HOHENRAIN: Die Liebe war stärker als das Gelübde

Jahrelang führte Niklas Raggenbass ein Doppelleben als Mönch und Liebhaber, bis er den Bischof um seine Demission ersuchte. Nun will er an einem neuen Kraftort wirken.

Roger Rüegger
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Vereint im Kraftort Leuenstern: Der ehemalige Seelsorger Niklas Raggenbass und Partnerin Maria Leu. (Bild: Eveline Beerkircher (Hohenrain, 23. Dezember 2016))

Vereint im Kraftort Leuenstern: Der ehemalige Seelsorger Niklas Raggenbass und Partnerin Maria Leu. (Bild: Eveline Beerkircher (Hohenrain, 23. Dezember 2016))

Roger Rüegger

roger.rueegger@luzernerzeitung.ch

Im Volksmund würde es heissen: Niklas Raggenbass hat auf vielen Hochzeiten getanzt. Tatsache ist, dass er nie ans Heiraten dachte, aber dafür mit vielen Paaren zu tun hatte: Am Anfang als Priester am Traualtar, am Ende mancher Ehe als Jurist, wenn die Probleme zu sehr drückten.

Raggenbass war zwei Jahre Pfarradministrator in Solothurn, bis er 2015 vom Amt zurücktrat. Er habe im Umgang mit Erwachsenen die Einhaltung von Nähe und Distanz nicht immer wahren können, schrieb er 2013 an die Pfarreien. Der Hauptgrund: Er hatte sich in Maria Leu, seine heutige Lebenspartnerin, verliebt und Bischof Felix Gmür um die Demission gebeten.

Kein Verbrechen, aber eine Sünde

Wollte sich das Paar treffen, musste dies heimlich geschehen. Aber mit dem Versteckspiel waren sie nicht glücklich. Raggenbass zog die Konsequenz. «Ich habe mich keines Verbrechens schuldig gemacht, aber im kirchlichem Sinne beging ich eine Sünde. Dafür wollte ich Verantwortung übernehmen.» Der heute 62-Jährige musste Solothurn auf Anweisung des Bischofs heimlich verlassen, ohne dass jemand helfen durfte. «Ich verstand die Solothurner, die verärgert waren, weil ich plötzlich ohne Begründung verschwand. Doch für das Dunkle und all die unstimmigen Seiten in meinem Mönch- und Priesterleben musste ich Stillschweigen bewahren.»

Drei Monate verbrachte er danach in einem deutschen Kloster. Gespräche mit dem Benediktinerpater und Buchautor Anselm Grün folgten. Er begleitet Ordensleute, die sich in einer Krise befinden. Abgründe taten sich auf. «Alleine hätte ich mir wohl etwas angetan. Da war viel Unverarbeitetes, vor dem ich immer davonrannte. Ich spürte einen Hass auf mich selbst und bitteren Ärger über mein Scheitern. Immer wieder fragte ich mich, warum ich mit der Sexualität, der Sehnsucht nach Zuneigung nicht zurechtkam.» Jahrelang habe er ein Leben in Lügen geführt, eine Doppelrolle als Mönch und Liebhaber gespielt. Und das Zölibat? Dieses konnte er als Begründung vorbringen, um einer Beziehung zu entfliehen. «Das zog fast immer. Zurück blieben zerbrochene Herzen und das Gefühl, schuldig zu sein», sagt der Mann, der im Gespräch mehrmals versucht, Tränen zu unterdrücken.

Bevor Raggenbass als Mittdreissiger Mönch wurde, führte er ein weltliches Leben. Nach der Schule sah er den Sinn nicht, eine Ausbildung zu machen. In der Hochkonjunktur der Nachkriegsjahre verdiente er als Taxifahrer in Kreuzlingen gutes Geld, später arbeitete er als Croupier in einer Spielbank in Baden-Baden (D). Mit 30 holte er die Matura nach und absolvierte ein Jurastudium.

An der Universität Zürich hatte er mit alten Handschriften zu tun und sass oft in Bibliotheken – auch im Kloster Engelberg. Dort gab ihm eines Tages ein Pater einen Schlüssel. Das Innere der Gemäuer faszinierte ihn. Für einen Juristen hatte Abt Berchtold allerdings keinen Bedarf. So wurde Raggenbass Benediktinermönch. Er gelobte, die klösterliche Lebensform und das Zölibat einzuhalten, nahm in München das Theologiestudium auf, das er mit dem Doktorat abschloss.

In Stossgebeten seine Aufgabe hinterfragt

Nach verschiedenen Stationen – unter anderem als Chefredaktor der Zeitschrift «Der Sonntag» und als Seelsorger der Pfarrei St. Michael in Zug, führte der Weg nach Solothurn. Hier endete sein Lebensabschnitt als Geistlicher – und es begann eine Reise in sein Innerstes. In seinem Dilemma verstand Raggenbass plötzlich all die Menschen, die bei ihm als Seelsorger im Pfarrhaus anklopften, weil das Ende der Fahnenstange für sie erreicht war. «Da wurde mir bewusst, dass ich mein Leben ändern muss. Denn plötzlich wäre ich selber Gefahr für alle, die Ähnliches durchmachen und noch nicht ehrlich mit sich sein können. Wer würde noch zu mir stehen? Was will der Herr von mir?», habe er sich in vielen Stossgebeten gefragt.

Paar will Menschen im Kraftort versammeln

Heute wohnt Raggenbass mit Maria Leu in deren Elternhaus in Hohenrain. Hier betreiben die beiden den Kraftort Leuenstern, eine Stätte der Begegnung, «wo Kultur und Kulinarik sich die Hand reichen». Derzeit wird auf dem Grundstück ein Anbau errichtet. Es entsteht ein Restaurant, das Raggenbass als Wirt und Leu als Gastgeberin ab Mai führen wollen. Im Wohnhaus stehen Stuben für Sitzungen oder Workshops zur Verfügung. Im gewölbten Keller soll es Platz haben für Theater oder Degustationen.

Hilfe und Unterstützung erhalten sie aus der Nachbarschaft. Sei es die Bäuerin mit ihrem Apfelkuchen, der Schnapsbrenner mit einheimischem Brand oder der Fischereibetrieb mit der kalt geräucherten Forelle. «Wir führen das Gasthaus, weil wir beide immer gerne Leute eingeladen und für sie gekocht haben. Die Idee ist, dass unsere Nachbarn dabei involviert sind», sagt Raggenbass, der seit der Demission in Solothurn faktisch arbeitslos ist.

Sein Leben als ehemaliger Seelsorger ist noch nicht ganz abgeschlossen: Bereits vor über einem Jahr ersuchte Raggenbass Papst Franziskus in einem Brief, ihn aus dem Klerikerstatus zu entlassen. «Bis heute hat er mir nicht geantwortet, auch auf ein zweites Schreiben nicht», sagt der Mann, der sich gerne weiterhin für die Kirche engagieren würde und Benediktinermönch bleibt, solange ihn der Papst nicht freistellt. «Wollen Sie heiraten, wenn der Papst Ihren Brief positiv beantwortet?» fragen wir ihn beim Abschied. «Nur mit Scheu denke ich daran. Es gibt viele Verletzungen, die ich anderen zugefügt habe, und es gibt viele dunkle Wunden in mir. Das sind Dornen. Die Hoffnung begleitet unseren Weg, dass in den Farben der Rosen eine Kraft ist, die Käfige durchbricht.»