Hochdorf verleiht den Kulturpreis
an eine Jodelikone

Am nächsten Donnerstag wird Marie-Theres von Gunten-Walthert mit dem Hochdorfer Kulturpreis ausgezeichnet. Für die Jodelikone ist dies nicht nur wegen der Preisübergabe ein besonderer Tag.

Martina Odermatt
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Jodlerin Marie-Theres von Gunten unterrichtet Olivia Wallimann im Hotel Restaurant Kreuz. (Bild: Philipp Schmidli (Sachseln, 30. Oktober 2018))

Jodlerin Marie-Theres von Gunten unterrichtet Olivia Wallimann im Hotel Restaurant Kreuz. (Bild: Philipp Schmidli (Sachseln, 30. Oktober 2018))

Der Nebel an diesem Morgen am Beatenberg (BE) ist so dicht, dass die Umgebung beim Vorbeifahren wie aus dem Nichts zu entstehen scheint. Die Aussicht auf Eiger, Mönch und Jungfrau sowie den Thunersee, welche das Dorf gewöhnlich freigibt, lässt sich nur erahnen. Vor einem Haus in Beatenberg ist ein Notenschlüssel in das Geländer eingearbeitet: Hier muss die Jodel-Ikone Marie-Theres von Gunten wohnen.

Überall hängen noch Blumen. «Die müssen nun bald eingewintert werden», sagt von Gunten. Gärtnern, vor allem «das Blüemele», das sei ein grosses Hobby von ihr.

Marie-Theres von Gunten (66) ist im Seetal, in Baldegg, geboren und aufgewachsen. Ihre jodlerische Laufbahn aber startete sie in Hochdorf, im Jodlerklub Echo vom Seetal, kurz nach dessen Gründung. «Ich konnte eigentlich recht gut singen und die Jodeltechnik wurde uns vom damaligen Dirigenten gut vermittelt», erinnert sie sich. «Doch von einer fundierten Tonbildung oder der wichtigen Atemtechnik bekamen wir nicht viel mit. So habe ich die ersten zehn Jahre einfach ‹nach Gutdünken› gesungen.» Durch einen glücklichen Zufall lernte von Gunten an einem Konzert Alex Eugster kennen. Bei ihm nahm sie danach Gesangsunterricht. «Er sah Potenzial in meiner Stimme – wenn ich die richtige Gesangstechnik anwenden würde – und sehr gern wollte ich dieses ausschöpfen.»

Jodeln ist Familiensache

Von Gunten ist schon länger nicht mehr in Hochdorf tätig. Inzwischen ist sie auch Komponistin, Dirigentin und sie gibt Gesangsunterricht. Bis letztes Jahr war sie Leiterin des Jodlerchörli Geuensee, welches sie insgesamt 40 Jahre leitete. Am 8. November erhält sie von Hochdorf den Kulturpreis 2018. Für von Gunten, die bereits etliche Auszeichnungen wie etwa den goldenen Violinschlüssel, die bedeutendste Auszeichnung im Bereich der Schweizer Folklore erhalten hat, eine riesige Freude. «Ich freue mich irrsinnig über den Preis. Ich finde es umso mehr grossartig, weil ich schon länger nicht mehr im Seetal lebe. Es ist schön, hat man mich nicht aus den Augen verloren.»

«Ich freue mich irrsinnig über den Preis. Ich finde es umso mehr grossartig, weil ich schon länger nicht mehr im Seetal lebe. Es ist schön, hat man mich nicht aus den Augen verloren.» 

Marie-Theres von Gunten-Walthert, Jodelikone 

Die Preisübergabe fällt zudem auf ihren 67. Geburtstag. Und das nicht von ungefähr: Das Datum hat von Gunten selbst gewählt. «Eigentlich wollte ich an meinem Geburtstag zu Hause sein. Aber dann habe ich mir überlegt, dass ich so auch gleich im Seetal feiern könnte, und meine Geschwister also nicht so weit zum Besuchen hätten. Das trifft sich deshalb gut.»

