Hörcollage
Audiowalk: Mit Presley, Gedankenspielen und Kindergeschichten im Ohr

Die beiden Luzerner Remo Helfenstein und Patrick Müller laden mit einer Hörcollage zum musikalisch-besinnlichen Spaziergang ein.

Stefan Welzel
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Wenn man im Lockdown-Winter mal rausgeht, tut man das um einzukaufen, auf Arbeit zu gehen – oder wie viele derzeit immer häufiger: um einen Spaziergang zu machen. Genau dieser Umstand brachte zwei Luzerner dazu, sich etwas Spezielles für Kulturaffine auf Entzug auszudenken: einen Audiowalk. Musiker Remo Helfenstein und Patrick Müller, ehemaliger künstlerischer Leiter des Südpols, veröffentlichen eine Soundcollage, die explizit darauf ausgelegt ist, sie sich beim Spaziergang anzuhören. In diesem Sinne wurde das 30-minütige «Quando sei solo ci sono milioni con te» auch dramaturgisch konzipiert.

Impulsgeber war Produzent Müller, umgesetzt hat die Collage Helfenstein, der zuletzt mit seinem Solo-Debüt gezeigt hat, dass er über ein feines Händchen für experimentierfreudige Soundarrangements verfügt. Das neueste Werk ist eine Koproduktion mit dem Südpol und dem B-Sides-Festival, auf der Website des Kulturhauses steht es ab heute gratis zum Download zur Verfügung.

«Quick and dirty»

Dem Projekt ging die Müllers Idee voraus, «eine Kulturform zu produzieren, die in diesen schwierigen Zeiten sowohl gut mach- als auch erlebbar ist», wie Helfenstein sagt. Die beiden haben sodann befreundete Künstlerinnen und Künstler aus unterschiedlichsten Genres angefragt, ob sie über Sprachnachrichten einen Beitrag einspielen möchten. Sie sollten Lieder auswählen und singen – und wichtig: auch darüber sprechen.

Musiker Remo Helfenstein.

Musiker Remo Helfenstein.

Bild: PD/Livio Burtscher
«Das Motto war ‹quick and dirty›, der Qualitätsanspruch an die Gesangspartien stand nicht zuoberst auf der Prioritätenliste»,

erklärt Helfenstein. Deshalb sei die Skepsis zu Beginn, zumindest bei den Musikschaffenden unter den Teilnehmenden, gross gewesen. Nur die nackte Stimme über eine Handy-Sprachnachricht: Da hätten einige doch Bedenken gehabt. Dennoch war das Feedback gross – und Helfenstein konnte vielfältiges Material sichten.

Die einzelnen Beiträge überlappen sich dabei, fliessen ineinander über und sind immer wieder durchdrungen von Helfensteins dezent eingesetzten Synthesizer- und Drumcomputer-Soundwolken. Den Start macht Max-Philip Aschenbrenner mit «Everything I Own», im Original von der Band Bread, bekannt geworden aber durch Boy Georges Coverversion in den 1980er-Jahren. Aschenbrenners Ausführungen dazu sind amüsant und lassen schmunzeln, wenn er zum Beispiel unverblümt sagt, dass «Schönheit gerade das einzige ist, was wir all der anderen Scheisse entgegenstellen können».

Berührend und charmant

Danach taucht Elvis Presleys «Are You Lonesome Tonight» gleich mehrmals auf. Das Lied wird von Evelinn Trouble herzzerreissend schön gesungen und charmant in Spoken-Word-Passagen verpackt. Sehr berührend ist auch der Beitrag von Nina Langensand. Die Schauspielerin zitiert aus einem französischen Kinderbuch, welches eine verstorbene Bekannte ihrer Tochter geschenkt hat.

Gegen Schluss liefert Helfenstein mit dem Titel-gebenden Stück einen entrückt-schwelgerisch «gesungenen Narrativ». «Quando sei solo ci sono milioni con te» heisst frei übersetzt, dass in Zeiten der Pandemie «Millionen andere mit dir alleine sind», wie Helfenstein es ausdrückt. Es geht vielen Menschen gleich, wenn sie anstatt beim geselligen Feierabendbier zu sitzen einen einsamen Nachtspaziergang um den Block machen. «Mit dem Audiowalk soll man rausgehen und eine Pause von den sich verändernden Lebensbedingungen einziehen. Dabei kann man sich einer Vielfalt von Stimmen hergeben, die einen ummanteln und das Gefühl des Aufgehoben-Seins vermitteln.» Stimmt, mit Helfensteins und Müllers Audiowalk im Ohr lässt es sich in der Tat etwas leichter und gleichzeitig besinnlicher spazieren.

«Quando sei solo ci sono milioni con te» von Remo Helfenstein und Patrick Müller. Erhältlich zum Download unter www.sudpol.ch