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HORW: Der Kreisel, der Identität stiftet

2009 gestaltete Tommy Glutz mit Sehbehinderten einen Kreisel, der auf Menschen mit Sehbehinderung aufmerksam macht. Die Farbe der Skulptur ist inzwischen verblasst, die soziale Botschaft aber bleibt aktuell.
Urs-Ueli Schorno
Der Kreisel Ringstrasse/Allmendstrasse/Ebenaustrasse in Horw wurde von Sehbehinderten gestaltet. (Bild: Pius Amrein (Horw, 17. August 2017))

Der Kreisel Ringstrasse/Allmendstrasse/Ebenaustrasse in Horw wurde von Sehbehinderten gestaltet. (Bild: Pius Amrein (Horw, 17. August 2017))

Urs-Ueli Schorno

ursueli.schorno@luzernerzeitung.ch

In der Gemeinde Horw sind das Blindenheim und das Bildungs- und Begegnungszentrum für Sehbehinderte angesiedelt. Die beiden Institutionen sind unabhängig voneinander, werden aber gern verwechselt. «Das hat sich mit dem Kreisel ein bisschen geändert», sagt Tommy Glutz (55). Er ist Fachmitarbeiter des Bildungs- und Begegnungszentrums BBZ an der Allmendstrasse 5 in Horw. Das Zentrum wird vom Schweizer Blinden- und Sehbehindertenverband SBV betrieben. Tommy Glutz erzählt dies mit einem Augenzwinkern. Denn auch dem Autor dieser Kreiselgeschichte widerfuhr dieses Malheur, als er den Kontakt zu Tommy Glutz recherchierte. Statt dem Schweizerischen Blindenverband SBV schrieb er den Blinden-Fürsorge-Verein an, der das Blindenheim in der unmittelbaren Nachbarschaft betreibt.

Glutz setzte sich im Jahr 2009 dafür ein, dass die Benutzer des BBZ den Kreisel Ringstrasse/Allmendstrasse/ Elbenaustrasse gestalten durften. «Ziel war es, ein Zeichen dafür zu setzen, dass Blinde nicht übersehen werden», erklärt er. Damit das Vorhaben gelang, musste er sein eigenes kreatives Schaffen hintenanstellen. «Die Papierarbeit erforderte viel Zeit, zudem begannen wir mit der Arbeit ohne Budget.» Umso mehr legten sich die Benutzer des BBZ ins Zeug. Sie entwickelten zwei Modelle, wobei die Gemeindeverwaltung Horw einen Favoriten kürte.

Für einmal ziehen alle am selben Strick

Rund 30 Personen arbeiteten an der Skulptur mit fünf Figuren von zwei Metern Höhe aus Metall. Diese sind in der einen Hand mit einem Blindenstock ausgestattet, dem Symbol für die Sehbehinderung. In der anderen Hand halten sie Kugeln, die zugleich solarbetriebene Leuchtkörper sind. Diese repräsentieren die Blindenschrift, die tastbaren Punkte, die es möglich machen, auch ohne Augenlicht zu lesen. In der Mitte, auf rund fünf Metern Höhe, thront ein rotes Egli, das Wappentier der Gemeinde Horw. «Es war die Idee, einen Bezug zu Horw herzustellen», erklärt Tommy Glutz. Der Fisch besteht aus einem wetterfesten Isolationsmaterial, das mit einem Kunststoff ummantelt ist, der auch zur Herstellung von Kinderspielgeräten wie Rutschbahnen verwendet wird. «Inzwischen hätte er mal ­einen neuen Anstrich verdient. Vielleicht findet sich jemand, der uns unterstützt», sinniert Glutz.

