Der Hype um die essbaren Insekten ist abgeflacht

Mehlwürmer und Insekten sorgten 2017 für viel Aufsehen und mediale Aufmerksamkeit. Drei Jahre später herrscht vielerorts Zurückhaltung.

Raissa Bulinsky
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Als Heuschrecken, Mehlwürmer und Grillen in den Ladenregalen erhältlich wurden, kam es zu grosser medialer Aufmerksamkeit. Der Verkauf von Insekten zum Verzehr ist seit dem 1. Mai 2017 schweizweit erlaubt. Unterdessen steht den Konsumenten eine breite Reichweite an Insekten-Produkte zur Verfügung: von Keksen und Chips über Pasta und Burger. Angepriesen werden die Produkte mit ihren Nährstoffen, ihrem Geschmack und ihrer Klimafreundlichkeit. Die essbaren Insekten zählen seit 2017 zum Sortiment des Grosshändlers Coop, die Migros zog 2018 nach. Vom anfänglichen Hype um die Insekten-Produkte ist heute jedoch nicht mehr viel zu spüren. 

Eine Frau nimmt einen Insekten-Burger aus dem Regal.

Eine Frau nimmt einen Insekten-Burger aus dem Regal. 

Bild: Gabriele Putzu / Keystone (Lugano, 21. August 2017)

Würmer und Insekten bleiben in den Ladenregalen liegen

Trotz der anfänglich hohen medialen Aufmerksamkeit fanden die essbaren Insekten keinen nachhaltigen Absatz im Markt. Detailhändler Coop bestätigt auf Anfrage hin, dass sich die Nachfrage nach Insekten-Produkten seit ihrer Aufnahme ins Sortiment stets «auf einem tiefen Niveau» befand. Die Nachfrage sei stabil geblieben – ohne detaillierte Zahlen zu liefern. Coop führt sechs Insekten-Produkte in den Regalen. Dazu zählen Bällchen, Burger, Snack-Mischungen sowie ganze Mehlwürmer und Insekten.

Die Migros zog 2018 nach und führte das Nischenprodukt ebenfalls in ihr Sortiment ein. Auch die Migros bestätigte, dass die Nachfrage, nach einem anfänglichen Anstieg, zurückhaltend blieb. Neben essbaren Insekten bietet die Klubschule Migros auch einen Kochkurs an, bei dem nicht nur Rezepte, sondern auch Grundkenntnisse über Nährwerte, Zucht, Umgang und ökologische Aspekte von Insekten vermittelt werden. Jedoch scheint auch hier das Interesse bescheiden zu sein.

Waren 2017 als Gerichte in Coop-Supermärkten erhältlich: Burger und Balls mit Mehlwürmern als Zutaten.

Waren 2017 als Gerichte in Coop-Supermärkten erhältlich: Burger und Balls mit Mehlwürmern als Zutaten.

Bild: Walter Bieri / Keystone (Zürich, 14. August 2017)

Apéro-Plättli mit Mehlwürmern im Gasthof Engel

Nicht nur Detailhändler, auch Restaurants versuchten sich an den essbaren Insekten. Unter anderem der Gasthof Engel in Hüswil.
Im Luzerner Gasthof begegnen sich Kulturen, denn auf der Speisekarte stehen neben typisch schweizerischen auch original indonesische Gerichte.

Seit 2017 können ausserdem essbare Insekten probiert werden. Der Gasthof Engel gehörte zu den ersten Restaurants in der Schweiz, welche die innovativen Gerichte mit Krabbeltieren anbieten, beispielsweise ein Apéro-Plättli mit Chips und Falafeln aus Mehlwürmern.

Doch auch der Gasthof Engel bekommt die Zurückhaltung der Menschen gegenüber den essbaren Insekten zu spüren, wie Daniel Bisten, der Wirt des Gasthofes, sagt. Da die erhoffte Nachfrage bescheiden blieb, bereitet Bisten Insekten-Gerichte nur noch auf Voranmeldung zu. Bisten:

«Neben einigen Mutigen, sind es hauptsächlich Stammkunden, welche sich an Gerichte mit Insekten wagen».

Die Skepsis und der Ekel vor Insekten ist noch gross

Auch das Start-up Unternehmen Insekterei GmbH aus der Stadt Zürich setzt sich mit Speiseinsekten auseinander. Es widmet sich dem Produzieren von Snacks und Proteinpulvern aus Insekten, die es im Internet verkauft. Die Zurückhaltung gegenüber den essbaren Würmern begründet Philipp Egli, Mitbegründer und Manager der Insekterei, damit, dass die Insekten-Produkte immer noch neu und für viele ungewohnt seien. Egli:

«Es ist immer noch eine gewisse Skepsis vorhanden, weshalb Aufklärungsarbeit ein wichtiger Teil meiner Arbeit ist.»

