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Interview

Luzerner Stadtführer: «Ich verkaufe ein super Produkt»

Romano Mina ist Mitglied des Vereins der Reiseleiter Luzern. Seit zwölf Jahren führt er Touristen durch die Stadt und erzählt auf deutsch und französisch Luzerns Geschichten.
Turi Bucher
Romano Mina vor dem Modell «seiner» Stadt. (Bild: Nadia Schärli, Luzern, 11. Februar 2019)

Romano Mina vor dem Modell «seiner» Stadt. (Bild: Nadia Schärli, Luzern, 11. Februar 2019)

Wie wurden Sie zum Luzerner Stadtführer?

Romano Mina: Als sich vor Jahren meine Pensionierung näherte, habe ich mir die Frage gestellt: «Was mache ich mit dem ‹Tsunami› von Freizeit, der bald auf mich einstürzen wird?» Also habe ich mich bei Luzern Tourismus als Stadtführer beworben. Ich wurde eine Stunde lang «verhört», und obwohl die Limite bei 50 Jahren lag, wurde ich in die dreimonatige Ausbildung auf­genommen.

Der Verein der Reiseleiter Luzern hat kürzlich seinen 60. Geburtstag gefeiert. Wie viele Stadtführer gibt es eigentlich?

Im Verein – es ist eigentlich eine Gewerkschaft – sind 69 ausgebildete Reiseleiterinnen und Reiseleiter registriert. Dazu kommen 7 Passivmitglieder. Wir zählen zurzeit 65 Reiseleiterinnen und 4 Männer. Der Verein wurde damals mit dem Aufkommen des Massentourismus gegründet. Wir bieten Stadtführungen in 15 Sprachen an. Wir richten uns übrigens nicht nur an Touristen. Eine Stadtführung ist auch für Einheimische ein echter Gewinn.

Sind Sie spezialisiert auf bestimmte Routen oder Reisegruppen?

Ach, es gibt so viele Themen-Touren – Weihnachten, Fasnacht, Mittelalter und so weiter. Ich ­mache die klassische Führung mit der Geschichte Luzerns von Anfang an bis heute, von A bis Z. Diese biete ich in deutscher und französischer Sprache an. Meine Spezialgebiete sind ausserdem die Mus­eggmauern, die Hofkirche, das Bourbaki-Panorama, das Richard-Wagner-Museum und der Kultur-Rundgang. Dazu kommen die Gassen­geschichten, die richten sich aber vor allem an einheimische Interessierte.

Ihr schönstes Erlebnis als Luzerner Stadtführer?

Es gibt so viele schöne Begegnungen und Erlebnisse. Als Luzern an der Olma Gastkanton war und ein Film über den Kanton Luzern gedreht wurde, durfte ich in dem Film den Stadtführer spielen. Ein Highlight war auch, als ich alt Bundesrätin Doris Leuthard zusammen mit deutschen und österreichischen Wirtschaftsministern eine kurze Führung zum Thema Kapellbrücke und ihre Bilder präsentieren durfte. Einmal stand ich mit einer Touristengruppe an der Reuss beim Rosengart-Platz. Wer kommt ausgerechnet in diesem Moment über den Platz gelaufen? Frau Rosengart vom Picasso-Museum.

Ihr peinlichster Vorfall als Touristenführer?

Aus unerklärlichen Gründen ging mir einmal ein Termin «durch die Latten». Drei Frauen aus der Westschweiz warteten auf mich. Blitzschnell habe ich sie per Telefon ins nächste Lokal zum Kaffee eingeladen. Eine halbe Stunde später habe ich sie dort ganz vergnügt angetroffen.

Welche Geschichte über Luzern fasziniert die Touristen am meisten?

Beeindruckt sind die Besucher immer wieder von den damaligen Passions- und Osterspielen auf dem Weinmarkt.

Die kenne ich nicht. Erzählen Sie bitte eine Kurzfassung.

