HITZKIRCH: Abenteuer in den spanischen Rebbergen

Kaum Ahnung von Wein: Dennoch brach ein junges Paar seine Zelte in der Schweiz ab, um in Spanien in den Weinbau einzusteigen.

Robert Bossart
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Michèle und Michael Rudolf zusammen mit dem Önologen Stefan Dorst (rechts) beim gemütlichen Apéro auf dem Weingut in Spanien. (Bild: PD)

Michèle und Michael Rudolf zusammen mit dem Önologen Stefan Dorst (rechts) beim gemütlichen Apéro auf dem Weingut in Spanien. (Bild: PD)

Michèle Rudolf war 23, ihr Partner Michael 21 Jahre alt, als sie sich 2005 relativ kurzfristig und spontan dazu entschlossen, in Cretas in der Provinz Teruel im Landesinnern zwischen Valencia und Barcelona ein Weingut zu leiten. «Wir haben beide keine konkreten Zukunftspläne gehabt, die Aufgabe in Spanien reizte uns aber sehr», sagt Michèle Rudolf. Eigentlich hatten die beiden Luzerner damals noch wenig Ahnung von Wein – sie ist kaufmännische Angestellte, ihr Mann ist gelernter Schreiner.

Sprung ins kalte Wasser

Also packten sie ihre Sachen, reisten nach Spanien – und fielen bald mal ins kalte Wasser. «Es war ganz schön streng am Anfang», sagt die heute 31-Jährige. Die Leute, die sie ein Jahr auf dem 18-Hektar-Betrieb hätten einarbeiten sollen, gingen bereits nach drei Monaten weg. «Wir waren jung, konnten die Sprache nicht und wussten gar nicht, welche Arbeiten eigentlich anstehen», so Michèle Rudolf. Beide mussten für die Angestellten die Chefrolle und damit Verantwortung übernehmen. «Die Tage waren lang», erinnert sich Michael Rudolf, «aber wir haben viel gelernt, und es machte unheimlich Spass.» Freude hatte das Paar auch, als dann die beiden Kinder Lean und Joah (heute 7- und 5-jährig) hinzukamen, welche den Betrieb noch zusätzlich aufmischten. «Eine intensive Zeit, die uns viel abverlangte», sagt Michèle Rudolf und schmunzelt.

Und der Wein? Tja, das hätten sie Schritt für Schritt gelernt, sagen sie, zudem weihte sie der Önologe Stefan Dorst in die Kunst des Weinmachens ein. «Er kam jeweils beim Verschneiden des Weines hinzu und gab ihm die richtige Note. Die Feldarbeit und alles andere machten wir, der Önologe bestimmte, wie der Wein werden sollte», sagt Michèle Rudolf. Ja, und mit der Zeit haben sie entdeckt, dass da etwas dran ist an einem «guten Tropfen». Michèle Rudolf: «Wir haben gemerkt, wie gut das Getränk sein kann. Zudem ist die Herstellung extrem interessant. Die Gärungen, wie sich der Saft entwickelt, wie er in einer bestimmten Phase je nach Sorte nach Hühnermist schmeckt – und es am Schluss dennoch ein feiner Tropfen wird. Das alles ist faszinierend.» Fünf Weine stellten sie her: drei Rotweine, zwei Weissweine – insgesamt 60 000 bis 80 000 Flaschen pro Jahr.

Viele Freunde gewonnen

Viel gesehen von Spanien haben sie in den knapp fünf Jahren – Ende 2009 kehrten sie zurück – nicht, dazu fehlte die Zeit. Ab und zu ein Ausflug an den Strand, viel mehr lag nicht drin. Aber eingelebt haben sie sich dennoch, viele Freunde gewonnen und Land und Leute schätzen gelernt.

Was war das Schönste während dieser Zeit? Da muss Michèle Rudolf nicht lange überlegen: «Die Schweiz einmal von aussen zu sehen, eine andere Kultur zu erleben, in der nicht alles so funktioniert wie bei uns. Und die Offenheit der Südländer, die gefiel uns.» Nie richtig gewöhnen konnte sie sich an die Tageszeiten der Spanier. «Bis drei Uhr nachmittags wird gegessen, bis fünf Uhr ist Siesta. Auch im Winter trifft man erst ab dann Leute auf dem Spielplatz oder auf der Strasse.» Das sei einfach zu spät, dann habe sie schon bald Hunger und sei bereits müde. Aber alles in allem sei es eine sehr spannende, interessante und lehrreiche Zeit gewesen.

Nun wohnt die junge Familie in einem Haus in Hitzkirch, das sie selber renoviert hat. Michael Rudolf arbeitet wieder auf seinem angestammten Beruf. Hätten sie einen passenden Weinberg gefunden, hätten sie vielleicht auch hier in der Schweiz auf Weinbau gesetzt. Michèle Rudolf: «Immerhin haben wir ein paar Rebstöcke im Garten gepflanzt, das ist doch schon was.»