HISTORISCH: Als im Bruchquartier noch mit Vieh gehandelt wurde

Fast 60 Jahre lang war das Bruchquartier Schauplatz des kantonalen Viehhandels bis sich die Anwohner gegen Dreck und Gestank zu wehren begannen.

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So präsentierte sich der Luzerner Viehmarkt an der Bruchstrasse im Jahr 1955. (Bild: Staatsarchiv Luzern)

So präsentierte sich der Luzerner Viehmarkt an der Bruchstrasse im Jahr 1955. (Bild: Staatsarchiv Luzern)

Kälber, Kühe und Schafe inmitten der Stadt Luzern: Das war seit dem Jahre 1912 ein gewohntes Bild an der Bruchstrasse. Umgeben von Wohn- und Geschäftshäusern, feilschten Viehhändler immer dienstags um die besten Tiere. 150 bis 200 Tiere, meist Kälber, wechselten dann den Besitzer.

Entsprechend ging es am Viehmarkt zu und her: «Mööggende» Tiere, anfallender Mist und dröhnende Kleinlastwagen auf den engen Strassen. «Für den Viehmarkt fuhren jede Woche Bauern extra aus der Umgebung in die Stadt per Bahn oder gar mit dem Velo, versteht sich», sagt Peter Knüsel, ehemaliger Luzerner Ständerat, der auf einem Bauernhof aufwuchs und sich an das Geschehen erinnert, «als wäre es gestern gewesen».

Wichtiger Treff- und Austauschort

Am 31. März 1971 war dann aber Schluss. Die Stadt hob den Viehmarkt aufgrund des anfallenden Drecks, des zunehmenden Verkehrs und des nachbarschaftlichen Unwillens auf eine grosse Diskussion entfachte. «Bei den Bauern schwang damals unterschwellig das Gefühl mit, dass sie in der Stadt zu wenig wertgeschätzt werden», so Knüsel. Zudem witterte man die Gefahr, dass die Bindung zwischen Stadt und Land noch lockerer werde und dass auch andere Märkte aus der Stadt verschwinden könnten. Seither findet der Schlachtviehmarkt immer noch jeden Dienstagmorgen in Sursee statt.

«In Sursee war das eine Riesensache», erinnert sich Peter Knüsel. «Schliesslich etablierte sich der Viehmarkt als wichtige Nachrichtenzentrale der gesamten Bauernschaft: Die Preise konnten verglichen werden, und Beziehungen wurden bei einem Most oder einem Kaffee Luuters geknüpft und gestärkt.» Der Markt als klassischer Treff- und Austauschort also. Das wöchentliche Ereignis zeugte von Relevanz nicht nur aufgrund der traditionsreichen Geschichte in der landwirtschaftlichen Zentralschweiz. Knüsel: «Damals hatten nur wenige ein Telefon. So war der wöchentliche Viehmarkt enorm wichtig, um informiert zu bleiben.»

Heute erinnert kaum noch etwas an den grossen Viehmarkt in der Stadt. Wo sich einst die zwei Unterstände mit Wellblechdächern und den Anbindevorrichtungen für die Tiere befanden, steht heute das Gebäude mit den hellbraunen Marmorsteinen, in dem das Luzerner Staatsarchiv ist.

Jeweils 170 Tiere wechseln Besitzer

In Sursee währte der neue Platz für den Schlachtviehmarkt nicht lange: Bereits 1985 muste der Markt vom Oberen Graben neben die Stadthalle zum Viehmarkt- und Zirkusplatz weichen. Der aktuelle Standort eignet sich aber bestens für den Viehhandel: Er ist optimal erschlossen und bietet Platz für die gesamte Infrastruktur wie Anbindevorrichtungen, Waschplätze und Anfahrtsstrassen. «An jedem Markttag fahren hier gut 12 Anhängerzüge und etwa 30 kleinere Fahrzeuge mit Anhänger vor», sagt Marktchef Franz Habermacher. «Rund 170 Kühe, Munis und Rinder wechseln jeden Dienstagmorgen den Besitzer.» Damit ist dies der grösste regelmässig stattfindende Schlachtviehmarkt der Schweiz. «Nicht umsonst heisst es, der Fleischpreis wird jeden Dienstagmorgen in Sursee bestimmt», sagt Marcel Büeler, Bereichsleiter öffentliche Sicherheit der Stadt Sursee und Präsident der Kommission Schlachtviehmarkt. Meist kaufen grosse Schlachthäuser, etwa jene von Coop oder Migros, die Schlachttiere. Diese Form des Handels ist für die regionalen Bauern und die Viehhändler nach wie vor eine wichtige Plattform: «Beim Viehmarkt entsteht eine Preistransparenz, da Angebot und Nachfrage direkt aufeinandertreffen», so Franz Habermacher. «Viele Tierbesitzer kommen so besser weg, als wenn die Käufer einzeln bei ihnen vorbeikommen.»

Markt muss Überbauung weichen

Wie lange in Sursee noch Vieh gehandelt werden kann, ist aber ungewiss. Denn neben dem Marktplatz, beim Vierherrenplatz, ist eine Überbauung geplant. «Der Vertrag zwischen den Verantwortlichen für die Durchführung des Schlachtviehmarktes und der Stadt Sursee wurde per 1. August 2015 auf Zusehen hin gekündet», sagt Marcel Büeler. «Sobald die Bagger auffahren, muss der Viehmarkt umziehen.» Das wird wohl spätestens im Frühjahr 2016 der Fall sein.

Problematisch ist diese Situation, weil der neue Standort, welcher in Eschenbach vorgesehen ist, noch nicht bewilligt ist. Das vorgesehene Grundstück im Gebiet Höndle muss von der Landwirtschafts- in die Bauzone geändert werden. Seitens der Gemeinde liegen alle Formalitäten vor. Nun muss noch auf die Genehmigung des kantonalen Richtplans vom Bund zugewartet werden, bis der Viehmarkt abermals seinen Standort wechselt.

Niels Jost

Hinweis

Mehr Informationen über die Geschichte des Viehmarktes gibt es im Buch «Von der Scholle für die Scholle» von Alois Hodel von 2013 zu lesen.

Die Bruchstrasse heute. (Bild Boris Bürgisser)

Die Bruchstrasse heute. (Bild Boris Bürgisser)