Für die Rohstoffe – Metall, Kunststoffe, aber auch Beton – stellten verschiedene Firmen aus der Region Material zur Verfügung. Gratis oder zum Unkostenpreis. «Dass schliesslich eine Bank mit 10000 Franken als Sponsor einsprang, war für uns ein Segen», sagt der Projektleiter. Doch das eigentliche Handwerk wurde in der Werkstatt des Bildungs- und Begegnungszentrums vollbracht. Glutz und sein Team bereiteten dabei die einzelnen Arbeitsschritte so vor, damit die Sehbehinderten und Blinden, die sich vor allem auf ihren Tastsinn verlassen können, die restliche Arbeit selbstständig bewerkstelligen konnten.

Einer von ihnen ist Marco Melchior. «Es war harte Arbeit, vor allem die Bearbeitung des Metalls», sagt der 74-Jährige, der «trotz zwei linker Hände», wie er mit einem Lachen anfügt, mit anpackte. Er setzte sich zum Ziel, ­einen der Blindenhunde in die richtige Form zu biegen – was gelang. Sein Kollege Seppi Zimmermann ist zwar blind, erkennt mit seinem Tastsinn aber die Formen und konnte so tatkräftig mithelfen. Sein Motto sei gewesen: «Auf Biegen und Brechen.»

Besonders beeindruckend war für Marco Melchior die Motivation, die das Kreiselprojekt bei den BBZ-Benutzern auslöste. «Bei diesem Projekt zogen für einmal alle am selben Strick», erinnert er sich. «So hat der Kreisel viel für unser Gemeinschafts­gefühl bewirkt», ergänzt er.

Kreisel findet Eingang in die Umgangssprache

Für gewöhnlich würden die Benutzer an ihren eigenen Projekten arbeiten oder legen Hand an für Gegenstände, die im Auftrag angefertigt werden. Das BBZ bietet die Plattform, zahlt aber keine Entlohnung – die ergibt sich allenfalls aus dem Verkauf der eigenen Arbeiten. Der Kreisel sei in vielerlei Hinsicht ein Ausnahmeprojekt gewesen. Mit einem Eröffnungsfest wurde er 2010 eingeweiht.

Der «Kreisel mit einer sozialen Botschaft» erhielt einige mediale Aufmerksamkeit. Einige sagten gar, er sei der erste seiner Art gewesen, bei dem eine gesellschaftliche Gruppe in den Mittelpunkt gerückt wurde. Heute, rund zehn Jahre später, ist der Kreisel Normalität geworden. Es ist wohl das Schicksal der meisten Verkehrsknoten. «Natürlich ist das Thema etwas abgeflacht», bestätigt Marco Melchior. Präsent sei das Bauwerk dennoch im alltäglichen Sprachgebrauch an der Allmendstrasse. «Um den Weg zum BBZ zu beschreiben, benutzen wir oft den Ausdruck ‹bei unserem Kreisel›, so können wir die Anfahrt zur Allmendstrasse am besten erklären.»

In Horw sind sich alle einig: Der Kreisel war das grösste Projekt der vergangenen Jahre. Das bestätigt auch Seppi Zimmermann, der das BBZ schon viele Jahre nutzt. Ein Werk, das gegen aussen die soziale Botschaft vermittelt und gegen innen Identität stiftet. Etwas, das bleibt. «Auf dieses Projekt können wir nach wie vor stolz sein!»

Ob in der nächsten Zeit ein ähnlich grosses Projekt ansteht? Tommy Glutz: «Wir suchen einen Platz für unser BBZ.» Die Überbauung an der Allmendstrasse wird nämlich abgerissen und muss einem Neubau weichen. Sicher bis 2018 könne man am angestammten Platz bleiben, möglicherweise noch länger. «Aber das wissen wir nicht.» Die Suche nach einem geeigneten Lokal sei aufgrund beschränkter finanzieller Möglichkeiten des Schweizerischen Blindenverbandes SBV nicht ganz einfach. Was bleiben wird, ist der Kreisel. Wie die Wegbeschreibung zum neuen Ort des Bildungs- und Begegnungszentrums lauten wird, ist noch offen. Vielleicht gibt es ja auch am neuen Ort einen Kreisel, der noch nicht gestaltet ist.

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