch der Siedlungstyp Gartenstadt – in England lanciert, auf dem Kontinent realisiert – weist über die Gemeindegrenzen hinaus. Der locker überbaute Sonnenhof war um 1920 mit seinen spiralförmigen Erschliessungsstrassen eine Reaktion auf die dichten Blockrandbebauungen der Städte, wie wir sie etwa im Luzerner Hirschmattquartier mit seinen schachbrettartigen Strassen antreffen. Lokalgeschichte ist kein Container, sondern ein weites Feld.

Was bedeutet die Vergabe des Kulturpreises – für Sie persönlich, aber auch im Hinblick auf Ihre Gemeinde?

Ich freue mich 6020-fach! Wenn in einer Zeit raschen Wandels ein Historiker ausgezeichnet wird, ist das auch ein Bekenntnis zur Erinnerungskultur. Der Preis kommt mir vor wie ein Versprechen, man werde das kollektive Gedächtnis weiterhin pflegen. Emmen hat eine Industrie-DNA. Sie soll im öffentlichen Raum ablesbar bleiben.

Was macht Kurt Messmer, wenn er sich nicht gerade mit Geschichte befasst?

Nicht sehr viel! (lacht) Ich führe eine ruinöse Korrespondenz und mache mit meiner Puch Maxi, 30 km/h, fürs Leben gern Ausfahrten. Von den sanften «Högern» der Luzerner Landschaft kann ich nicht genug bekommen, vom reichen Kulturgut der Zentralschweiz auch nicht. Besonders fasziniert mich das Spannungsfeld alt/neu im öffentlichen Raum. Von den Künsten schätze ich zwei ganz besonders: Musik und Freundlichkeit.

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