Interview

19. Adventsfenster: Dieser Luzerner bringt die frohe Botschaft ins Gefängnis

Stephan Brändli ist Gefängnis-Seelsorger. Der 57-Jährige erklärt, wie die Insassen im Grosshof und Wauwilermoos Weihnachten feiern – und was die Straftäter am meisten bedrückt.

Niels Jost
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Stephan Brändli vor der Justizvollzugsanstalt Grosshof in Kriens: «Ich möchte die Gefangenen stärken», sagt der Seelsorger, der die Insassen im Grosshof und im Wauwilermoos seit fast zwei Jahren besucht.

Stephan Brändli vor der Justizvollzugsanstalt Grosshof in Kriens: «Ich möchte die Gefangenen stärken», sagt der Seelsorger, der die Insassen im Grosshof und im Wauwilermoos seit fast zwei Jahren besucht.

Bild: Corinne Glanzmann, 13. Dezember 2019

Fast 180 Personen sitzen aktuell in den Luzerner Justizvollzugsanstalten Grosshof in Kriens und Wauwilermoos in Egolzwil. Die jetzigen Festtage sind besonders schwer zu ertragen: Familie, Freunde, Weihnachtsessen oder die Besinnung sind ihnen grösstenteils vorenthalten.

Halt finden die verurteilten Straftäter aber beispielsweise bei den Gefängnis-Seelsorgern. Einer von ihnen ist Stephan Brändli aus Emmenbrücke. Der 57-jährige verheiratete Familienvater dreier erwachsener Kinder besucht die Gefangenen seit knapp zwei Jahren, jeweils während eines Nachmittags: dienstags im Grosshof, mittwochs im Wauwilermoos. Hauptberuflich ist der ausgebildete Primarlehrer und studierte Theologe Pfarreiseelsorger im Pastoralraum der katholischen Kirche in Kriens.

Zu unserem Treffen haben Sie einen Adventskranz mitgenommen. Weshalb?

Stephan Brändli: Der Kranz symbolisiert den Weg, welchen die Straftäter im Gefängnis gehen: Manchmal brennt ein Licht, manchmal auch nicht. Zudem steht er für die Weihnachtsgeschichte und die damit verbundenen Begegnungen.

Im Gefängnis begegnen die Insassen aber nicht sonderlich vielen Personen.

Dafür haben die Begegnungen einen hohen Stellenwert, sei es mit den Betreuern, dem Sozialdienst, Mitinsassen oder uns Seelsorgern. Wir alle versuchen, den Straftätern mit Achtung zu begegnen und sie nicht alleine zu lassen.

Ist die Einsamkeit während der Weihnachtszeit grösser als im restlichen Jahr?

Natürlich ist es eine schwierige Jahreszeit. Aber gemeinsam mit dem reformierten Seelsorger und dem Imam organisieren wir auch dieses Jahr eine Weihnachtsfeier in den Justizvollzugsanstalten. Die Teilnahme ist freiwillig.

Eine Feier für Christen und Muslime gleichermassen?

«Im Gefängnis verschwimmen die Konfessionen und Religionen.»

Ich habe für jeden Insassen ein offenes Ohr, der das Bedürfnis nach einem Gespräch hat. Für mich steht der Mensch im Zentrum, nicht die Religionszugehörigkeit oder die Tatsache, dass diese Person eine Straftat verübt hat. Zum Teil weiss ich nicht einmal, was mein Gesprächspartner verbrochen hat.

Haben Sie niemals Angst?

Nein, Angst habe ich keine. Ich trage zwar einen Sicherheitsknopf bei mir, aber den habe ich noch nie gebraucht. Ich begegne den Gefangenen als Mensch. Dabei öffne ich mich auch persönlich, spreche über meine Lebenserfahrungen. Das schätzen die Insassen, und dadurch öffnen sie sich mir gegenüber. Im Wauwilermoos kommt es etwa vor, dass ich durch die offene Anstalt laufe und mir Gefangene einen Stuhl zuschieben und damit signalisieren, dass sie meine Gegenwart wünschen. Zudem esse ich gemeinsam mit ihnen zu Abend oder trinke einen Kaffee in ihrem Pausenraum. Das schafft Nähe und Vertrauen.

Worüber sprechen Sie mit den Gefangenen? Und was sind ihre grössten Sorgen?

