Interview

Direktor des Historischen Museums Luzern: «Ich gehe mit guten Gefühlen»

Christoph Lichtin tritt als Direktor des Historischen Museums Luzern ab. Er blickt auf bewegte Jahre zurück.

Stefan Dähler
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Christoph Lichtin im zweiten Stock des Historischen Museums von Luzern. (Bild: Pius Amrein, 8. Juli 2019)

Christoph Lichtin im zweiten Stock des Historischen Museums von Luzern. (Bild: Pius Amrein, 8. Juli 2019)

Vor sechs Jahren hat Christoph Lichtin (56) die Direktion des Historischen Museums Luzern übernommen. Er kann Erfolge vorweisen: In dieser Zeit ist die Besucherzahl von rund 32'000 auf knapp 40'000 angestiegen, auch dank populärer Ausstellungen zu Emil Steinberger oder Queen Victoria. Weiter führte er als erster Leiter der fusionierten kantonalen Museen das Historische und das Natur-Museum auf operativer Ebene zusammen.

Nun plant der Kanton auch noch die physische Zusammenführung, als Standort ist das alte Zeughaus im Gespräch (Artikel vom 3. Juli). Lichtin wird dann aber nicht mehr dabei sein. Er tritt im August eine neue Stelle an als Geschäftsführer und Leiter Sammlung der Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte des verstorbenen Sammlers Bruno Stefanini in Winterthur. Wie es zum Wechsel kam und wie er auf seine Arbeit in Luzern zurückblickt, sagt er im Interview mit unserer Zeitung.

Die Zukunft der kantonalen Museen steht noch in der Schwebe. Mit welchen Gefühlen verlassen Sie Luzern?

Christoph Lichtin: Im Grossen und Ganzen gehe ich mit guten Gefühlen. Ich hatte eine grossartige Zeit mit tollen Projekten und gutem Personal und konnte viel profitieren. Klar war es teilweise auch anstrengend, doch das gehört dazu.

Den geplanten Standort im Zeughaus haben Sie stark kritisiert. Wann haben Sie davon erfahren?

Ich war in die entsprechende Machbarkeitsstudie nicht involviert und wurde Anfang Juni informiert. Mein Stellenwechsel stand schon vorher fest und hat nichts damit zu tun, sondern mit dem Zeithorizont des Projekts. Die Zusammenführung dauert noch mindestens fünf Jahre und ich wollte mich nicht mehr dauernd mit Machbarkeitsstudien beschäftigen. Zudem war die andere Stelle gerade ausgeschrieben. Der Zeitpunkt passt, um das Projekt an jemanden zu übergeben, der dieses vollenden kann.

Abgesehen vom Standort – wie beurteilen Sie die Zusammenführung der Museen?

Inhaltlich ist das klar eine positive Entwicklung, ich stehe hinter diesem Konzept. Es macht Sinn, auch inhaltlich zusammenzuarbeiten. Ohne die Sparvorgaben wäre die Ausgangslage perfekt.

Wie stark haben Sparmassnahmen Ihre Arbeit geprägt?

Schon in der ersten Arbeitswoche wurden Einsparungen angekündigt. Bis heute habe ich 10 Prozent der Stellen abbauen müssen, bei aktuell 18 Stellen. Dabei habe ich Gewicht darauf gelegt, dass das Publikum möglichst wenig davon bemerkt. Einen Rückgang der Qualität gab es dagegen bei der Bearbeitung des Sammlungsbestands.

Wie äussert sich das?

Wir machen nur noch das Minimum, um die Objekte zu konservieren, können sie aber nicht mehr richtig aufarbeiten. Weiter haben wir kaum mehr Platz für neue Objekte, da die Depots voll sind. Zudem haben wir Kompetenzen in gewissen Gebieten verloren, etwa in der Textilgeschichte, die früher noch eine wichtige Rolle im Historischen Museum spielte. Stolz bin ich darauf, dass die Besucherzahlen dennoch seit 2013 um 25 Prozent gestiegen sind.

Dies auch dank mehrerer erfolgreicher Sonderausstellungen. Auf welche blicken Sie besonders gerne zurück?

Einerseits auf jene mit Emil 2015. Das war eine Ausstellung über einen lebenden Helden, wodurch das Museum in der Öffentlichkeit ganz anders wahrgenommen wurde. Andererseits jene im letzten Jahr über den Luzerner Besuch von Queen Victoria. Dies, weil es sich nicht um eine elitäre Form der Geschichtsschreibung handelte, sondern die Ausstellung etwas hervorholte, das tief im Bewusstsein der Luzerner steckt: Die Rolle als Gastgeber, der sich freut, wenn Leute die Stadt besuchen.

