HOCHSCHULE: 26-Jährige «kreiert» Lebensqualität mit Pilzen

Giulia Stoll studiert Produkte­design. Für ihre Masterarbeit hat sie eine Geschichte erfunden.

Robert Knobel
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Giulia Stoll mit einem ihrer Bilder vor dem Vierwaldstättersee. (Bild: Remo Naegeli / Neue LZ)

Giulia Stoll mit einem ihrer Bilder vor dem Vierwaldstättersee. (Bild: Remo Naegeli / Neue LZ)

Haben Sie sich schon einmal gefragt, weshalb ein Telefonhörer so aussieht, wie er eben aussieht? Oder wieso Rivella-Flaschen neuerdings in der Mitte tailliert sind? Genau mit solchen Fragen beschäftigen sich Produktdesigner. Die Ästhetik ist dabei das eine – doch die Designer müssen immer häufiger auch wissenschaftliche Aspekte berücksichtigen. «Das Material, aber auch das Verhalten der Menschen, die den Gegenstand nutzen, wird erforscht und fliesst in unsere Überlegungen ein», sagt Giulia Stoll. Die 26-jährige Baslerin hat an der Hochschule Luzern – Kunst & Design gerade ihren Master in Produktdesign abgeschlossen. Für ihre Diplomarbeit hat sie denn auch einen ausgesprochen wissenschaftlichen Ansatz gewählt.

Die Trinkwasser-Maschine

Ausgehend vom ganz realen Problem von Arzneimittelrückständen im Trinkwasser entwirft Giulia Stoll ein Zukunftsszenario mit dem Namen «Aqua Pharming». In dessen Zentrum steht ein Gerät, das Medikamente und Hormone aus dem Trinkwasser herausfiltert und so sauberes Wasser produziert. In Stolls Gedankenspiel besitzt jeder Haushalt eine solche Filteranlage, welche mithilfe eines Pilzes das Wasser klärt und aufbereitet. Die Pilzart heisst Schmetterlingstramete und ist in der Lage, mittels seiner Enzyme die Schadstoffe zu neutralisieren, welche in normalen Kläranlagen nicht abbaubar sind. Dies haben Forschungen gezeigt. «Ich möchte keineswegs als Moralapostel auftreten, sondern die Sache auch etwas locker angehen», erklärt Giulia Stoll. So ist auch eine fiktive Radiosendung Teil ihrer Diplomarbeit. Darin erklärt ein Wissenschaftler die genaue Funktionsweise des Klärprozesses, und eine Frau erzählt, wie das Gerät ihren Alltag beeinflusst, wie sie die Pilzkultur hegt und pflegt, damit diese zuverlässig ihre Aufgabe versehen kann.

Bald in einem Museum?

Das Filtergerät existiert in Wirklichkeit noch nicht. Wohl aber auf selbst erstellten Bildern, mit denen Giulia Stoll ihr Szenario visualisiert. In einem nächsten Schritt hofft sie, ihre Ideen in einer Installation real in Szene setzen zu können, beispielsweise in einem Museum.

Von der schmutzigen Brühe bis zum kristallklaren Wasser, das «so wertvoll wie ein Schluck Whisky ist und damit pure Lebensqualität bedeutet»: Giulia Stoll liebt es, Szenarien zu entwickeln, Geschichten weiterzuspinnen und zum Nachdenken anzuregen. Die blosse Fixierung auf eine Sache ist nicht ihr Ding. «Ich beobachte gerne Zusammenhänge zwischen Objekten und menschlichem Verhalten», sagt die Produktdesignerin und gibt ein Beispiel: So ist die Steuererklärung auch im Internetzeitalter noch immer eine äusserst papierreiche Angelegenheit. «Ich frage mich aber nicht einfach, wie man diesen Papierkrieg verringern könnte, sondern beginne über das Steuernzahlen an sich nachzudenken.» Und schon sind wir mitten in den «Was-wäre-wenn-Fragen». «Ich könnte nun die Geschichte des Steuernzahlens erforschen und käme plötzlich auf ganz neue Ansätze, die mit dem ursprünglich beobachteten Problem gar nicht mehr direkt zu tun haben», sagt Giulia Stoll.

Genauso war es auch mit ihrem Trinkwasser-Projekt. Im Zentrum stand nicht die Frage, wie man das verschmutzte Wasser reinigen könnte – denn darüber gibt es bereits wissenschaftliche Studien, die für die Diplomarbeit als Ausgangspunkt dienten. Statt über die Lösung eines Problems denkt Giulia Stoll lieber über mögliche Folgen nach und hofft, wie im Fall des verschmutzten Wassers, die Menschen zu sensibilisieren. Eine Mission, die sie auch nach ihrem Studium weiter pflegen möchte – sei es als Mitarbeiterin in einem Museum oder im Medienbereich.

Luzern machte den besten Eindruck

Konkrete Pläne hat Giulia Stoll aber noch nicht. «Es ist einfach so, dass mich total viele Sachen interessieren», sagt die 26-Jährige, die vor ihrem Studium in Luzern auch ein paar Semester in Paris studiert hat. Nach Luzern ist sie übrigens gekommen, weil ihr diese Hochschule «den besten Eindruck» gemacht hat. Nun könnte sie sich auch gut vorstellen, beruflich eine Hochschullaufbahn einzuschlagen, wie sie sagt. Zunächst will sie sich aber ganz ihrem Installationsprojekt widmen. So wird man die Stoll’sche Filtermaschine vielleicht schon bald in echt bewundern können. Ob der Reinigungsprozess tatsächlich funktioniert, ist dabei zweitrangig. Viel wichtiger ist für Giulia Stoll das Szenario, das sie sich erdacht hat – und mit dem sie andere zum Nachdenken bringen will.

Hinweis

Die erfolgreichen Absolventen des Master of Arts in Design: Annine Maria Amherd, Niedergesteln; María Josefina Eliggi, Argentinien; Erika Fankhauser Schürch, Wynigen; Veronika Halmbacher, Deutschland; Irina Heemann, Basel; Patricia Hegglin, Wohlen AG; Michael Muther, Buchrain; Christian Adrian Riedwyl, Münchenstein; Patricia Schlienger, Aarau; Giulia Stoll, Basel; Tina Tomovic, St. Gallen; Tina Wahle, Deutschland.