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IBACH: Eine Nacht auf dem Strich

Auf dem Strassenstrich herrscht jede Nacht reger Verkehr. Wie es den Sexarbeiterinnen ergeht und was die Freier bei ihnen suchen, erfahren Sie hier.
Beatrice Vogel und Sandra Monika Ziegler
Eine Sexarbeiterin auf dem Strassenstrich im Luzerner Ibach. Links hinter der weissen Plastikplane befindet sich der Serviceplatz. (Bild: PD)

Eine Sexarbeiterin auf dem Strassenstrich im Luzerner Ibach. Links hinter der weissen Plastikplane befindet sich der Serviceplatz. (Bild: PD)

Beatrice Vogel und Sandra Monika Ziegler

Es ist warm und gemütlich im Beratungscontainer Hotspot des Vereins Lisa. Draussen regnet es in Strömen. Ständig fahren Autos vorbei, teils sehr schnell, wie auf einer viel befahrenen Durchgangsstrasse. Die Autos tragen Kennzeichen aus allen Kantonen – viele Zentralschweizer, aber auch Berner, Solothurner, Basler und Zürcher. Heute stehen nur acht Frauen im Ibach; zum einen wegen des Regens, zum anderen sind viele in den Ferien bei ihren Familien.

Immer wieder kommen Frauen in den Container, fragen nach Kondomen und Intimwaschgels, trinken einen Kaffee oder eine Quicksoup. Die Beraterinnen Katarina und Yeter sind selten länger als fünf Minuten allein im Hotspot. Man spürt, dass die Sexarbeiterinnen das Angebot schätzen, sie vertrauen den Beraterinnen. An diesem Abend wollen sie sich im Container nur aufwärmen, Pause machen und ein wenig plaudern. «Oft kommen sie aber mit ihrem Papierkram – Rechnungen, Steuererklärungen, Mahnungen – und bitten uns um Hilfe», sagt Katarina. Das Amtsdeutsch bereite den Frauen Probleme, auch wenn viele relativ gut Deutsch sprechen. Das Bera­tungsangebot wird von Stadt und Kanton Luzern mit je 50 000 Franken pro Jahr unterstützt (Ausgabe vom 4. August).

Preise zu tief

Katarina und Yeter sind beide Sozialarbeiterinnen und befinden sich im letzten Studienjahr. Sie habe sich schon immer für niederschwellige Angebote im Sozialbereich interessiert, erklärt Katarina ihren Beweggrund für die Beratungstätigkeit. «Gerade die Gesundheitsprävention ist mir sehr wichtig», sagt sie. Dann kommt eine ungarische Sexarbeiterin herein und lässt sich mit Kondomen und Kaffee versorgen. Sie sei eigentlich in Deutschland selbstständig tätig und vor­übergehend in Luzern, erzählt sie. «Jetzt bin ich aber zum letzten Mal hier.» Die Preise seien zu tief, weil die Strasse im Ibach so abgelegen sei und zu viele Frauen hier anschaffen. Grundsätzlich arbeite sie aber gern auf der Strasse: «Man verdient hier schnell Geld.» Sexarbeiterinnen auf dem Strassenstrich könnten sehr selbstständig arbeiten, wenn sie kein Geld an einen Zuhälter abliefern müssen, ergänzt Katarina.

Eine bulgarische Sexarbeiterin, 24 Jahre alt, kommt seit zwei Jahren jeweils für drei Monate hierher. Sie hat zu Hause ein Kind. Dort weiss aber niemand, wie sie ihr Geld verdient. Sie schätzt die Schweizer Männer als Kundschaft: «Sie sind respektvoll.» Allerdings würden viele ohne Kondom Sex haben wollen, ärgert sich ihre Kollegin, die seit acht Jahren in Luzern arbeitet. Die beiden teilen sich zusammen mit anderen Sexarbeiterinnen eine Wohnung in der Stadt, viele sind zu zweit in einem Zimmer. Zum abgelegenen Strassenstrich im Ibach teilen sie sich das Taxi.

Ein eigenes WC

Die 24-Jährige beklagt sich, dass seit ein paar Tagen das Toi-Toi-WC am Boden liege. Es wurde umgeworfen und nicht wieder aufgestellt. «Ich bin so froh, dass wir bald unser eigenes WC bekommen. Es ist unmöglich, dass wir uns nicht waschen können, wenn ihr nicht hier seid», sagt sie zu den Beraterinnen. Deswegen haben viele Frauen Feuchttücher dabei. Damit werden auch die High Heels auf Hochglanz gebracht.

Die beiden Bulgarinnen stellen sich wieder mit ihren Schirmen gegenüber des Containers an den Trottoirrand. Kurz darauf kommt eine andere Landsfrau herein und lässt sich eine grosse Thermosflasche mit Kaffee füllen – für später, wenn der Container wieder zu ist. Die Beraterinnen bleiben bis 23 oder 24 Uhr, die Sexarbeiterinnen stehen aber bis 3 oder 4 Uhr morgens hier, am Wochenende meist noch länger. Die Frau mit der Thermoskanne ist 36 Jahre alt, geschieden und hat drei halbwüchsige Kinder zu Hause, denen sie die Ausbildung finanzieren muss. Nur ihre Mutter weiss, was sie in der Schweiz arbeitet. Allen andern erzählt sie, sie arbeite als Coiffeuse. Sie sagt, sie sei dieses Jahr zum ersten Mal auf dem Strassenstrich. «Drei Monate am Stück habe ich jetzt jeden Tag gearbeitet.»