Was meinen Sie mit nicht-elitärer Geschichtsschreibung?

Ich wollte, dass die Leute in den Ausstellungen einen Bezug zu ihrer Lebensrealität finden; Dinge zeigen, die sie auch beschäftigen oder erlebt haben. Bei der Queen etwa haben wir ihre persönliche Geschichte in den Fokus gerückt. Ich denke, dass das die Leute berührt hat und sie teils auch an die eigene Lebensgeschichte gedacht haben. Am plakativsten war es wohl bei der Ausstellung über Mauern, als es nicht nur um jene etwa im fernen Gaza, sondern auch um die Museggmauer ging. Der Besucher muss das Gefühl haben, dass das Ganze etwas mit ihm zu tun hat. Die emotionale Seite ist wichtig.

Sie waren nicht nur Direktor des Historischen Museums, sondern zu 20 Prozent als Leiter kantonale Museen auch für das Natur-Museum zuständig. Öffentlich hat man das aber weniger stark wahrgenommen.

Das stimmt, inhaltlich war ich beim Natur-Museum stark im Hintergrund. Meine Aufgabe war, die Museen operativ zusammenzuführen. Inzwischen haben wir die Marketing- und Kommunikationsstelle, die Buchhaltung, die Technik-Abteilung und den Besucherdienst zusammengelegt. Ausnahme war bisher das Programm, das wird sich aber unter meinem Nachfolger oder meiner Nachfolgerin ändern.

Beim Natur-Museum 
bestand zu Beginn grosse Skepsis gegenüber der 
Zusammenlegung. Wie sieht es heute aus?

Unterschiedlich. Ich habe es aber gemeinsam mit meiner Kollegin Britta Allgöwer geschafft, Ruhe und Transparenz reinzubringen. Wichtig ist, die Leute gut zu informieren und sie auch bei unklaren Zukunftsperspektiven für die tägliche Arbeit zu motivieren. Es war aber eine Herausforderung, zumal das Natur-Museum mit der stets aufgeschobenen Sanierung eine schwierige Geschichte hinter sich hat. Wenn man ein Projekt erarbeitet und dieses dann versenkt wird, ist das nicht einfach.

Was reizt Sie an Ihrer neuen Stelle?

Das Tätigkeitsfeld wird breiter sein. Es geht darum, die Stiftung ganz neu aufzubauen. Ihr gehören vier Schlösser an, unter anderem das Schloss Grandson, das als Museum betrieben wird. Weiter wird ein Bereich Förderung aufgebaut, drei Millionen Franken pro Jahr sollen vergeben werden. Ich werde wieder vermehrt mit Kunst zu tun haben – von dort komme ich ja her. In der Sammlung befinden sich rund 100'000 Objekte von grosser Vielfalt. Man kann aus dem Vollen schöpfen, denn auch finanziell ist die Stiftung sehr potent.

Welches Objekt werden Sie dort vermissen?

Eine bewegliche Weltkarte aus dem Jahr 1618 aus dem ehemaligen Jesuitenkolleg. Ich habe sie bis heute noch nicht vollständig verstanden. Sie zeigt grundsätzlich alle Orte auf, wo die Jesuiten Niederlassungen hatten – ein Propagandawerk eines geistigen Weltkonzerns. Weiter ist auch ihre Entstehungsgeschichte sehr spannend, in Auftrag gegeben wurde sie von Johann Baptist Cysat, dem Sohn des berühmten Stadtschreibers von Luzern.

Nachfolge noch offen

Christoph Lichtin (56) ist in Solothurn aufgewachsen und hat in Bern Kunstgeschichte studiert. Vor seiner Zeit am Historischen Museum war er als Sammlungskonservator für das Luzerner Kunstmuseum tätig.
Als Direktor des Historischen Museums löste Lichtin 2013 Heinz Horat ab, der ebenfalls Kunsthistoriker war. Wer nun auf Lichtin folgt, ist noch offen. Gespräche mit Interessenten laufen, heisst es auf Anfrage beim kantonalen Bildungs- und Kulturdepartement. Der Arbeitsbeginn hängt von der Kündigungsfrist am aktuellen Arbeitsort ab.