HUMANITÄRE HILFE: Augenarzt vom Luzerner Kantonsspital engagiert sich auf «schwimmendem Spital» in Kamerun

Der Zuger Frank Bochmann (45) arbeitet als Leitender Arzt in der Augenklinik des Luzerner Kantonsspitals. Kürzlich war er für Mercy Ships* in Kamerun und behandelte sehbehinderte Afrikaner.

Turi Bucher
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Frank Bochmann an seinem Arbeitsplatz im Kantonsspital Luzern. (Bild: Boris Bürgisser (Luzern, 12. März 2018))

Frank Bochmann an seinem Arbeitsplatz im Kantonsspital Luzern. (Bild: Boris Bürgisser (Luzern, 12. März 2018))

Interview: Turi Bucher

arthur.bucher@luzernerzeitung.ch

Frank Bochmann, wie sind Sie mit dem Mercy-Ships-Projekt in Kontakt gekommen?

Zuerst durch einen Artikel im Magazin «mare», der Zeitschrift für Meere. Später habe ich mich dann auf dem Bewerbungstool der Homepage von Mercy Ships eingetragen.

Nach welchen Kriterien werden die Ärzte ausgewählt?

Es ist nicht so wie bei Médecins sans frontières, die vor allem Kriegschirurgen suchen und meines Wissens für die Einsätze in den Krisengebieten Familienväter sowieso nicht nehmen. Aber auch Mercy Ships sucht nach erfahrenen Ärzten. So habe ich mich entschieden, während meiner Ferien zwei Wochen im kamerunischen Douala Freiwilligenarbeit zu leisten. Gesucht werden aber nicht nur Mediziner. Auch Elektriker, Maler, Küchenhilfen und so weiter braucht das Schiff.

Wie lange steht das Schiff im Hafen von Douala?

Acht Monate. Der nächste Einsatz wird in Conakry, der Hauptstadt von Guinea, sein.

Haben Sie nur auf dem Schiff praktiziert, oder sind Sie auch zu den Menschen in die Dörfer gegangen?

Operiert wurde ausschliesslich auf dem Schiff, welches fünf Operationssäle zur Verfügung stellt. Das Schiff ist sozusagen das Spital.

Und wie erfahren das die Menschen mit Augenkrankheiten in Kamerun?

Beispielsweise auf Märkten und in Kirchen wurde mit Flyern auf die Gratisuntersuchungen und die Grundberatung für die Augengesundheit aufmerksam gemacht. Wir waren auch im Landesinnern in Buea, einer Stadt nahe dem Kamerunberg, oder in einer Klinik in Douala.

In welchen weiteren medi­zinischen Bereichen bietet das Mercy-Schiff Behandlungen an?

Beispielsweise sind auch Zahnmediziner und Orthopäden mit an Bord. Ausserdem medizinische Experten für Kiefer- und Gaumenspalten, für andere Missbildungen oder für plastische Wiederherstellung bei schweren Verbrennungen.

Sie werden viel Elend begegnet sein und erlebt haben …

Man kann nicht immer helfen, das ist das Traurige. Ich hatte beispielsweise eine Patientin auf dem Schiff, rund 50-jährig, stark sehbehindert und mit einem sehr hohen Augendruck. Sie war mit grossen Hoffnungen gekommen. Wir konnten nicht helfen, weil die Behandlung sehr komplexer Fälle durch die vor Ort verfüg­baren Mittel leider nur eingeschränkt möglich ist.

Ihr schönstes Erlebnis auf dem Mercy Ship?

Immer wieder die Freude, wenn man von einem schwer Sehbehinderten nach einer Operation die Rückmeldung erhält, dass er nun wieder viel besser sieht. Beeindruckend waren für mich auch die Freiwilligen aus zwanzig bis dreissig verschiedenen Nationen, die auf ihr Einkommen daheim verzichtet und in Afrika unter nicht immer optimalen Bedingungen gearbeitet haben.

Welche Augenkrankheit haben Sie in Kamerun am meisten behandelt?

Den grauen Star. Bei einer Trübung der Augenlinse redet man vom grauen Star, und es wird in der Regel eine sogenannte Kata­rakt­operation angewendet. Das heisst, die Augenlinse wird entfernt und an deren Stelle eine Kunstlinse eingepflanzt.

Gibt es Zahlen zu Augenkrankheiten in Kamerun?

Es soll in Kamerun rund 250 000 Blinde geben und 600 000 Menschen, die, zumeist in Folge des grauen Stars, schwer sehbehindert sind. Dies sind Schätzungen und Zahlen, die nicht bestätigt sind. (In Kamerun leben rund 23,5 Millionen Menschen; Anmerkung der Redaktion)

Was bleibt Ihnen am meisten in Erinnerung von Ihrem Aufenthalt in Afrika?

Auf der einen Seite hatte ich die Möglichkeit, ein anderes Land kennen zu lernen, Menschen, die anders leben als wir. Beispielsweise erinnere ich mich an jenen Samstagabend, als wir von einer kamerunischen Übersetzerin auf dem Schiff zum Nachtessen nach Hause zu ihrer Familie in Douala eingeladen wurden. Das war sehr eindrücklich. Auf der anderen Seite bin ich mir bewusst, dass unsere Arbeit nur ein Tropfen auf den heissen Stein ist. Ein Tropfen, der einem auch vor Augen führt, was uns hier zu Hause in der Schweiz alles zur Verfügung steht.

Möchten Sie wieder auf das Schiff?

Nun, ich habe für den nächsten Einsatz von Mercy Ships in Guinea bereits meine Bewerbung eingetragen.

Hinweis

* Mercy Ships macht kostenlose Gesundheitsversorgung für Menschen in Entwicklungsländern zugängig. Mehr über Mercy Ships unter www.mercyships.ch

Frank Bochmann behandelt ein kamerunisches Kind mit einem Augenleiden.

Frank Bochmann behandelt ein kamerunisches Kind mit einem Augenleiden.