90 Tage – so lange dürfen Sexarbeiterinnen, die offiziell registriert sind, in der Schweiz anschaffen. Als Bewilligung erhalten sie ein A4-Papier, das sie ständig auf sich tragen müssen. Fast täglich werden sie von der Polizei kontrolliert. Wer länger als drei Monate bleiben will, muss einen Antrag beim Amt für Migration stellen. Die Anforderungen sind hier viel höher, weshalb es die meisten gar nicht erst versuchen. Und wer wie die 36-jährige Bulgarin eine Familie hat, will nicht unbedingt länger bleiben. «Ich mache diese Arbeit nicht gern, aber ich bin froh um das Geld», sagt sie. Sie hat Prinzipien und feste Preise. Wie viel sie verlangen, wollen die Sexarbeiterinnen nicht sagen. Das sei schlecht fürs Geschäft. Zudem habe jede ihre eigenen Preise.

Viele Sexarbeiterinnen bedienen auch tagsüber Kunden. Die Frau mit der Thermoskanne kam beispielsweise erst um 22 Uhr zum Strich, weil sie zuvor noch einen Kunden hatte. «Ich nehme aber nur Männer nach Hause, die ich kenne.» Ob sie sich sicher fühle, wollen wir wissen. «Niemals, auch nicht in meinem eigenen Zimmer.» Was ihr Angebot angeht, gibt sie sich eher verschlossen. Bei einem Hausbesuch sei meistens eine Massage und eine Dusche dabei. Doch viele Männer kämen auch zum Reden. Welchen Service sie auf dem Strassenstrich bietet, will sie nicht näher erklären. Auch die anderen Frauen gehen nicht ins Detail, was Kundenwünsche angeht. Sie halten sich bedeckt.

«Gaffer» fahren nur vorbei

Um 23 Uhr wird der Hotspot geschlossen. Kurz davor sind die Frauen nochmals vorbeigekommen, um sich mit Kondomen einzudecken und das WC zu benutzen. Danach ist der einzige Ort, wo sie sich aufwärmen können, das Auto des Freiers. Das Unterfangen, auch mit Freiern Kontakt herzustellen, gestaltet sich zunächst schwierig. Die meisten Autos fahren einfach vorbei, viele mehrmals. In manchen sitzen mehrere Männer. Das seien «Gaffer», sie kämen nur zum Schauen, sagen die Sexarbeiterinnen. In ein Auto mit drei Männern würden sie nie einsteigen.

Freier, die eine Dienstleistung beziehen, benützen dazu meist den Serviceplatz, den die Stadt Luzern bei der Werk­­hof-Einfahrt zu Verfügung stellt. Die Sexarbeiterinnen sind froh, dass sie diesen Platz nutzen können – so müssen sie nicht wegfahren mit den Freiern und fühlen sich sicherer. Denn ihre Kolleginnen sind in der Nähe und halten immer ein Auge auf die anderen.

«Reiner Zeitvertreib»

Schliesslich gelingt es doch, mit einigen Männern zu reden. Sie geben bereitwillig Auskunft, wenn auch oft ein wenig gehemmt. Die meisten behaupten, sie würden nur vorbeifahren und nie eine Frau mitnehmen. Fragt man sie nach ihren Beweggründen, sind sie oft ein wenig ratlos. «Reiner Zeitvertreib», sagt einer. Ein anderer schaut auf dem Heimweg kurz vorbei. Was er suche, kriege er hier nicht, sagt er, will aber nicht erzählen, was er denn sucht.

Irritierend ist, was ein weiterer Mann sagt: «Ich komme hierher, wenn es mir schlecht geht. Wenn ich diese Frauen anschaue, geht es mir nachher immer besser, weil ich weiss, wie gut mein Leben ist.» Er verabscheue dieses Gewerbe und würde ein Prostitutionsverbot sofort befürworten. Einige Männer sagen auch, sie würden abgeschreckt von der Vorstellung, was diese Frauen mit den Freiern machen. Trotzdem fahren sie mehrmals durch die Strasse und schauen aus dem Fenster. Alle Männer, mit denen wir reden, sind jung – wir schätzen keinen über 40 Jahre.

Strassenstrich ist günstig

Nur einer von ihnen gibt offen zu, dass er ab und zu herkommt und auch die Dienste der Frauen in Anspruch nimmt. Er kenne mittlerweile viele von ihnen, sagt er. «Es hat für mich auch eine soziale Komponente, aber hauptsächlich suche ich schon Befriedigung.» Er nutze den Strassenstrich, weil es hier relativ günstig sei im Vergleich zu einer Kontaktbar. Dort komme ja zur Dienstleistung noch die Konsumation dazu. «Wären die Preise hier höher, würde ich nicht mehr oder seltener kommen.»

Die Heizung in seinem Auto ist voll aufgedreht. Nach dem Gespräch durchs offene Fenster fährt er auf die andere Strassenseite zu den Sexarbeiterinnen. Eine steigt ein. Dann fährt er mehrmals mit ihr die Strasse hoch und runter und lässt sie wieder aussteigen. Anscheinend durfte sie sich in seinem Auto aufwärmen.

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