Egli findet, dass die Leute über die Vorteile der essbaren Insekten aufgeklärt werden sollen. Sie seien ressourcenschonend, hätten einen geringen Wasserverbrauch, beanspruchen eine kleine Agrarfläche und seien klimafreundlich. «Sie stellen dementsprechend eine zukunftsberechtigte Proteinquelle dar», sagt Egli. Auch der Ekel, den viele beim Gedanken an Krabbeltiere verspüren, steht dem Verkauf der Insekten-Produkte im Weg. Deshalb sei es wichtig, dass die Produkte optisch ansprechend seien und Degustationen durchgeführt werden, um Kunden abzuholen.

Trotz moderater Nachfrage kann das Start-up Unternehmen stabile Verkaufszahlen vorweisen. Die Insekterei setzt vor allem auf hohe Qualität und das Knüpfen neuer Kontakte. Zu diesem Zweck würden beispielsweise Personen angeworben, die sich in der Fitnessszene bewegen, denn besonders sie würden das Bedürfnis nach einer Proteinquelle haben. So lautet der Leitsatz des Unternehmens: «Fit. Fein. Bio».

Aber nicht nur die mangelnde Nachfrage, auch die hiesigen Standortfaktoren können ein Hindernis für die Zucht und Produktion von Insekten-Produkten darstellen. Denn in der Schweiz sei dies mit hohen Kosten verbunden.

Die Insekterei arbeitete bis im letzten Jahr noch in Kooperation mit der Entomos AG. Zusammen führten die Unternehmen einen Zuchtbetrieb in Freienbach. Dieser wurde jedoch 2019 verkauft. Käufer der Produktionsstätte ist Dieter Meier, der Unternehmer und Sänger des Musiker-Duos «Yello». Dieser plant dort den Bau einer Fabrik für seine Schoggi-Marke Oro de Cacao. Die Insekterei arbeite seither mit den bestehenden Ressourcen und beziehe allenfalls Importwaren. Und wie ging es mit der Entomos weiter?

Luzerner Unternehmen nahm Pionierrolle ein

Die Entomos AG hat ihren Ursprung in Grossdietwil. Als erstes Unternehmen in der Schweiz, das die Bewilligung erhielt, essbare Insekten zu züchten und zu verkaufen, nahm die Entomos eine Pionierrolle ein. Die Ambitionen, Insekten als Nahrungsmittel zu vermarkten, waren gross, die Verkaufszahlen jedoch nicht. Dies führte dazu, dass die Entomos verkauft wurde. Jean-Yves Cuendet, Inhaber der Fabilis SA, die sich mit Nahrungsmitteln der Zukunft beschäftigt, übernahm das Unternehmen.

Tausende Mehlwürmer auf einem Haufen.

Tausende Mehlwürmer auf einem Haufen. 

Bild: Pius Amrein (Grossdietwil, 3. August 2016)

Da die Entomos auch heute noch ausschliesslich in der Schweiz tätig ist und Bio-Lebensmittel aus der Umgebung bezieht, habe sie mit hohen Produktionskosten zu kämpfen. Momentan mache sie keinen Gewinn. Doch die Motivation für die innovative, wettbewerbsfähige und nachhaltige Produktion sei immer noch gross, so Jean-Yves Cuendet. Er betont die Notwendigkeit einer Alternative zum Fleischkonsum:

«Essbare Insekten enthalten wichtige Nährstoffe und stellen eine nachhaltige Lebensmittelalternative dar. Es ist notwendig, dass ein Umdenken stattfindet».

Der kulturelle Wandel hin zu einer grösseren Nachfrage an essbaren Insekten sei jedoch ein langsamer Prozess. Auch Cuendet bestätigt, dass es wichtig sei, aufzuklären und zu kommunizieren. Durch Degustationen würden die Insekten-Produkte den Menschen nähergebracht. Deshalb sei es umso wichtiger, dass der Geschmack stimme und die Optik überzeuge.

Um gemeinsam das Ziel einer nachhaltigen Lebensmittelalternative zu erreichen und die Preise möglichst tief zu halten, ist die Entomos eine Partnerschaft mit der Ensectable GmbH eingegangen, eine Bio-Insektenzucht. Die Entomos wechselte daraufhin ihren Zuchtbetrieb nach Endingen im Kanton Aargau. 

Hinweis: Weitere Infos auf www.insekterei.chwww.entomos.ch und www.ensectable.ch

Unsere Redaktion testet Mehlwürmer:

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