Ich und der «Schrittmacher»

10'000 Schritte soll man täglich machen, um gesund und fit zu bleiben. Unsere Autorin hat es ausprobiert und sich eine Woche lang dem Diktat ihres Schrittzählers untergeordnet.

Annette Wirthlin
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Auf Schritt und Tritt verfolgt - vom Schrittzähler. (Bild: Corinne Glanzmann/Neue LZ)

Auf Schritt und Tritt verfolgt - vom Schrittzähler. (Bild: Corinne Glanzmann/Neue LZ)

700? 2000? 50'000? Keine blasse Ahnung, wie viele Schritte ich an einem durchschnittlichen Tag mache. Nur ein Gefühl, das mir sagt: wahrscheinlich eher zu wenige. Das kantonale Gesundheitsförderungsprojekt «Luzern geht gern» kommt also wie gerufen. Für eine Woche werde ich jeden meiner Schritte erfassen und dokumentieren. In einer Apotheke besorge ich mir einen Schrittzähler, der aussieht wie eine Kreuzung aus einer Eier- und einer Taschenuhr. Ich programmiere Uhrzeit, Schrittlänge und Körpergewicht ein, und schon kann es (beziehungsweise kann ich) – zwei Tage vor dem offiziellen «Startschuss» zum Projekt – losgehen.

Tag 1, Samstag

Heute gehe ich mit einem Freund wandern – das vom Projekt vorgegebene Tagessoll von 10'000 Schritten sollte mit links zu schaffen sein. Voller Tatendrang montiere ich gutes Schuhwerk und den Schrittzähler am Hosenbund (Mann, sieht das doof aus, aber da muss ich durch). Leider empfängt uns nach dem Gotthard ein bedeckter Himmel, sodass wir unsere Wanderung zu Gunsten einer Zug- und Busreise durch nördlichere Regionen abblasen. Wettertechnisch ist das sicher der richtige Entscheid, aber für meine Schrittbilanz habe ich so meine Befürchtungen ... Wir nehmen also in Bellinzona spontan das Postauto nach Chur (wo die Sonne scheint), spazieren dort ein bisschen durch die schöne Altstadt und gehen Mittagessen.

Später gehts weiter mit der Rhätischen Bahn nach Bad Ragaz, wo zufällig gerade die Kunstausstellung «Bad Ragartz» läuft. Auf dem ganzen Stadtgebiet sind Werke internationaler Künstler verteilt, die einen offenbar von der Tatsache ablenken, dass man ständig auf den Füssen ist. Jedenfalls beginnt es am frühen Abend, als wir gerade bei der Statue eines überaus dicken Mannes stehen, in meiner Hosentasche zu piepsen: 10'000 Schritte sind schon geschafft. Staun! Was jetzt folgt, ist also sozusagen das Sahnehäubchen auf dem Kuchen der Sportlichkeit. Denn unsere spontane «Tour de Suisse» ist noch nicht zu Ende.

Auf dem Heimweg nach Zug klappern wir noch zahlreiche weitere Stationen ab (Wädenswil, Biberbrugg, Sattel-Hochstuckli und Arth-Goldau) und laufen uns beim Überbrücken der Wartezeiten ordentlich die Füsse platt. Erst spätabends falle ich todmüde und mit 17'176 Schritten auf dem Buckel ins Bett.

Virtuelle Wanderung

wia. Am letzten Montag fiel der Startschuss für das Projekt «Luzern geht gern» der Fachstelle Gesundheitsförderung des Kantons Luzern und der Suva. Mit der Gratisabgabe von 25 000 Schrittzählern über Apotheken, Drogerien und Hausärzte (bereits alle vergeben) soll die Bevölkerung zu mehr Bewegung animiert werden. Auf der Website www.luzerngehtgern.ch kann sich jeder registrieren, die geleisteten Schritte eintragen und so an einer virtuellen Wanderung durch die Region teilnehmen. Ziel ist es, an mindestens fünf Tagen pro Woche ein Soll von 10 000 Schritten zu erfüllen. Der Einstieg in den Lauf ist jederzeit möglich. Das Projekt dauert bis zum 1. Juli.

Tag 2, Sonntag

Mit dem gestrigen «Vorschuss» erlaube ich mir, den Sonntag ganz ruhig anzugehen. Wobei, ein paar Dinge tu ich dann trotzdem: Zum Beispiel versuche ich, den undichten Siphon meines Lavabos zu reparieren (47 Schritte, viel «Schweiss und Tränen», aber der Siphon tropft noch immer), ich beziehe das Bett neu (217 Schritte), ich telefoniere mit einer Freundin (70 Schritte), und ich spaziere zum See hinunter (rund 400 Schritte). Dort lese ich auf einer Bank ein Buch (0 Schritte, ha ha!). Der Heimweg kostet mich seltsamerweise nur noch etwa 250 Schritte, obschon ich den gleichen Weg gegangen bin. Haben sich etwa meine Schritte vergrössert? Um 16 Uhr zeigt das Display 1883 Schritte.

