HORW: Gericht zerpflückt IV-Gutachten

Im Kampf um eine IV-Rente zu Gunsten seines Neffen ist der Horwer Hans Roth einen Schritt weiter gekommen. Die IV muss den Fall nun neu beurteilen lassen.

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Hans Roth kämpft für die IV-Rente seines Neffen. (Symbolbild/Corinne Glanzmann (Neue LZ))

Hans Roth kämpft für die IV-Rente seines Neffen. (Symbolbild/Corinne Glanzmann (Neue LZ))

Thomas Heer

Das Bundesamt für Sozialversicherungen ist überzeugt, die medizinischen Gutachten, welche für die Berechnung einer IV-Rente herangezogen werden, seien qualitativ in Ordnung. Um diese Begründung zu untermauern, argumentierte ein Sprecher in Bern im vergangenen Dezember nach einer Anfrage der «Zentralschweiz am Sonntag», dass ein Grossteil der ärztlichen Expertisen von den Gerichten nicht bemängelt würden. Diese Einschätzung lieferte er, als das Bundesamt im Zusammenhang des Falles von Hans Roth und dessen Neffen Josef Müller* kontaktiert wurde.

Es kann davon ausgegangen werden, dass die Lagebeurteilung aus Bern grosso modo zutrifft. Höchst bedenklich wär ja, wenn die Mehrheit der Expertisen von den Gerichten bemängelt oder gar für untauglich erklärt würde.

Note ungenügend

Ausnahmen, welche auch das Bundesamt für Sozialversicherungen nicht völlig in Abrede stellt, bestätigen aber auch in diesem Metier die Regel. Das zeigt das Beispiel des Horwer Pensionärs Hans Roth und seines Neffen Josef, der zusammen mit seinem Bruder in einer Gemeinde am Hallwilersee lebt. Roth kämpft seit Jahren dafür, dass sein Göttibueb Josef eine IV-Rente erhält. Bislang waren die Bemühungen jedoch für die Katz. Vom Sozialwerk gabs bislang noch keinen müden Rappen. Das könnte sich nun aber bald ändern. Denn das Versicherungsgericht Aargau erkannte jüngst in einem Urteil: Das Dossier von Josef Müller sei für weitere Abklärungen und zur Neuverfügung an die IV zurückzuweisen. Mit anderen Worten: Der Richter befand, dass das medizinische Gutachten im Fall Müller ungenügend sei.

Ziel ist eine Teilrente

Die Hauptkritik des Gerichtes zielte darauf, dass die Abklärungen der von der IV mandatierten ärztlichen Gutachterin «unvollständig» seien. Aus den eingereichten Akten, so befindet das Gericht weiter, seien genügend Anhaltspunkte erkennbar, die eine zusätzliche Abklärung nötig machen. Hans Roth ist zufrieden mit dem Verdikt und sagt: «Das ist ein positiver Entscheid. Josef und mir geht es nicht darum, eine 100-Prozent-Rente zu erstreiten.» Roth will eine Teilrente, damit Josef Anspruch auf Ergänzungsleistungen hat und sich ihm die Möglichkeit eröffnet, in einem geschützten Arbeitsumfeld Fuss zu fassen.

Ohne anwaltschaftliche Hilfe wäre Roth in seinem Kampf gegen die IV wohl auf verlorenem Posten. In der Person von Rémy Wyssmann, Fachanwalt für Haftpflicht- und Versicherungsrecht, fand der Horwer einen kompetenten Mitstreiter. Wyssmann ist generell der Meinung, die Expertisen, die im Auftrag der IV erstellt werden, seien qualitativ oft ungenügend. Wyssmann sagt, bei gewissen Institutionen könne man zum Vornherein davon ausgehen, dass die Versicherten auf der Verliererstrasse enden.

Sauerstoffmangel bei der Geburt

Auf den Fall Josef Müller bezogen, weist der Oensinger Anwalt darauf hin, dass der heute 46-jährige Josef Müller bereits bei der militärischen Aushebung durchfiel und nicht in die Armee berufen wurde. Ein Gutachten zuhanden des Militärs kam 1988 zum Schluss: «Josef verfügt im Alltag über gute Kompensationsmöglichkeiten, welche aber bei der geringsten Anforderung nicht mehr genügen. Dies trifft für seine körperlich-motorischen Möglichkeiten ebenso zu wie für seine intellektuelle Leistungsfähigkeit, welche in geschütztem Rahmen recht gut sind.»

Josef Müller kam am 29. August 1969 zur Welt. Beim Geburtsvorgang litt das Baby aber unter Sauerstoffmangel. Josef blieb als Knabe in der Folge in seiner Entwicklung zurück, dies körperlich wie geistig.

Wyssmann kommt auf das Gutachten zuhanden der IV zu sprechen. Er sagt: «Die Expertise ist nicht beweiskräftig und in sich widersprüchlich.» Wyssmann weist dabei auf einen Punkt hin. Im Gutachten steht, Josef Müller sei auf einen «verständnisvollen Arbeitgeber angewiesen». Das heisst: Gesucht wird ein Chef, der über die Schwächen von Josef hinwegsieht. Wer im freien Arbeitsmarkt engagiert einen solchen Mitarbeiter?

Hinweis

* Name von der Redaktion geändert.