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HOTELS: Kampf gegen Verschwendung

Internationale Gäste hinterlassen haufenweise Essensreste. In östlichen Ländern gehört das zwar zum guten Ton. Eine Luzerner Hoteldirektorin greift nun aber trotzdem ein.
So hat eine asiatische Familie den Frühstückstisch im Hotel Monopol in Luzern kürzlich zurückgelassen. (Bild: PD)

So hat eine asiatische Familie den Frühstückstisch im Hotel Monopol in Luzern kürzlich zurückgelassen. (Bild: PD)

Sarah Weissmann

Schlagen Gäste aus fernen Ländern am Buffet zu, als ob es kein Morgen gibt, ist das in unseren Augen unanständig und gierig. Im Luzerner Hotel Monopol ist der verschwenderische Umgang mit Lebensmitteln durch Touristen an der Tagesordnung.

«Zu sehen, wie viel Essen wir täglich wegwerfen müssen, tut mir aus ethischen und moralischen Gründen weh», sagt Direktorin Brigitte Heller (51). Gerade Gäste aus Asien, Indien und den arabischen Ländern würden die Teller mit Esswaren überfüllen und dann nur einen Bissen von allem nehmen. «Das schmerzt mir sehr im Herzen. In der Schweiz wirft man einwandfreie Lebensmittel weg, und auf der anderen Seite der Erdkugel verhungern Tausende von Menschen», sagt Heller.

Anstandsrest gehört zur Kultur

Jetzt unternimmt die Direktorin etwas gegen diese Verschwendung. Ab dem kommenden Dienstag werden im Hotel Monopol die Gäste mittels Tischstellern auf Folgendes hingewiesen: «Aus ethischen und moralischen Gründen werfen wir in der Schweiz keine Lebensmittel weg. Bitte schöpfen Sie sich nur, was Sie auch wirklich essen. Danke fürs Verständnis.» Heller hat diese Zeilen sowohl auf Englisch als auch auf Mandarin übersetzen lassen.

Dass internationale Gäste mit dem Gang zum Buffet nach unseren Werten unanständig handeln, hat laut Knigge-Trainerin Michèle Ségouin wenig mit einer mangelnden Kinderstube zu tun. «In asiatischen und arabischen Ländern gehört es zum guten Ton, einen Anstandsrest übrig zu lassen.» Es würde für einen asiatischen oder arabischen Gastgeber sogar einen erheblichen Gesichtsverlust bedeuten, hätte er Gäste mit leerem und ausgegessenem Teller vor sich sitzen. Das hiesse nämlich, dass die Gäste nicht satt sind und der Gastgeber zu wenig Essen angeboten hat, erklärt Ségouin, die auch Mitglied des Ratgeber-Teams unserer Zeitung ist.

Ein Gesichtsverlust, wie er in Asien oder arabischen Ländern empfunden wird, ist laut Ségouin für uns nur schwer nachvollziehbar. «Das ist in diesen Ländern an stark gewichtete Werte wie Würde, Ehre und Respekt gekoppelt.» Ein Aufessen käme einer gierigen Geste und Haltung gleich. «Das erklärt, warum einige Gäste einen beachtlichen Teil übrig lassen.»

Sollen Hoteliers Gäste erziehen?

Das Hotel Terrace auf dem Titlis ist für Gäste aus den östlichen Ländern eine bevorzugte Unterkunft. Der für das Marketing verantwortliche Peter Reinle bestätigt zwar, dass Schweizer Gäste tendenziell weniger schöpfen als solche aus Indien oder Asien. Doch er betont, dass es sich um Gäste aus anderen Kulturen handelt. «Es ist nicht die Aufgabe eines Hoteliers, diese zu erziehen, sondern ihnen die Dienstleistung zu geben, die sie wünschen.»

Diese Einstellung hat man auch im Hotel Schweizerhof Luzern. «Wir freuen uns über jeden Hotelgast. Entweder ist man bereit, seine Türe zu öffnen, oder eben nicht», sagt Marketingleiter Roman Omlin. In Luzern beherberge man Gäste aus aller Welt, und diese würden eben unterschiedliche Mentalitäten mitbringen, auf die es einzugehen gelte.

Verbände relativieren Probleme

Beim Verband Luzern Hotels wie auch bei Hotelleriesuisse hört man zum ersten Mal von diesem Problem. «Beherbergt man Gäste aus der ganzen Welt, kann es immer wieder zu kulturellen Unterschieden kommen», sagt Corinne Seiler, Mediensprecherin von Hotelleriesuisse. Dabei gehöre es zur grossen Herausforderung des Gastgebers, den Besonderheiten der unterschiedlichen Kulturen gerecht zu werden. «Wir unterstützen unsere Mitglieder mit Gästebroschüren. Sollte es zu Diskrepanzen kommen, raten wir dem Hotelier, das Gespräch mit dem Gast zu suchen.» Das könnte beispielsweise bei der Anreise der Gäste stattfinden.

Die Touristen mittels Gespräch proaktiv beim Check-in darauf aufmerksam zu machen, ist für «Monopol»-Direktorin Brigitte Heller keine Option. «Oft sprechen Gäste aus dem asiatischen Raum nicht einmal Englisch. Deshalb ist die Kommunikation relativ schwierig und würde somit auch nichts bringen.»

Gemäss Knigge-Trainerin Michèle Ségouin, die früher als Hotelfachfrau arbeitete, würde ein direktes Ansprechen sein Ziel um Meilen verfehlen. «Einerseits sind sich sowohl Asiaten, Inder als auch Gäste aus dem Nahen und Mittleren Osten keine direkte Kritik gewohnt.» Vieles würde indirekt, implizit und durch die Blume kommuniziert, sodass eine direkte Konfrontation erneut einem Gesichtsverlust nahekommen würde. «Andererseits würde der direkte Hinweis auf ein Fehlverhalten nicht verstanden, da es eben als selbstverständliche Norm gilt, den Teller halb voll stehen zu lassen.»

Stellt sich also die Frage, wie man als Gastgeber richtig mit dem Thema Tischsitten umgeht. «Leider habe auch ich kein Patentrezept, da das Thema eine Grauzone ist, die nur schwer greifbar ist», sagt Ségouin, die zurzeit ihre Masterarbeit zu diesem Thema schreibt. Mancherorts richte man das Angebot komplett nach den Gästen aus und sensibilisiere die Mitarbeiter. Wieder andere würden einheimische Authentizität leben, ohne sich zielgruppenspezifisch anzupassen. «Ich kann weder die eine noch die andere Seite in die Mangel nehmen. Das Beherbergen und Bewirten internationaler Gäste kommt einer täglichen Gratwanderung gleich», sagt Ségouin.

Plakat mit hungernden Kindern

Für Brigitte Heller ist das jedoch nicht so einfach hinzunehmen. Sie wolle die internationalen Gäste nicht belehren, sondern sie über die Werte in der Schweiz informieren. «Wir Menschen sind auf der Erde, um die Welt in unserem kleinen Wirkungskreis positiv zu verändern – und nicht die Augen vor schmerzenden Zuständen zu verschliessen. Wenn niemand etwas unternimmt, ändert sich auch nichts», sagt Heller.

Sollten die internationalen Gäste die Service-Mitarbeiter mittels böser Worte angehen, geht die Direktorin sogar noch einen Schritt weiter: «Wir zeigen ein Plakat mit Kindern, die verhungern und sterben.» Eines der Bilder zeigt ein stark abgemagertes Kind aus Afrika – dahinter wartet ein Geier.

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