In einer Bar bei mir um die Ecke ist kubanischer Nachmittag – eine gute Gelegenheit, meine Schrittstatistik aufzumöbeln. Ich überprüfe nach jedem getanzten Lied meinen Schrittzähler und hoffe, dass der jeweilige Tanzpartner dies nicht als Blick auf die Uhr interpretiert. Pro Tanz klettert die Zahl nur schlappe 300 Schritte nach oben. Bei einem fünfminütigen Stück wäre das gerade mal ein Schritt pro Sekunde! Nach drei Stunden auf der Tanzfläche habe ich nur 9000 Schritte auf dem Konto. (Randnotiz: Ich muss mich erkundigen, wie so ein Schrittzähler funktioniert!) Dass ich es an diesem Abend doch noch auf 11'512 Schritte schaffe, liegt einzig daran, dass ich danach zu einem Restaurant spaziere und mir ein Znacht gönne. Kontraproduktiv, ich weiss.

Tag 3, Montag

Heute ist mein freier Tag. Ich nutzte den Morgen für diverse Hausarbeiten wie Zeitungen bündeln und in den Keller tragen (256 Schritte), Wäsche aufhängen (126 Schritte) und die Wohnung putzen inklusive Boden aufnehmen (270 Schritte). Danach bin ich schweissgebadet und ernüchtert über die Ausbeute: blosse 1785 Schritte. Über Mittag vollbringe ich die bisher grösste sportliche Leistung der Woche, die sich aber leider nicht in der Schritte-Statistik niederschlägt: Beim Schwimmtraining kann ich den Schrittzähler nicht tragen, da er nicht wasserdicht ist und ich ja auch keine Schritte, sondern «nur» geschätzte 100'000 Beinschläge absolviere. Am Nachmittag besuche ich (mit dem Zug) meine Mutter im Nachbardorf.

Um wenigstens noch ein paar Schritte anzuhäufen, lehne ich ihr Angebot ab, mich mit dem Auto am Bahnhof abzuholen, und gehe zu Fuss (rund 1300 Schritte, auf dem Hinweg steil bergauf, auf dem Rückweg steil bergab). Am Abend fahre ich mit dem Velo zur Gesangsstunde und wieder zurück. Das ist fast ein halbe Stunde in Bewegung, doch der Schrittzähler scheint dies leider nur marginal mitzubekommen, obwohl ich ihn extra etwas weiter unten am Oberschenkel befestige. Schlussstand an diesem Abend: 8998 Schritte. Ich bin frustriert und durchnässt von der Fahrt im strömenden Regen. Morgen erkundige ich mich definitiv, wie so ein Schrittzähler funktioniert!

Tag 4, Dienstag

Mein Arbeitsweg gibt mickrige 300 Schritte her. Dies nicht, weil ich gleich neben dem Büro wohne (Gott bewahre!), sondern weil die ÖV-Verbindungen so gut sind: Ich nehme vor meiner Haustür den Bus zum Bahnhof Zug, dort die Eisenbahn nach Luzern und dann den Bus direkt bis vor die Redaktion. Sofort frage ich meine Arbeitskollegin Luzia, die zurzeit ebenfalls «Schrittmacherin» ist: «So, wie stömmer?» Ein Blick auf ihr Gerät zeigt: Sie hat morgens um 9 Uhr bereits sagenhafte 4000 Schritte intus. Luzia sagt, sie sei bereits im Fitnesscenter gewesen, auf dem Laufband. Ob ich das glauben soll? Die hat sicher gemogelt. Hat mir nämlich selber gesagt, dass es am schnellsten zählt, wenn man den Schrittmesser am Bändel durch die Luft schwingt wie ein Lasso.

Als erste «Amtshandlung» rufe ich Martin Degen an, den Projektleiter von «Luzern geht gern». Er bestätigt mir, was ich vermutet habe: Ein Schrittzähler funktioniert über einen dreidimensionalen Beschleunigungsmesser und misst deshalb nur dann relativ genau, wenn man über eine gewisse Zeit in die gleiche Richtung geht. Wenn man viele Richtungswechsel macht, etwa beim Putzen, Basketballspielen oder Tanzen, wird es ungenau. «Da für die Fitness jedoch jede Art von körperlicher Aktivität zählt», sagt Martin Degen, «kann man auf der Projekt-Website den Energieverbrauch bei solchen Tätigkeiten in Schritte umrechnen lassen.» Was ich natürlich sofort tue, mit verblüffendem Resultat: mein gestriger Score erhöht sich – Schwimmen und Velofahren sei Dank – auf sagenhafte 36'765 Schritte. Bis zum Feierabend mache ich heute nur noch 3880 Schritte.

