IBACH: Prostituierte oft ungewollt schwanger

Ein Container auf dem Strassenstrich bietet seit einem halben Jahr Beratungen an. Der Zulauf ist da – für grosse Veränderungen fehlen aber die finanziellen Ressourcen.

Andrea Schelbert
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Prostituierte bieten im Gebiet Ibach am Strassenrand ihre Dienste an. (Archivbild Dominik Wunderli)

Prostituierte bieten im Gebiet Ibach am Strassenrand ihre Dienste an. (Archivbild Dominik Wunderli)

Gummibären und Schokolade liegen auf dem Tisch im Container bereit. Es riecht nach kaltem Zigarettenrauch. Hier im Container finden die Sexarbeiterinnen einen Zufluchtsort, wo man ihnen mit Wärme und Respekt begegnet. Im Dezember 2013 ist das Pilotprojekt Hotspot, eine professionelle Beratungsstelle für Sexarbeiterinnen im Gebiet Ibach in Luzern, gestartet (siehe Box). «Die Frauen freuen sich sehr über dieses Angebot. Sie haben uns vom ersten Tag an rege besucht», sagt Projektleiterin Birgitte Snefstrup (53). Bis zu 12 Prostituierte sitzen teils gleichzeitig im Container und tauschen sich mit den Beraterinnen aus.

Gewalt ist immer wieder Thema

Draussen auf dem Strassenstrich werden die Prostituierten jedoch schnell von der Realität eingeholt. «Die Sicherheit der Frauen ist ein grosses Problem. Weil es nirgendwo einen Platz gibt, wo sie mit ihren Kunden hin können, fahren sie mit den Männern in den Wald oder zum alten Friedhof. Dort ist es dunkel und menschenleer. Wenn sie schreien, wird sie niemand hören», erklärt Sozialpädagogin Snefstrup. Sie würde sich wünschen, dass man den Frauen einen sichereren Platz zur Verfügung stellt, wo sie ihrer Arbeit nachgehen können.

Nachdem am 6. Mai in Florenz eine Prostituierte ermordet wurde, zeigte sich, dass auch die Prostituierten in Luzern Gewalt ausgesetzt sind. «Sie waren aufgewühlt und erzählten uns von ihren Gewalt-Erlebnissen. Viele Frauen werden von den Freiern gewürgt oder geschlagen. Das sind Sachen, die sie immer wieder erleben. Ich glaube, dass Sexarbeiterinnen für viele Männer Frauen auf niedrigster Stufe sind. Sie lassen ihre Aggressionen an denen aus, die sie für das schwächste Glied in der Bevölkerung halten.»

Nebst der Gewalt, die auf dem Strassenstrich ein konstantes Thema ist, sind die Sexarbeiterinnen laut Snefstrup sehr schlecht über Safer-Sex und Schwangerschaftsverhütung informiert. Dies hat die langjährige Fachfrau Sexarbeit überrascht: «Es ist erschreckend, wie wenig sie darüber wissen. Diese Themen werden in ihren Heimatländern oft tabuisiert.» Schwangerschaften von Prostituierten kommen in Luzern regelmässig vor. Ein Ziel des Projekts ist darum, die Frauen besser aufzuklären. «Es ist eine Gratwanderung, wie man das den Frauen auf eine gute Art vermittelt, ohne sie blosszustellen. Denn sie sind ja eigentlich Profis, haben jedoch nicht das nötige Wissen, das es für diese Arbeit braucht.»

Gejammert wird nie

Auch die Gesundheitsversorgung sei ein Thema. Weil die Frauen stundenlang in der Kälte ausharren, erkranken sie an Blaseninfektionen, Erkältungen und anderen Krankheiten. Da viele der Ausländerinnen die Schweiz nach 90 Tagen verlassen müssen, ist für sie die Krankenversicherung nicht obligatorisch. Der Besuch des Arztes ist für sie teuer. «Wir hoffen, dass wir ein Angebot finden, wo sie sich günstiger behandeln lassen können.» Snefstrup sagt, dass sich die Sexarbeiterinnen nie über ihre schwierige Situation beklagen. «Sie kennen kein Selbstmitleid. Manchmal sagen sie, dass sie müde seien und nicht mehr weitermachen möchten. Sie würden gerne eine andere Arbeit machen und bei ihren Kindern sein. Doch sie jammern nie.» Für Birgitte Snefstrup ist klar: Mit dem Projekt Hotspot ist die Arbeit nicht getan. «Für grosse Veränderungen fehlen uns die finanziellen Ressourcen. Es wäre wichtig, dass wir die Frauen auch ausserhalb des Containers unterstützen könnten.» Sie betont, dass die vier Beraterinnen, die alle ehrenamtlich arbeiten, hervorragende Arbeit leisten. «Die grösste Herausforderung für sie besteht darin, schwierige Situationen auszuhalten und zu wissen, dass sie an der Situation der Frauen nur wenig verändern können. Obwohl wir den Sexarbeiterinnen nur wenig bieten können, ist diese Arbeit jedoch enorm wichtig.» Sie hofft, dass das Pilotprojekt nach der 18-monatigen Testphase weitergeführt wird. «Das Bedürfnis der Frauen bleibt bestehen. Ich wünsche mir von der Politik, dass man dies nicht vergisst. Ich erwarte, dass sich Stadt und Kanton dafür einsetzen.»

520 Besuche in sechs Monaten

Bilanz as/lw. Der Luzerner Verein für die Interessen der Sexarbeiterinnen (Lisa) ist im November 2013 gegründet worden. Die Organisation versteht sich als Sprachrohr und Interessenvertretung der Sexarbeiterinnen und hat das Container-Pilotprojekt Hotspot lanciert. In den ersten sechs Monaten wurden 520 Besuche von Sexarbeiterinnen registriert, wobei der Container im Winter nur an drei Abenden und seit April an zwei Abenden in der Woche geöffnet ist. «Die Frauen würden sich wünschen, dass wir jeden Tag vor Ort wären», sagt Projektleiterin Brigitte Snefstrup.

Zwischen 10 und 20 Frauen sind pro Abend im Gebiet Ibach tätig. Den Prostituierten werden Kondome und Infobroschüren abgegeben. Sie werden etwa über gesundheitliche Themen, Gewaltprävention, Aufenthaltsbestimmungen informiert. Vorerst dauert das Pilotprojekt 18 Monate. An den Kosten von 260 000 Franken beteiligen sich Stadt und Kanton mit je 110 000 Franken. Den Rest übernehmen Private mit Spenden sowie der Bund.

Stadt und Polizei loben Angebot

Zufrieden mit dem Angebot ist zum einen die Luzerner Polizei, wie es auf Anfrage heisst. Und auch der städtische Sicherheitsmanager Maurice Illi ist erfreut über die Entwicklung in den letzten Monaten: «Die Situation auf dem Strassenstrich im Ibach ist ruhig. In den letzten Monaten gab es so gut wie keine Reklamationen mehr.» Der Container sei ein ergänzendes Puzzleteil zur Beruhigung der Lage. Laut Illi hat es in den letzten Monaten keine polizeilich registrierten Übergriffe auf die Prostituierten gegeben. Die von Snefstrup geschilderten Gewalttätigkeiten gegen Sexarbeiterinnen (siehe Haupttext) führten folglich nicht zu einer Anzeige.

Prostituierte bieten im Gebiet Ibach am Strassenrand ihre Dienste an. (Bild: Dominik Wunderli / Neue LZ)

Prostituierte bieten im Gebiet Ibach am Strassenrand ihre Dienste an. (Bild: Dominik Wunderli / Neue LZ)