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HORW: Der tägliche Wahnsinn auf dem Ökihof

Auf dem Ökihof Horw geht es jeden Tag wie in einem Ameisenhaufen zu und her. Im letzten Jahr haben 255000 Personen 3425 Tonnen entsorgt – manchmal auch die falschen Gegenstände. Doch die Mitarbeiter und die Pressen kennen kein Pardon.
Oliver Schneider
Elektrogeräte, Karton, Papier, alte Farbbehälter und zum Teil sogar nagelneue Möbelstücke werden im Ökihof entsorgt. (Bild: Nadia Schärli (Horw, 7. August 2017))

Elektrogeräte, Karton, Papier, alte Farbbehälter und zum Teil sogar nagelneue Möbelstücke werden im Ökihof entsorgt. (Bild: Nadia Schärli (Horw, 7. August 2017))

Oliver Schneider

region@luzernerzeitung.ch

Die mannshohe Mulde presst gerade den letzten Spielzeug-Plastikkran in ihren Schlund. Daneben wird ein unkenntliches Objekt langsam um seine eigene Achse gedreht. Was soll dieses Ding eigentlich darstellen? Endlich ist der richtige Blickwinkel gefunden: Es ist eine blutige Fratze, aufgespiesst von einer Lanze. Ein Überbleibsel der Fasnacht, das nun nicht mehr gebraucht wird. Und im nächsten Moment fliegt das Ding auch schon in hohem Bogen in das Maul des Containers, welches Fratze samt Lanze gierig verschlingt. Wir befinden uns im Ökihof in Horw. Er ist einer von elf bedienten Wertstoffsammelstellen in der Region Luzern.

Insgesamt sammelte der Ökihof Horw im letzten Jahr 3425 Tonnen Abfall. Das sind rund 400 Tonnen mehr als noch drei Jahre zuvor. Die Sammelstelle in Horw war die erste ihrer Art und öffnete im September 2003 ihre Tore. Hermann Herren, Leiter des Ökihofs in Horw, ist dabei, seit vor 14 Jahren die erste Mulde aufgestellt wurde. Er und sein Team aus sechs Mitarbeitern sorgen dafür, dass jedes Stück Abfall in die richtige Mulde kommt. Bei dieser Menge kann es aber schon einmal zu Verwechslungen kommen. «Ein Vater kaufte seinem Sohn einmal einen nagelneuen Computer und beauftragte ihn gleich, den alten beim Ökihof zu entsorgen», sagt Herren. «Am Abend stellte sich dann heraus, dass der Sohn seine neue Errungenschaft anstatt des alten Modells auf den Elektroschrott geworfen hat.» Vater und Sohn seien in letzter Hoffnung zum Ökihof zurückgekehrt, doch der Computer war schon lange verschwunden. Der junge Mann hat wohl keine Chance gehabt, denn gleich nach der Abgabe wird jeder Bildschirm mit einem fürchterlich krachenden Geräusch in zwei Teile gebrochen.

Auch nagelneue Möbelstücke werden entsorgt

Die Ökihöfe bekommen zunehmend die Folgen unserer Konsum- und Wegwerfgesellschaft zu spüren. «Es werden immer wieder Möbelstücke weggeworfen, die noch frisch verpackt sind», sagt Herren. Zusätzlich seien die Waren heute auch schlichtweg kurzlebiger als vor 50 Jahren. Dieser Entsorgungsdrang hat direkte Auswirkungen auf den Ökihof in Horw. Seit 2013 sei die Zahl der Benutzer um 56000 Personen gestiegen (siehe Kasten). «Die Sammelstelle platzt bald aus allen Nähten», sagt Herren.

Einen Eindruck davon kriegt ein Mann, der vor der Arbeit noch kurz sein Altglas verwerten will. Als er gute zehn Minuten bevor die Tore der Entsorgungsstelle öffnen mit seinem Töffli antuckert, warten schon vier Autofahrer, die genau dieselbe Idee gehabt haben. Zum Glück kann er mit seinem Töffli links vorbeifahren und sich als Erster aufstellen. Kommt der Ökihof-Kunde um 11 Uhr, sieht er sich folgender Situation ausgesetzt: elf besetzte Parkplätze, ein Auto inklusive Anhänger auf einem Extraplatz und sechs wartende Fahrzeuge vor sich. Und das an einem gewöhnlichen Montagmorgen. «Das Schöne daran ist, wir werden sicher nicht arbeitslos», sagt Herren und lacht über den Maschinenlärm hinweg.