Kein Wunder, ich sitze ja den ganzen Tag vor dem Computer, um diesen Text und andere schöne Sachen zu schreiben. Da ich abends noch Chorprobe habe und wie immer zu Fuss hingehe, klettert der Wert dann immerhin noch auf 6700.

Tag 5, Mittwoch

Da mich ohnehin der Sanitär etwas früher aus den Federn klingelt, gehe ich à pied zum Bahnhof. Überhaupt lautet das heutige Motto: auf dem Arbeitsweg mindestens teilweise auf ÖV zuverzichten. Zudem gilt: Interne Telefonate sind verboten. Wenn ich einen Arbeitskollegen sprechen will, gehe ich hin. Denn ohne expliziten Sporteinsatz komme ich sonst auch heute wieder nicht annähernd auf 10'000 Schritte. Apropos 10'000 Schritte: Ist diese Zahl nicht etwas willkürlich gesetzt? «Nein», sagt Martin Degen von der Fachstelle Gesundheitsförderung. «Studien belegen, dass man tatsächlich von einem gesundheitlichen und unfallpräventiven Nutzen reden kann, wenn man pro Tag mindestens diese Schrittzahl zurücklegt. Etwa das Risiko für Darmkrebs oder Altersdiabetes sinkt.» Ein Schweizer mache durchschnittlich 7000 Schritte am Tag, weiss Martin Degen. Setze man noch 3000 oben drauf, entspreche das den 30 Minuten «moderate Bewegung» zusätzlich zu den Alltagsbewegungen, die auch das Bundesamt für Sport und das Bundesamt für Gesundheit empfehlen. Die 10'000 Schritte sind also wissenschaftlich untermauert. Aber auch heute habe ich mein Risiko für Altersdiabetes nicht verringert. Ich hole zwar Schritte heraus, wo es nur geht: Ich benütze zum Beispiel das am weitesten von meinem Arbeitsplatz entfernte WC. Und auf dem Heimweg lasse ich mir absichtlich den Bus vor der Nase wegfahren und nehme einen Umweg dem See entlang – was sich als schöner Ausklang des Arbeitstages entpuppt. Trotzdem verfehle ich die kritische Marke am Ende um 40 Schritte.

Tag 6, Donnerstag

Langsam hängt mir diese Erbsen- beziehungsweise Schrittzählerei zum Hals hinaus. Ständig denke ich nur noch daran, ob und wie ich mein Tagespensum erfüllen kann. Heute mache ich kurzen Prozess und gehe über Mittag joggen. Das ist zwar viel anstrengender als Gehen (und die auf dem Display angegebene Kilokalorienzahl von 299 entsprechend verfälscht), dafür schenkt es schritttechnisch so richtig ein: 6004 allein dafür. Jetzt ist es ein Leichtes, mit etwas «Lädele» auf dem Nachhauseweg das geforderte Limit – und sogar noch mehr – zu erreichen: 12'152 Schritte.

Tag 7, Freitag

Da ich mittlerweile allergisch bin auf das Wort «Schritte», lasse ich mir für den letzten Tag die zurückgelegte Strecke in Kilometern anzeigen. Darunter kann man sich ohnehin mehr vorstellen. Von meinem Haus bis zum Bahnhof sind es beispielsweise 0,75 Kilometer. Der Weg vom Arbeitsplatz runter zum Rotsee, wo ich zu Mittag esse, misst (inklusive Umwege) 2,24 km. In den Büroräumen lege ich bis zum Redaktionsschluss um 18.30 Uhr 0,61 km zurück. Total bis jetzt: 4,25 km. Für den Rest, da bin ich mir sicher, wird mein Besuch am Riviera Latina Festival in Weggis (Salsa!) heute Abend sorgen. Doch das werde ich ohne störenden Schrittzähler in der Hosentasche geniessen.

Fazit

Auch wenn mein Schrittzähler nicht jede Form von Sportlichkeit gleich verlässlich misst, hat er es zumindest geschafft, dass ich mir eine Woche lang Gedanken dazu gemacht habe, wann und in welcher Form ich in meinem Alltag in Bewegung bin. Somit ist das Hauptziel der Kampagne sicher erreicht. 10'000 Schritte am Tag sind schnell getan, wenn man einen ausgedehnten Spaziergang macht oder etwas Sport treibt. Ohne das wirds schwieriger, ausser man hat einen sehr «bewegten» Job oder legt Teile des Arbeitswegs zu Fuss zurück. Mir persönlich hat die Schrittzählerei zudem Folgendes gebracht: ein weiteres Argument gegen den Kauf eines Autos. Denn ohne die Strecken von und zu Bahnhöfen sähe meine Schrittbilanz nicht so rosig aus.