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HOCHWASSERSCHUTZ: Ob beschaulich oder reissend: Nun hat der Fluss wieder Platz

Die Kleine Emme ist in ihrem Mündungsgebiet aus einem engen Korsett befreit worden. Das macht den Fluss berechenbarer und gleichzeitig attraktiver – für Mensch und Tier.
Christian Peter Meier
Das bräunliche Wasser der Kleinen Emme fliesst im Mündungsgebiet beim Seetalplatz durch einen neuen Flussarm (Bildmitte). Rechts die Reusszopfinsel.Bild: Nadia Schärli (Emmen, 26. Oktober 2016)

Das bräunliche Wasser der Kleinen Emme fliesst im Mündungsgebiet beim Seetalplatz durch einen neuen Flussarm (Bildmitte). Rechts die Reusszopfinsel.Bild: Nadia Schärli (Emmen, 26. Oktober 2016)

Die Kleine Emme ist ein beschauliches Gewässer. Doch bisweilen zeigt sie ihr wildes Gesicht, und ganz selten verwandelt sie sich gar in einen reissenden Fluss. So wie am 22. August 2005. Damals kam es nach starken Regenfällen zu verheerenden Überschwemmungen. Um die 650 Kubikmeter Wasser schossen dort damals pro Sekunde durch das dafür viel zu kleine Flussbett der Kleinen Emme in Richtung Reuss.

Seit dem Ereignis ist über ein Jahrzehnt vergangen. In der ganzen Schweiz wurden zahlreiche Hochwasserschutzmassnahmen an die Hand genommen. Auch die Kleine Emme erhält nach und nach mehr Raum. Es ist bis jetzt das grösste und mit Abstand teuerste Wasserbauprojekt des Kantons Luzern.

39 Millionen Franken werden verbaut

Ein wichtiger Sanierungsschritt ist diesen Herbst weitgehend abgeschlossen worden: jener im Gebiet Seetalplatz, also da, wo es 2005 zu den grössten Schäden kam. Weil im Bereich der Grossbaustelle derzeit ohnehin kein Stein auf dem anderen bleibt, mag die Veränderung vielen nicht gross auffallen. Dabei sind die wasserbaulichen Massnahmen hier markant: 39 Millionen Franken werden investiert – wobei sich neben dem Kanton auch der Bund, die betroffenen Gemeinden, die SBB und Dritte an der Finanzierung beteiligen. Mehrere hier neu gebaute Brücken sind in diesem Betrag nicht eingerechnet, weil sie im Rahmen des Seetalplatzprojektes dem Budget für den Strassenbau zugeordnet werden.

Ein Spaziergang im neu gestalteten Bereich macht klar, wie viel sich hier tatsächlich verändert hat. Mit dabei: Urs Zehnder (59), diplomierter Forstingenieur ETH der Dienststelle Verkehr und Infrastruktur des Kantons Luzern. Als Projektleiter Naturgefahren kennt er die Situation wie kaum ein Zweiter. Man spürt, dass Zehnder nicht nur viel Arbeit in dieses facettenreiche Projekt investiert hat, sondern dass dabei auch einiges Herzblut geflossen ist.

«Leider hat es geregnet», rekapituliert Zehnder zu Beginn des Treffens die aktuelle meteorologische Situation. Dar­um seien die getroffenen Massnahmen nicht alle gleich gut zu erkennen. Tatsächlich ist die Kleine Emme gerade bräunlich gefärbt und führt um die 52 Kubikmeter pro Sekunde. Das ist klar überdurchschnittlich (und doch so wenig im Vergleich zum damaligen Hochwasser). Urs Zehnder schafft es mit seinen Erklärungen allerdings problemlos, leicht getrübte Einblicke zu kompensieren. Vorab macht er klar, dass es nicht nur darum ging, dem Fluss im Gebiet Reusszopf mehr Raum zu geben. «Gleichzeitig wurde das Gewässer ökologisch aufgewertet und auch als Erholungsraum nutzbar gemacht», betont er.

Am offensichtlichsten ist dennoch die Aufweitung des Flusslaufs. Denn unmittelbar vor der Mündung in die Reuss teilt sich die Kleine Emme nun auf – in das verbreiterte ursprüngliche Flussbett und einen neu geschaffenen zusätzlichen Flussarm. Dazwischen ist die Reuss­zopfinsel entstanden. Dieses flache Landstück kann von künftigen Hochwassern überflutet werden, ohne dass es substanziellen Schaden nehmen soll.

Auch in der Vertikalen wird der Kleinen Emme am Seetalplatz nun mehr Platz gegeben, weil alle Übergänge entweder neu gebaut oder im Falle der SBB-Brücke ergänzt wurden. Es fehlt nur noch die obere Zollhausbrücke, die derzeit neu erstellt wird – und zwar um rund 5 Meter verlängert, versehen mit einer gewölbten Unterseite. Letzteres soll verhindern, dass sich bei Hochwasser Schwemmmaterial an der Brücke verkeilt.

Fische wandern bereits flussaufwärts

Der Augenschein macht klar: Hier kann notfalls sehr viel mehr Wasser durchfliessen als früher. «Ein vergleichbares Ereignis wie jenes von 2005 sollte hier nun keine Schäden mehr verursachen», fasst Urs Zehnder die Berechnungen der Fachleute zusammen.

Weil der Fluss jetzt viel mehr Platz hat, konnten zum Teil flache Uferzonen gestaltet werden. Bei normalem Wasserstand benötigt die Kleine Emme ohnehin nicht den ganzen zur Verfügung stehenden Raum. Dadurch ergibt sich gemäss Zehnder eine natürliche Dynamik: So können sich etwa Kiesbänke bilden und Wasserbereiche mit geringer Strömung. Neue Lebensräume für Tiere und Pflanzen wurden indes auch ganz bewusst geschaffen: etwa im Bereich der sogenannten Reusszopf-Aue, wo aus einer früheren Brache ein kleines Naturschutzgebiet entstand. Ins Auge sticht auch Totholz, das ruhige Uferzonen schafft, damit dort Kleinlebewesen nicht der Strömung ausgesetzt sind.

Besonders stolz ist Urs Zehnder auf die Tatsache, dass der sanierte Flussabschnitt nun wieder für Fische durchgängig ist. «Im neuen Flussarm haben wir die Sohle mit Steinblöcken versehen und so eine aufgelöste Blockrampe gebaut», erklärt der Fachmann. Diese Rampe ermöglicht es selbst den schwachen Schwimmern unter den Fischen, Wanderhindernisse zu überwinden. «Das Bauwerk funktioniert», freut sich Zehnder. «So haben wir etwa weiter oben wieder Barben beobachten können.»

Auch für den Menschen ist die Kleine Emme am Seetalplatz nun attraktiver geworden – dank Fussgänger- und Velowegen in Ufernähe, Böschungen mit Sitzstufen und begehbaren kiesigen Flachufern samt lauschiger Bepflanzung.

Der Hochwasserschutz hat hier also in mehrfacher Hinsicht zu einem positiven Resultat geführt. Damit ist das Thema aber noch längst nicht abgeschlossen. Im Gegenteil: Die Kleine Emme wird den Kanton noch ziemlich lange beschäftigen. Auf einer Strecke von insgesamt 23 Kilometern sind zahlreiche weitere Massnahmen geplant. Langer Atem ist da gefragt, was auch Urs Zehnder weiss: «Flussaufwärts arbeiten wir uns langsam vor – Abschnitt für Abschnitt.»

Christian Peter Meier

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