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HORW: Psychologie-Nachhilfe für Chläuse

Uneinsichtige Väter, weinende Mütter und Teenager, die den Stinkefinger zeigen. Samichläuse erleben viel. In Horw bereiten sie sich in einem Workshop auf ihre Einsätze vor – mithilfe einer Psychologin.
Stephan Santschi
Er soll Freude ins Haus bringen: Bei ihren Besuchen haben die Chläuse aber immer mehr auch schwierige Situationen zu meistern.Archivbild: Stefan Kaiser

Er soll Freude ins Haus bringen: Bei ihren Besuchen haben die Chläuse aber immer mehr auch schwierige Situationen zu meistern.Archivbild: Stefan Kaiser

«In Horw ist es nicht mehr üblich, dass man sich auf der Strasse grüsst. Wenn ich aber in meinem Gewand unterwegs bin, heisst es überall: Sali Samichlaus. In diesem Moment beginnt für mich Weihnachten.» So lautet die Begründung von einem der insgesamt 23 Horwer Samichläuse, weshalb er sich für diese Tätigkeit entschieden hat.

19 von ihnen sind an einem Samstagvormittag Anfang November in einem Stadtluzerner Geschäftsgebäude zusammengekommen, um sich auf das vorzubereiten, was bald beginnt: die Besuche bei den Kindern in deren Familien. Den Korb gefüllt mit Erdnüssen, Mandarinen, Lebkuchen und Äpfeln, das Buch angereichert mit Lob und Tadel über den Nachwuchs.

Samichläuse hinterfragen ihr eigenes Tun

Über vier Stunden lang sitzen die Chläuse zusammen, diskutieren über Erfahrungen und geben sich gegenseitig Tipps. Beim Namen nennen darf man sie nicht, mit Ausnahme von Oberchlaus Marcel Britschgi, und der erklärt auch gleich weshalb: «Wir wollen die Magie dieses Brauchtums nicht entzaubern.» Ganz oben am Tisch sitzt Margareta Reinecke, Fachpsychologin für Psychotherapie FSP mit Praxis in Luzern. Sie leitet den Workshop und gibt Einblick in die Seele und die Gedankenwelt der Kinder.

Schon früh zeigt sie sich begeistert von ihren Zuhörern: «Hier werden die Dinge hinterfragt, das ist nicht selbstverständlich. Ihr seid Vorbilder, das spürt man.» Auch ein St. Nikolaus hat eben nie im Leben ausgelernt.

«Verstand schaltet sich aus – alles kommt von Herzen»

Wenn die Horwer Samichläuse zwischen dem 3. und 6. Dezember auf die rund 220 Hausbesuche gehen, tun sie ihre Pflicht mit grosser Freude. «Die Wertschätzung ist gross, ich kehre jeweils selber glücklich zurück», sagt einer. «Der Verstand schaltet sich aus, alles kommt von Herzen», berichtet ein anderer. Es gibt aber auch herausfordernde Situationen für die Männer mit den weissen Bärten, und für diese will man sich nun im Kurs mit der Fachpsychologin rüsten. «Wenn die Eltern kein Deutsch verstehen und das Kind übersetzen muss, wird es schwierig», ist von einem zu hören. Oder: «Ältere Kinder, die nicht mehr an den Samichlaus glauben, geben vor, sich gegen mich zu stellen.» Und: «Wie reagiere ich auf ein sehr scheues Kind? Wie auf ein hyperaktives?» Im Plenum und später in Kleingruppen werden Antworten auf solche Fragen gesucht.

Wesentlich sind die Ruhe und die Gelassenheit des Samichlauses – jene Tugenden also, die der Sage nach schon Bischof Nikolaus von Myra ausgezeichnet hatten. «Blickkontakt herstellen, Beziehung aufbauen, Nähe schaffen», empfiehlt Reinecke und sieht ihren Gedanken von der Gruppe sogleich aufgenommen. «Nicht immer muss der Samichlaus den zurechtgemachten Thron besteigen, sondern er kann sich auch zum Kind setzen», schlägt einer vor. Auch wenn man damit Gefahr laufe, den Masterplan der Eltern durcheinanderzubringen. Wichtig sei dabei stets die altersgerechte Kommunikation, betont Reinecke: «Dabei könnt ihr die Eltern einbeziehen oder dem Kind eine Aufgabe geben. Zum Beispiel kann es den Stock vom Samichlaus halten.» Oder den Bart berühren. Doch Vorsicht sei angebracht: Aus dem Streicheln kann rasch ein Ziehen werden.

Nicht alles ist kontrollierbar

Ein anderer zentraler Aspekt ist das Ausblenden einer falschen Erwartungshaltung. «Der Samichlaus kann nicht alles ausbaden, was unter dem Jahr nicht funktioniert. Wir müssen die Kinder nicht erziehen, wir dürfen nichts erzwingen», sagt Oberchlaus Britschgi. Die Liste mit dem Lob biete denn auch mehr Platz als jene für den Tadel. Grundsätzlich soll der Samichlaus Freude und Leckereien bringen. Und nicht Angst verbreiten. Deshalb hat man in Horw den Schmutzli schon lange abgeschafft. Auch behält man es sich vor, vorgegebene Kritikpunkte nicht zu erwähnen. «Wir dürfen die Kinder nicht blossstellen. Wenn die Eltern dann doch darauf drängen, dass ich das Thema Nuggi anspreche, flüstere ich das dem Kind nur ins Ohr», sagt Britschgi.

Anpassungsfähigkeit und Flexibilität sind für heilige Nikoläuse also unabdingbar. Und doch ist nicht jede Situation vorherseh- oder kontrollierbar. Nicht die Mutter, die zu weinen beginnt, weil ihr Ex-Mann die Freundin umarmt. Nicht der Stinkefinger des Teenagers, der von den Eltern nur mit einem Lachen quittiert wird. Letzteres war für Britschgi Grund genug, den Besuch vorzeitig abzubrechen. «Im Grossen und Ganzen erleben wir aber wunderschöne Besuche mit Kindern, zu denen wir den Draht sofort finden», sagt er. «Wenn ich am Ende frage, ob ich nächstes Jahr wiederkommen kann, habe ich noch nie ein Nein gehört.»

Viele der Horwer Samichläuse kommen denn auch immer wieder, schon seit 10, 20 oder 30 Jahren. Wie kommt es zu dieser Treue? Einer von ihnen lacht auf die Frage und hält fest: «Weil es keinen Grund gibt, aufzuhören.»

Stephan Santschi

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