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HOHENRAIN: Wie hörbehinderte Kinder den Draht zur Welt fanden

Vor 169 Jahren öffnete die erste Schule für Hörbehinderte im Kanton. Nun schliesst diese ihre Türen. «Schuld» daran ist der technische Fortschritt.
Evelyne Fischer
Revolutionäre Apparatur in den 1940er-Jahren in Hohenrain: ein Hörschlauch zur akustischen Verstärkung. (Bild: PD)

Revolutionäre Apparatur in den 1940er-Jahren in Hohenrain: ein Hörschlauch zur akustischen Verstärkung. (Bild: PD)

Wie die Tentakel eines Oktopusses schlängeln sich die Schläuche zu den Ohren. Am Mundstück die unterrichtende Klosterfrau, am Schlauchende die Kinder. Wer in der Geschichte der Hörbehindertenschule stöbert, kommt um den Hörschlauch nicht herum. Die Apparatur galt in den 1940er-Jahren als revolutionär. Tempi passati. Heute gleichen Hörhilfen einem Knopf im Ohr.

Wenn in drei Wochen die Sommer­ferien beginnen, endet in Hohenrain eine Ära. Nach 169 Jahren wird die Hörbehindertenschule – frühere Taubstummenanstalt – geschlossen. Für immer. Denn die Klassenzimmer haben sich markant geleert. Im Schuljahr 2006/07 besuchten 40 Kinder und Jugendliche die Hörbehin­dertenschule. Heuer sind es noch deren 11. «Mit den verbliebenen Schülern liesse sich keine ganze Klasse mehr bilden. Der Zeitpunkt für die Schliessung ist gekommen», sagt Charles Vincent, Leiter der kantonalen Dienststelle Volksschulbildung. Der Beschluss des Regierungsrates ist bereits im Mai 2013 erfolgt. Auf die Frage, ob sie jetzt – kurz vor Schluss – Wehmut verspüre, sagt Rektorin Marie-Theres Habermacher nüchtern: «Die drei Jahre gaben uns Zeit, vieles zu regeln und uns auf den Abschluss vorzubereiten.»

Anfänge in Werthenstein

Den Grundstein für die Taubstummenanstalt – und damit auch für die Sonderschulung im Kanton – legt Kaplan Josef Grüter aus Ruswil. Den Ausschlag dafür gibt ein taubstummes Mädchen in seiner Pfarrgemeinde Menznau. Bei Gesprächen zeigt sich, «dass sein Verstand über das Kindische hinausstreben möchte und es an seiner geistigen Entwicklung nur durch seine verschlossenen Sinnesorgane gehindert werde», hält Grüter in seinen «Erinnerungen» fest.

Anno dazumal bietet jedoch nur eine Privatanstalt in Einsiedeln Taubstummenunterricht an. Derart teuer, dass das Institut «nur für Reiche zugänglich sein konnte», so Grüter. «Dieser Umstand erweckte in mir den Gedanken, welche Wohltat es wäre, wenn eine Taubstummenanstalt errichtet würde, an welcher auch die ärmere Klasse Antheil haben könnte.» 1840 wird im ehemaligen Kloster Werthenstein die «Kantonaltaubstummenanstalt» eröffnet. 1847 erfolgt der Umzug in die Johanniterkommende von Hohenrain. 1873 wird die Leitung den Ingenbohler Schwestern übertragen. Diese prägen die Institution insgesamt 126 Jahre lang. Ab den 1970ern aber geht die Zahl der Schwestern zurück, weltliche Lehrer und Erzieher treten an ihre Stelle.

Über 120 Schüler in der Blütezeit

Gestartet ist die Taubstummenanstalt seinerzeit mit 25 Kindern. In der Blütezeit der 1990-Jahre zählte die Bildungsinstitution über 120 Kinder und Jugendliche. Damals wurde der erste gehörlose Miterzieher eingestellt, mit ihm hielt die Gebärdensprache Einzug. «Jene wurde lange als Barriere wahrgenommen, die Kinder daran hinderte, die Lautsprache zu erlernen», sagt Habermacher. Diese galt damals als erstrebenswerter. Erst die letzte Hohenrainer Klasse ist bilingual unterrichtet worden. «Darin widerspiegelt sich der heutige Stellenwert der Gebärdensprache.»

Hohenrain war die Anlaufstelle für Hörbehinderte aus der ganzen Zentralschweiz und bot Unterricht bis zur 3. Oberstufe. «Sogar Schüler aus den Kantonen Wallis und Freiburg sassen in den Klassen», sagt Charles Vincent. Dass die Institution nun aus der Bildungslandschaft verschwinde, sei schade, aber nachvollziehbar. «Dass uns die Schüler fehlen, ist eigentlich positiv und auf die enormen Fortschritte im medizinischen und technischen Bereich zurückzuführen.» Cochlea-Implantate – eine Art Prothese im Innenohr, die mit einem Hörgerät verbunden ist – leiteten die Wende ein. So kann das Hörvermögen von Kindern, deren Hörnerv intakt ist, gesteigert werden. «Zudem ist es dank der Entwicklungen in der Regelschule heute möglich, den grössten Teil der hörbehinderten Kinder integriert zu schulen.» Dies berge aber auch Risiken, sagt Rektorin Habermacher. «Betroffenen fehlen Vorbilder oder Gspändli mit Hörbehinderung, die ihnen helfen, sich mit der Situation auseinanderzusetzen und zu identifizieren.» Diese Sorge kann Vincent nachvollziehen. «Es mag stimmen, dass gewisse Betroffene künftig nicht mehr gleich stark in die Gehörlosenwelt integriert sind. Wer hingegen die Regelschule besucht, kann sich im gewohnten sozialen Umfeld der Hörenden bewegen. Das erachte ich als grossen Vorteil.»

«Grösste Errungenschaft» bleibt

Ein Teil der elf verbliebenen Schüler wird im Herbst eine Ausbildung beginnen. Die übrigen müssen in eine Gehörloseninstitution in Nachbarkantonen ausweichen. «Nächstes Jahr sind dies voraussichtlich sechs Schüler», so Vincent. Die betroffenen Lehrer konzentrieren sich künftig auf den Unterricht mit Sprachbehinderten – diese Abteilung des Heilpädagogischen Zentrums bleibt wie jene für Kinder und Jugendliche mit geistiger und Mehrfachbehinderung bestehen.

Dies trifft auch auf den audiopädagogischen Dienst zu, «eine der grössten Errungenschaften der Schule», wie Vincent und Habermacher unisono sagen. Der Dienst berät und fördert rund 250 hörbehinderte Kinder und Jugendliche in der Zentralschweiz, hilft bei der Integration in Regelklassen und den Berufsalltag. «Die Verantwortlichen organisieren auch Treffen unter Gleichgesinnten, damit sich Betroffene mit ihrer Hörbehinderung auseinandersetzen können», sagt Habermacher. Denn in den 169 Jahren blieb ein Ziel das gleiche: Hörbehinderte vor der Isolierung bewahren. Egal, ob via Hörschlauch oder Knopf im Ohr.

Evelyne Fischer

HINWEIS

Quelle: Hanns Fuchs, «Eine Erfolgsgeschichte – 169 Jahre Hörbehindertenbildung in Hohenrain». Das Buch ist ab Juli im HPZ Hohenrain erhältlich. Die Geschichte der Hörbehindertenschule wurde für eine Ausstellung im Turm Roten aufgearbeitet. Geöffnet bis Oktober immer am ersten Sonntag im Monat, 14 bis 17 Uhr, Eintritt frei.

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