HORW: Eine Sportlerin an der Spitze des Parlaments

Zur Gemeinderätin hats für Ruth Strässle (FDP) im letzten Jahr nicht gereicht. Dafür wird sie heute zur höchsten Horwerin gewählt.

Stefan Roschi
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Ruth Strässle gestern bei sich zu Hause im Felmis. (Bild: Dominik Wunderli)

Ruth Strässle gestern bei sich zu Hause im Felmis. (Bild: Dominik Wunderli)

Vor drei Jahren lief Ruth Strässle ihren letzten Marathon. Mit 50 Jahren wollte sie es nochmals wissen und schaffte es mit 3 Stunden und 32 Minuten im Verkehrshaus Luzern ins Ziel. Sie wollte eigentlich schneller sein. Erst daheim realisierte sie, dass es zum dritten Platz in ihrer Kategorie gereicht hatte – was für ein Erfolgserlebnis!

Hinter die Kulissen blicken

Diese Episode passt recht gut zu Ruth Strässles Motto: Am Schluss obsiegt das Positive. Und so ist es auch heute wieder. An der letzten Sitzung des Horwer Parlaments vor den Sommerferien wird Strässle (FDP) zur Einwohnerratspräsidentin gewählt und löst damit Heiri Niederberger (CVP) nach seinem Jahr ab. «Ich freue mich sehr, dieses ehrenvolle Amt zu übernehmen», sagt sie und gibt zu, dass sie etwas nervös ist. Ab September wird sie somit repräsentative Aufgaben übernehmen. «Ich hoffe viele Leute kennen zu lernen und hinter die eine oder andere Kulisse blicken zu können.» Gleichzeitig darf die 53-Jährige die Parlamentssitzungen leiten und sitzt damit auf der anderen Seite des Rats. Dort, wo sie eigentlich schon im letzten Jahr hinwollte – als Gemeinderätin. Geklappt hat es damals bekanntlich nicht. Zwar lag sie im ersten Wahlgang für den frei werdenden Sitz noch an erster Stelle, im zweiten Durchgang setzte sich dann aber der SVP-Kandidat durch. Ruth Strässle sagt heute: «Ich war schon enttäuscht, dass es nicht gereicht hat.» Auch wenn sie zu Beginn mehr oder weniger in die Kandidatur hineingerutscht sei. Je länger der Wahlkampf dauerte, desto mehr habe sie das Feuer gepackt.

Töchter haben Leidenschaft geerbt

Es ist wohl dieser Wettkampfeifer, den viele Sportler kennen, der auch Strässle antreibt. Seit der fünften Klasse ist sie Mitglied des Horwer Skiclubs, mit zwanzig Jahren hat sie zusätzlich mit Leichtathletik begonnen: Mittelstrecke. Wurde sogar ins Schweizerkader berufen. Beim Rennen lernte sie ihren Mann kennen, und mit ihm nahm sie in New York an ihrem ersten Marathon teil. Sie sagt: «Der Sport hat mich geprägt.» Er habe sie gelehrt durchzuhalten und auch mal einzustecken. Eigenschaften, die in der Politik nützlich sind.

Mütter sollen arbeiten können

Inzwischen nimmt sie es etwas gelassener, joggt – oder spielt Tennis im Felmis, in der Nähe des Hauses, in dem sie mit ihrem Mann und den drei Töchter wohnt, die zwischen 17 und 21 Jahre sind. Zwei von ihnen turnen beim BTV Luzern, drei Mal in der Woche. Der Sport scheint praktisch die ganze Familie im Griff zu haben.

Ruth Strässle hat sich immer gerne um ihre Kinder gekümmert und tut das auch heute noch. Trotzdem ist sie keine Verfechterin der «Frau an den Herd»-Idee. «Frauen sollen die Möglichkeit haben, zu arbeiten», findet die gelernte Innenarchitektin. Dafür müsse es aber noch mehr, und vor allem tiefe, Teilzeitpensen in der Wirtschaft geben. Sie ist überzeugt, dass die Nachfrage vorhanden wäre und das sich viele Frauen mit Kindern nützlich einbringen könnten. «Das Problem ist doch, dass heute zu viel Wert auf Diplome und Papiere gelegt wird, statt die Fähigkeiten der Menschen zu beurteilen.»

Selber ist es Ruth Strässle nie langweilig geworden. In Horw geboren und aufgewachsen, ist sie mehrfach weggezogen – einmal für drei Jahre in die USA, weil ihr Mann in New York eine Stelle angenommen hatte. Dort ist auch ihre zweite Tochter zur Welt gekommen. Sie erinnert sich, wie sie und ihr Mann über viele Kleinigkeiten gelacht hätten: Vorschriften, Warnungen oder Hinweise. «Dinge, die man inzwischen immer mehr auch hier in der Schweiz findet.» Zurückgekommen ist sie aber immer gerne. «Horw ist eine wunderbare Gemeinde. Und diese Berge – daran kann man sich nicht sattsehen.»

Zufällig bei der FDP gelandet

Seit elf Jahren wohnt die Familie nach einer Zwischenstation in Cham wieder in Horw. Strässle hat schnell Beschäftigungen gefunden: So organisierte sie mehrere Jahre den 1000-Meter-Lauf. Aktuell ist sie im Organisationskomitee der Leichtathletik-Schweizer-Meisterschaft vom nächsten Monat in Luzern. Und zeitweise arbeitet sie im Büro. Zur Politik, sagt sie, sei sie eher zufällig gekommen. Dieter Hässig, damaliger FDP-Kantonsrat aus Horw und natürlich Leichtathlet, fragte sie für die Parlamentswahlen 2008 an. Prompt wurde Strässle gewählt, «was mich ehrlich etwas überrascht hat».

Bei der FDP fühle sie sich gut aufgehoben, auch wenn sie sich bei einzelnen Themen mit anderen Fraktionen identifizieren könne. «Ich politisiere lieber sachbezogen als nach dem Parteibüchlein.» Da müsse man flexibel sein. Wie beim Sport.