Was weggeworfen wurde, kriegt man nicht zurück

Eine Regel muss sich der Kunde beim ganzen Entsorgungswahn aber im Hinterkopf behalten: Was weggeworfen wurde, kriegt man nicht zurück. Das muss auch an diesem Tag eine Kundin am eigenen Leib erfahren. Mit bittendem Blick fragt sie nach ihrem abgegebenen Gegenstand. Doch der Maschinenlärm verschluckt das Wort der Frau, wie die Maschine bald auch ihren Gegenstand schluckt. Hermann Herren muss nicht wissen, um was für einen Gegenstand es sich handelt: «Wir dürfen nichts zurückgeben.» Da sich Herrens Meinung auch nach wiederholtem Bitten nicht ändert, stapft die Frau mit nun verständnislosem Blick davon. Währenddessen füllt sich schon die nächste gelbe Mulde bis über den Rand mit Karton. Für die Mitarbeiter heisst das, die entnervte Frau vergessen und zur Entleerungsstelle eilen. Die Räder der gelben Mulde rattern über den Asphalt. Vorbei an einem Hammer, der gerade dabei ist, einem abgenutzten Schulpult die letzte Ehre zu erweisen, sodass die Holzsplitter nur so in der Luft rumfliegen.

Vor Freude am Entsorgen die eigene Frau vergessen

Wie in einem Ameisenhaufen eilen Mitarbeiter und Kunden auf dem Ökihof auf und ab. In den Händen tragen sie ein Bündel Karton, ein paar verrostete Pfannen oder einen Stapel gelesener Bücher. «Täglich entsorgen durchschnittlich 300 Leute kostenpflichtige Abfälle», sagt Herren. Dazu würden noch 500 Kunden kommen, die gratis Wertstoffe wie Altmetall, Elektroschrott, Papier und Karton abgeben. Dabei muss es für manche Besucher schnell gehen. Ihr Hauptgedanke: aus den Augen, aus dem Sinn. «Steht der Recycling-Gedanke nicht im Vordergrund, so landet eine Pink-Floyd-CD gerne einmal bei den Büchern», sagt Herren. In diesen Fällen ist es die Pflicht der Mitarbeiter, ständig die Augen offenzuhalten und wieder für Ordnung zu sorgen.

Die Besucher, denen Recycling am Herzen liegt, überwiegen hier aber klar. Auch ein kleiner Bub verhält sich in dieser Hinsicht vorbildlich. Er wiegt jede einzelne PET-Flasche in seinen winzigen Händen und wirft sie schliesslich mit einer fast schon lächerlichen Sorgfalt und Papas Hilfe zu seinesgleichen. Samt Kind und Kegel ist dieser Vater heute mit einem vollgepackten Auto zum Ökihof gefahren. Ein Familienausflug der besonderen Art. In den glänzenden Augen der Kinder widerspiegelt sich aber Freude, die kein Lego-Land der Welt besser hätte hervorrufen können. «Einem erwachsenen Kunden hat das Entsorgen einmal so grossen Spass gemacht, dass er just seine eigene Frau stehen gelassen hat», sagt Herren. Fünf Minuten später habe er seine Frau dann doch noch abgeholt.

Elektrogeräte, Karton, Papier, alte Farbbehälter und zum Teil sogar nagelneue Möbelstücke werden im Ökihof entsorgt. (Bild: Nadia Schärli (Horw, 7. August 2017))

Elektrogeräte, Karton, Papier, alte Farbbehälter und zum Teil sogar nagelneue Möbelstücke werden im Ökihof entsorgt. (Bild: Nadia Schärli (Horw, 7. August 2017))

Autor Oliver Schneider (Mitte) mit Ökihofmitarbeiter Hans Ott. (Bild: Nadia Schärli (Horw, 7. August 2017))

Autor Oliver Schneider (Mitte) mit Ökihofmitarbeiter Hans Ott. (Bild: Nadia Schärli (Horw, 7. August 2017))

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