Viele Velopannen, aber noch mehr spannende Begegnungen: Das hat ein Luzerner auf seiner Tour Richtung Japan erlebt

Knapp 22'000 Kilometer durch 15 Länder ist der Luzerner Sandro Gassmann (30) in den letzten elf Monaten geradelt: von Luzern nach Japan.

Natalie Ehrenzweig
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Sandro Gassmann fuhr von Luzern nach Japan.

Sandro Gassmann fuhr von Luzern nach Japan.

Bilder: PD

Die Idee für die aussergewöhnliche Velotour von Sandro Gassmann entstand 2018. «Ich habe eins ums andere geplant, meine Ausrüstung zusammengestellt, die Route bestimmt. Ich wusste, welche Städte, Landschaften und Kulturen ich sehen wollte: der Nahe Osten, Zentralasien und der Ferne Osten. Dann habe ich gekündigt. Das war eine grosse Schwelle», schmunzelt der Luzerner.

Schokolade und Käse vermisst

Elf Monate war er unterwegs, die meiste Zeit allein – vermisst habe er vor allem die Schokolade, den Käse und die eigene Dusche. Seine Eltern seien über sein Vorhaben nicht sonderlich erfreut gewesen. «Sie haben sich Sorgen gemacht, weil ich allein unterwegs war. Mit der Zeit haben sie sich dann aber beruhigt. Unterstützung habe ich von meinen Geschwistern und meinen Freunden bekommen. Die verstanden mein Bedürfnis, möglichst viel mit dem Velo zu machen», so der Geomatikingenieur.

Grund zur Sorge hätten die Eltern denn auch nicht gehabt. «Wirklich gefährlich war es höchstens im Strassenverkehr. Die Menschen unterwegs waren meistens sehr nett und hilfsbereit. Im Iran wurde ich zum Beispiel sehr oft eingeladen, bei ihnen zu essen oder zu übernachten», sagt Gassmann. An seine Grenze brachte ihn manchmal das Wetter: «Ich hatte alles – Schneestürme, Hitze und Sandstürme, in denen ich kaum noch Wasser fand.» Und obwohl der Luzerner einsame Landschaften mag, an diese Einsamkeit seien wir uns in der Schweiz nicht gewöhnt.

Wenn es um die Begegnungen geht, kommt Gassmann fast nicht aus dem Schwärmen heraus:

«Diese Herzlichkeit und Gastfreundschaft, das kann man nicht spielen.»

Sogar die Chinesen im Westen des Landes, die ihn wochenlang verfolgten und immer wieder bei Checkpoints durchsuchten, befragten und die Bilder in seinem Handy kontrollierten sowie dokumentierten, seien höflich und anständig gewesen. «Aber ich fühlte mich beobachtet. Manchmal war mir da schon mulmig.» Dort hätte er wirklich Heimweh gehabt. «Ich habe Schweizer Musik gehört und wollte am liebsten zurück. Doch ich habe weitergemacht. Das verging dann wieder.»

Gepäck wog zwischen 25 und 30 Kilo

Etwa 12'000 Franken betrug das Reisebudget. Einen Drittel der Nächte schlief er im Zelt. Trotzdem wog seine Ausrüstung nur etwa 25 bis 30 Kilo. «Mit dem Velo kommen nochmals etwa 20 Kilo hinzu», ergänzt Gassmann. Das weiss er so genau, weil er einen einzigen Flug von Osaka nach Wladiwostok unternehmen musste. «Heimgekehrt bin ich aber mit der Transsibirischen Eisenbahn. Das war toll.» Erstaunt hat Gassmann, dass er trotz seiner Reiseart keine ultimative Freiheit verspürte.

«Vielleicht lag es daran, dass ich leider viele Velopannen hatte. Einmal brach sogar der Rahmen. Ausserdem musste ich darauf achten, die Visa nicht ablaufen zu lassen. Und die Überwachung hat wohl auch das Ihre dazu beigetragen.»

Dass die Menschen, denen er unterwegs begegnete, nicht frei waren, wurde oft rasch klar: «Obwohl ich nicht in ein Land reise, um dort gleich politische Diskussionen zu führen, kamen die Einheimischen oft von selbst rasch auf solche Themen. Wenn sie betonten, wie gut ich es hätte, dass ich einfach losfahren kann, hatte ich manchmal fast ein schlechtes Gewissen.»

Er habe auch erlebt, dass Menschen resigniert hätten, sich mit ihren Lebensumständen arrangierten und das Beste rauszuholen versuchen. Seine Art zu Reisen kann er aber wärmstens empfehlen: «Mit dem Velo erlebt man die Elemente und kommt in Kontakt mit Einheimischen. Allerdings braucht man viel Zeit.» Kurz vor Weihnachten ist er in die Schweiz zurückgekehrt, doch so richtig zur Ruhe kommen will Gassmann noch nicht. Sein Ziel ist, auch noch Amerika zu bereisen, wo seine Schwester wohnt.

Hier gibt's Sandro Gassmanns Blog: www.direcziun-oriaint.webnode.com

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