Horwer Kulturpreisträger Radoslav Kutra: Erst spät gelang der «Schritt ins Nichts»

Der aus der Tschechoslowakei geflohene Maler Radoslav Kutra hat den Horwer Kulturpreis für sein Lebenswerk erhalten. Dieses umfasst nicht nur die Malerei.

Natalie Ehrenzweig
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Radoslav Kutra.

Radoslav Kutra.

Bild: PD

Als er 1968 aus der Tschechoslowakei floh, war Radoslav Kutra in seiner Heimat bereits ein bekannter Maler. «Er musste das Land leider verlassen, als er gerade etabliert war», sagt seine Frau Christiane Kutra (68), die über ihren Mann erzählt, weil dieser, mittlerweile 94 Jahre alt, die Kraft dazu nicht mehr hat. Für sein Lebenswerk hat der Künstler nun am 1. Januar den Horwer Kulturpreis erhalten.

In der Tschechoslowakei wurde Radoslav Kutra 1948 aus politischen Gründen aus der Akademie der Bildenden Künste in Prag ausgeschlossen. In den kommenden 20 Jahren arbeitete er als freischaffender Künstler und Grafiker und unterrichtete ab 1965. Er floh aufgrund des Einmarsches der sowjetischen Truppen. Über Umwege gelangte Kutra nach Luzern, wo er 1973 das Kunstseminar (Schule für Malen, Sehen und Kunstorientierung) gründete und wieder unterrichtete.

Auf die Frage, ob ihr Mann ein sehr politischer Mensch sein, meint Christiane Kutra: «Radoslav ist das Sehen sehr wichtig. Darum ist das ‹Sehen› auch im Titel des Kunstseminars.» Er sei überzeugt: Jeder kann lernen, zu sehen und sei dann nicht so anfällig, auf Weltanschauungen hereinzufallen, weil er selbst die Welt anschauen kann. Christiane Kutra:

«So gesehen ist er sehr demokratisch. Auch, dass man seine Bilder mieten kann und nicht der Besitz im Vordergrund steht, passt zu dieser demokratischen Sichtweise: Alle sollen Zugang zu Kunst haben.»

Im Sommer 2018 hat Radoslav Kutra aufgehört zu malen. Bis dahin ging er jeden Tag ins Atelier. «Ich habe mein Atelier daheim. Doch er fand es gut, raus zu müssen, um ins Atelier zu gehen. So bekam er auch stets etwas Abstand zu seinen Bildern», sagt Christiane Kutra, die seit über zwanzig Jahren die Schule leitet. Doch Radoslav Kutra ist nicht nur Maler, er schrieb auch immer sehr viel; Gedichte, aber auch kunsttheoretische Texte. «Unser Leben war immer sehr befruchtend. Für meinen Mann steht die ewige Erneuerung im Zentrum. Nicht das Sein ist wichtig, sondern das Werden», erzählt die Künstlerin.

Kern des Schaffens ihres Mannes sei immer wieder die kompositorische Auseinandersetzung gewesen, bis hin zur Abstraktion. «Die Farbe als Bauelement war ihm seit der Gymnasialzeit bewusst und in seiner Pädagogik von Anfang an zentral. Erst als er in die Schweiz kam, bekam die Farbe ihre volle Bedeutung in seinen Bildern. Die Farben existieren erst in Beziehung mit anderen Farben», beschreibt Christiane Kutra. Obwohl Radoslav Kutra schon als junger Maler abstrakt malen wollte, bemerkte er in dieser Hinsicht damals eine Ratlosigkeit, wie er in einem Kurzfilm von Zdenek Zvonek zugibt.

Erst mit 77 gelang ihm die impressionistische Abstraktion

Erst mit 77 Jahren, nachdem er bereits 60 Jahre lang gemalt hat, gelingt ihm dieser «Schritt ins Nichts», wie er es nennt: den Schritt in die impressionistische Abstraktion. «So zu malen bedeutet, keine Vorstellung zu haben, wie das Bild aussehen soll, zumal ohne etwas Bestimmtes zu wollen. Man klinkt den Willen aus und lässt das Bild einfach irgendwie entstehen», sagt Kutra im Film. Darin kann man dem Künstler bei der Arbeit in der Toskana, wo das Paar den Sommer über ist, über die Schultern schauen. Sieht, wie er scheinbar wahllos rote, gelbe, blaue, braune und grüne Flecken auf die Leinwand malt – mit schnellen Strichen, fast schon gehetzt. Dann setzt er sich hin, beobachtet das Bild, hält sich ein Auge zu, schaut durch einen Spiegel oder ein Vergrösserungsglas auf sein Werk. Und setzt den Pinsel wieder an.

Radoslav Kutra, bevor er 2018 das Malen aufgeben musste.

Radoslav Kutra, bevor er 2018 das Malen aufgeben musste.

Bild: Stephanie Ziegler

Rückkehr nach Tschechien war ein Thema

Wer gezwungen wird, seine Heimat zu verlassen, beschäftigt sich mit Identität. «Für ihn ist die Sprache dazu sehr wichtig. Aber er sagt auch, dass er sich dort daheim fühlt, wo er mit Menschen zusammensein kann, mit denen er die Liebe zur Malerei teilt», sagt Christiane Kutra. Einen kurzen Moment überlegte er nach der Wende, nach Tschechien zurückzugehen. Aber als Kutra für zwei Jahre an der Kunstakademie in Brünn unterrichtet habe, sei dies auch eine Zeit der Desillusionierung gewesen. «Dann wollte er hier in der Schweiz bleiben.»

Die Malerei und zunehmend auch das Schreiben musste Kutra 2018 aufgeben, weil die Schmerzen zunahmen und seine Kraft schwand. Eine herausfordernde Zeit für das Paar. «Früher sagte er immer, wenn er gefragt wurde, wie es ihm gehe: ‹Ich weiss nur, dass ich noch male›. Dass er nicht mehr malen kann, ist hart für ihn», betont Christiane Kutra. Aber auch wenn Radoslav Kutra, der von 1984 bis 2015 in Horw lebte, keine neuen Bilder mehr malt, zeigt die Kunstseminar-Galerie in Luzern unter dem Titel «Aspekte des Abstrakten» vom 17. Januar bis am 9. Februar einen Ausschnitt seines Schaffens.

Mehr über das Kunstseminar auf: www.kunstseminar.ch. Infos zur Ausstellung finden Sie auf: www.stiftung-kutrahauri.ch.

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