Weil in der katholischen Kirche nur Latein gesprochen wurde, verstand das gemeine Volk nicht viel davon. Also entstand um die Mitte des 15. Jahrhunderts die Idee, Inhalte der Bibel theatermässig darzustellen. Das war sehr erfolgreich, die Anzahl gespielter Szenen laufend wurde vergrössert und der Schauplatz verlegte sich von der Hofkirche zum Kapellplatz und später auf den Weinmarkt. Ein Theaterverein mit rund 400 Mitgliedern – bei einer Gesamtbevölkerung von etwa 2500 Einwohnern wohlgemerkt – kümmerte sich um die Durchführung. Die Luzerner Passions- und Osterspiele auf dem Weinmarkt beschäftigten etwa 200 Schauspieler in rund 300 Rollen und dauerten an zwei aufeinanderfolgenden Tagen nonstop jeweils von 6 Uhr bis 18 Uhr.

Was kostet eine Stadtführung mit Ihnen?

180 bis 200 Franken für eine Reisegruppe. Die Führung dauert zwei Stunden. Ich stelle dabei sozusagen drei Luzern vor: Das Luzern von heute, Luzern und die Entwicklung des Tourismus sowie das historische Luzern. Ich verkaufe ein super Produkt. Es heisst: Luzern. Und mein Motto: Nur wer die Vergangenheit kennt, versteht die Gegenwart.

Gibt es für die Luzerner Reiseleiter eigentlich so etwas wie einen Benimmkodex?

Sicher. Pünktlich sein. Kein Handy während der Führung. Kein Kaugummi. Anständig angezogen sein. Mit der eigenen Meinung zu Themen zurückhaltend sein. Humor zeigen. Und der Stadtführer soll sich auf die Besucher einlassen, Fragen stellen: Wer seid ihr? Woher kommt ihr? Was macht ihr?

Was sagen Sie zum Car­problem in Luzern?

(atmet tief durch)

Ich finde, wir sollten stolz sein, dass die Stadt Luzern so begehrt ist. Der See, die Berge, die Schiffe, das KKL und und und. Dass all das die Menschen anzieht, sollten wir nicht verteufeln. Ich fühle mich nicht dazu gezwungen, zum Carproblem eine Lösung zu präsentieren. Für mich ist klar, dass die Touristen in eine gewisse Nähe der jeweiligen Attraktion gebracht werden müssen. Man kann nicht allen zumuten, eine halbe Stunde zu Fuss gehen zu müssen.

Machen wir noch ein kleines Quiz. Wann wurde der Wasserturm gebaut?

Dazu gibt es null schriftlich garantierte Angaben. Ungefähr in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts. (Antwort gemäss Wikipedia: 1367)

Wie hoch ist der Wassertum?

Ungefähr 39 Meter. (35 m)

Wann wurde die Kapell­brücke gebaut?

In der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts. (1365)

Und wann brannte sie?

1993. (1993)

Wie lange gibt es den FC Luzern schon?

Seit 1901. (1901)

Ich bin ein chinesischer Tourist und möchte eine Bekanntschaft am Meisenweg besuchen? Wo ist der Meisenweg?

Taxifahrer bin ich zwar nicht, aber der Meisenweg liegt in Richtung Würzenbach vis-à-vis des Verkehrshauses auf der anderen Strassenseite.

Korrekt. Wenn Sie nicht Stadtführer in Luzern wären, in welcher Stadt dann?

Zur Stadt Siena in der Toskana habe ich eine besondere Beziehung, weil es meine erste Auslandreise war. Ansonsten vielleicht La Chaux-de-Fonds, das mit seiner Uhrengeschichte und mit Le Corbusier für die Schweiz enorm wichtig ist.

Wo waren Sie zuletzt selber in den Ferien?

Mit meiner Frau Marcella habe ich zuletzt den portugiesischen Jakobsweg beschritten. Der führt von Lissabon nach Santiago de Compostela.

Sie haben hoffentlich einen Reiseführer engagiert …

Nein. Diesen Pilgerweg muss man dann schon ohne Reiseführung gehen.

Weitere Infos: www.stadtführungenluzern.ch

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