HOCHSCHULE: Die «graue Revolution» in den Firmen

Eine alternde Belegschaft und Nachwuchsmangel: Unternehmen stehen künftig vor grossen Herausforderungen – eine Ebikonerin zeigt nun Lösungen auf.

Christian Hodel
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Selina Wyss: «Für ein Unter­nehmen ist eine altersdurchmischte Belegschaft enorm wichtig.» (Bild Corinne Glanzmann)

Selina Wyss: «Für ein Unter­nehmen ist eine altersdurchmischte Belegschaft enorm wichtig.» (Bild Corinne Glanzmann)

Die Gesellschaft altert unaufhörlich weiter. Die Lebenserwartung in der Schweiz ist zwischen 1960 und 2011 von 71 auf 82 Jahre gestiegen, die Geburtenrate hat im gleichen Zeitraum abgenommen. Dies hat Konsequenzen, etwa für die Wirtschaft. Die Frage stellt sich, wie Unternehmen mit der ‹grauen Revolution› umgehen und ob sie darauf genügend vorbereitet sind.

Selina Wyss (24) aus Ebikon hat sich für ihre Bachelorarbeit an der Hochschule Luzern – Wirtschaft mit dieser Frage beschäftigt und Antworten gefunden. Sie wollte von zehn Personalverantwortlichen von Grossunternehmen wissen, wie ihre Firma mit der alternden Belegschaft umgeht. «Die Antworten waren ganz unterschiedlich», sagt Wyss. Einzelne Firmen würden bewusst auf junge Mitarbeiter oder ältere Mitarbeiter setzen. «Für ein Modehaus beispielsweise trägt dies zur Markenbildung bei.» Und bei routinierten Aufgaben seien die Probleme weniger spürbar, so Wyss. «Bei Fliessbandarbeit etwa spielt das Alter des Mitarbeiters nur eine geringe Rolle.»

Ältere coachen die Jüngeren

Fest steht, dass sich alle der zehn untersuchten Unternehmen – darunter die Schindler Aufzüge AG und die V-Zug AG – mit der alternden Belegschaft befassen, wenn auch noch wenig intensiv. «Die Unternehmen haben in den letzten Jahren vor allem die Wirtschaftskrise zu überstehen versucht.» Dennoch würden viele Firmen bereits heute ziemlich viel in diesen Bereich investieren. So würden die untersuchten Unternehmen etwa spezifisch für die älteren Mitarbeiter Computerkurse anbieten oder darauf achten, dass in allen Teams sowohl jüngere wie auch ältere Mitarbeiter vertreten sind. «Die Älteren coachen vermehrt die Jüngeren oder stehen ihnen beratend zur Seite», sagt Wyss. Für ein Unternehmen sei eine altersdurchmischte Belegschaft enorm wichtig. «Die Jungen kommen mitten aus dem Leben und haben neue Ideen, die Älteren dafür das Wissen.» Gegenseitige Anpassung sei gefragt, damit alle profitieren. «Heute arbeiten in den Unternehmen drei Generationen miteinander. Allen gerecht zu werden, ist hoch komplex.»

«Das Thema geht uns alle an»

Doch warum beschäftigt sich eine 24-Jäh­ri­ge mit dem Altern der Gesellschaft? «Das Thema geht uns alle an», sagt Wyss. Immer weniger Junge werden künftig auf dem Arbeitsmarkt sein, der Kampf um deren Rekrutierung verschärft sich. «Gleichzeitig muss ein Unternehmen dafür sorgen, dass die Älteren à jour bleiben.» Es seien schwierige Fragen, die sich Unternehmen stellen müssen. «Die Unternehmen beginnen erst richtig, sich klar zu werden, was die demografische Entwicklung für sie bedeutet.» Lösungen seien nun gefragt. Die Schlagwörter heissen: flexible Arbeitszeiten, Home-Office oder Teilzeitstellen. Und was ist mit der Frühpensionierung? «Weniger sinnvoll», sagt die Hochschulabsolventin. Viele Unternehmen würden ihren Mitarbeitern zu Recht davon abraten. «Damit der Wissenstransfer gut über die Bühne geht, sollten die kurz vor der Pensionierung stehenden Mitarbeiter sukzessive ihr Pensum reduzieren können», sagt Wyss.

«Der Aufwand hat sich gelohnt»

Ihre Bachelorarbeit handle laut Wyss nur einige Aspekte des komplexen Themas ab. Umso mehr freue es sie, dass das Institut für Finanzdienstleistungen der Hochschule Luzern aufgrund ihrer Arbeit in diesem Bereich weiter forschen wird. Was genau, sei noch unklar. Aber es zeige ihr, dass sie mit dem Thema richtig lag, sagt Wyss. «Jedes Unternehmen muss sich mit den Fragen auseinandersetzen.» Und sie, wie sieht die Studienabsolventin das Altern? «Ich bin noch jung», sagt Wyss. Zuerst wolle sie den Berufseinstieg schaffen, sich irgendwo im Finanzbereich ein Praktikum suchen. «Alles andere werde ich sehen.» Zuerst erhole sie sich aber von den Prüfungen und der Bachelorarbeit. «Das Studium war herausfordernd und auch anstrengend. Doch ich bin stolz auf meine Leistung und überzeugt, dass sich der Aufwand definitiv gelohnt hat.»