«Die begangene Straftat ist selten das Hauptthema des Gesprächs.»

Dieses dauert im Grosshof im Durchschnitt etwa 45 Minuten und im Wauwilermoos zwischen 10 und 20 Minuten. Schwer erträglich ist es für Häftlinge etwa, wenn sie für ungewisse Zeit auf Gerichtsentscheide, Verhandlungen oder Anwaltstermine warten müssen. Schwierig ist auch, wenn Gefangene nach der Haft ausgeschafft werden. Das tut weh und ist wie eine zweite Strafe. Betroffen sind nicht selten auch Familienväter, deren Kinder in der Schweiz aufgewachsen sind. In solchen Fällen werden Familien auseinandergerissen, die Frau und Kinder sind dann zum Teil von der Sozialhilfe abhängig. In solchen Fällen hinterfrage ich unsere Ausschaffungspolitik – denn damit ist niemandem geholfen.

Gibt es auch lockere Gespräche?

Es gibt durchaus Situationen, in denen wir lachen. Ein Gefangener kennt beispielsweise viele Witze oder Gedichte, die er singend vorträgt. Ein Mann sagte mir auch schon, das Christentum sei ihm nicht sonderlich wichtig, er wünsche sich aber, dass ich ihn segne. Das tat ich dann auch, woraufhin mir der Mann mit leuchtenden Augen zeigte, dass er Hühnerhaut bekommen hatte. Solche Begegnungen berühren mich.

Sie geben sich also persönlich stark ein?

Es war von Anfang an meine Motivation für diese Stelle, mich mit den vielseitigen Personen auseinanderzusetzen. Insofern ja:

«Die Gespräche sind nicht nur reine Formsache.»

Es ist für mich eine Bereicherung, an der Lebenserfahrung anderer Menschen teilnehmen zu können. Zwar bin ich oft müde nach den Besuchen in den Gefängnissen, aber meistens gehe ich glücklich nach Hause.

Was möchten Sie mit ihrer Tätigkeit bewirken?

Die Straftäter sollen im Gefängnis nicht gebrochen werden, im Gegenteil: Ich möchte sie in ihrer Eigenachtung stärken, sodass sie nach ihrer Strafe aufrecht in ihrem Leben weitergehen können.

Lässt sich ihr Engagement denn überhaupt mit dem Christentum vereinbaren? Schliesslich sind die Gefangenen allesamt straffällig geworden.

Pestalozzi habe einmal gesagt:

«Ihr müsst die Menschen lieben, wenn ihr sie ändern wollt. Euer Einfluss reicht nur so weit wie eure Liebe.»

Sprich: Selbst wenn die Straftäter Schuld auf sich geladen haben, muss man sie stützen. Schliesslich hat jeder von uns schon einmal etwas gemacht, das er oder sie im Nachhinein bereut hat. Jeder weiss, wie schwer es dann ist, sich zu entschuldigen, Einsicht zu zeigen und Strategien zu entwickeln, damit man in Zukunft nicht wieder einen Fehler begeht. Mit der eigenen Schuld umzugehen, ist anspruchsvoll. Ich nehme uns alle in die Pflicht.

Wie meinen Sie das?

Für die Reintegration eines Straftäters sind alle Bezugspersonen wichtig: die Betreuer, Sozialarbeiter, aber insbesondere auch die Familie oder der Arbeitgeber. Wer nach der Haft in ein stabiles Umfeld zurückkehrt, hat bessere Chancen, nicht rückfällig zu werden.

Sie sprechen die Angehörigen an. Haben Sie auch mit ihnen Kontakt?

Nicht direkt. Aber wie bereits erwähnt, wird die ganze Familie beeinflusst, wenn jemand ins Gefängnis muss. Deshalb planen wir von der Gefängnis-Seelsorge, eine Selbsthilfegruppe für Angehörige aufzubauen.

Was wünschen Sie sich für die Gefangenen zu Weihnachten?

Ich hoffe, dass ehemalige Straftäter, die ihre Strafe verbüsst haben, keinen Vorurteilen ausgesetzt sind. Schliesslich hat jeder eine andere Lebensgeschichte zu erzählen, und jeder Mensch macht Fehler – aber eben auch ganz viel Gutes. Davon bin ich überzeugt.