Bei den von Guntens ist das Jodeln Familiensache. Um die 80 Lieder hat Marie-Theres mittlerweile komponiert. Dies zusammen mit ihrem Bruder Jules. «Er liefert mir gute Gedichte und ich probiere, dazu eine passende Melodie zu finden.» Das habe sich bis jetzt immer bewährt. Am Eidgenössischen Jodlerfest 2017 in Brig wurden 72 Lieder von Marie-Theres von Guten zum Besten gegeben. «Manchmal, wenn ich Jodlerinnen und Jodler meine Lieder so herrlich interpretiert singen höre, dann denke ich ‹wow, das klingt ja wirklich nicht so schlecht, wie bist du nur auf diese Melodie gekommen?›», sagt von Gunten und lacht. Auch ihre Nichte und Grossnichten sind der Folklore verfallen. In Geuensee hat von Gunten ihre Nichte Priska ermutigt, einen Kinderchor auf die Beine zu stellen. Und auch die Grossnichten jodeln begeistert. «Viele Leute, die in ihrer Kindheit gejodelt haben, kommen später irgendwann wieder zurück. Deshalb ist es wichtig, dass man bereits Kinder fürs Jodeln begeistern kann.»

«Manchmal, wenn ich von Jodlerinnen und Jodlernmeine Lieder so herrlich interpretiert singen höre, dann denke ich ‹wow, das klingt ja wirklich nicht so schlecht, wie bist du nur auf diese Melodie gekommen?›» 

Marie-Theres von Guten-Walthert, Jodelikone

Inspiration für die Kompositionen findet von Gunten in der Ruhe. «Der inneren und äusseren», bemerkt sie. Dabei sei sie im Herbst oder Winter, wenn alles etwas gelassener werde, besonders kreativ. «Im Sommer bleibt mir dafür keine Musse. Da bin ich zu viel mit Vorbereitungen für die Jodlerfeste oder dem Garten beschäftigt! Erst nach den Jodlerfesten beginnen auch Ausflüge mit dem Töff». Dann könne sie auch gut und gerne fünf oder sechs Pässe am Tag abfahren. «Dabei kann ich die herrliche Landschaft von Herzen geniessen!», sagt die Volksmusikerin und schmunzelt. Das passe ganz gut zur Folklore, sagt die Frau, die sich als Traditionalistin sieht. «In dieser Szene fahren viele Leute Motorrad.»

Auch Asiaten jodeln

Dank ihrem Erfolg konnte von Gunten auch einige Auslandreisen unternehmen, etwa nach Kanada, Hongkong, Japan oder Korea. Denn: Auch in diesen Ländern wird gejodelt, nach Schweizerischem, deutschem oder Österreichischem Vorbild. Für von Gunten ein spannender Austausch. «Japaner nehmen alles sehr genau. Sie sind auch sehr gut in der Aussprache des Schweizerdeutsch». Am Eidgenössischen Jodlerfest 2017 war sogar ein japanischer Chor zu Gast. «Schweizerdeutsch ist hier Pflicht!», sagt von Gunten. Koreaner seien beim Jodeln hingegen eher etwas «grosszügig» mit Melodie und Text. In beiden Ländern würden jedoch einige Lieder auch in die jeweilige Landessprache übersetzt.

Nun, mit 67 Jahren, will Marie-Theres von Gunten etwas kürzer treten. Sie leitet noch immer das Oberländer-Chörli Interlaken und gibt Unterrichtsstunden. Ziele für die Zukunft habe sie keine mehr. «Ich möchte nun meine Freizeit etwas mehr geniessen, auch mehr zu Hause sein. Die Aussicht hier ist eigentlich fantastisch. Auch wenn der Nebel diese momentan nicht preisgeben will», sagt sie und lacht.