«Ich war eine reine Symbolkandidatin» – Cécile Bühlmann stieg als erste Grüne offiziell ins Bundesratsrennen 

Von den Grünen kandidierte bisher nur eine Handvoll offiziell für den Bundesrat. Die Luzernerin Cécile Bühlmann war im Jahr 2000 die erste.

Evelyne Fischer
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Cécile Bühlmann mit Parteikollegin Franziska Teuscher (rechts) während der Bundesratswahl.

Cécile Bühlmann mit Parteikollegin Franziska Teuscher (rechts) während der Bundesratswahl.

Bild: Edi Engeler/Keystone (6. Dezember 2000)

Regula Rytz wagt den Schritt im Jahr 2019 mit 57, Cécile Bühlmann anno 2000 mit 51. Die Bernerin kann sich als Mitglied der viertstärksten Partei präsentieren (13,2 Prozent), die Luzernerin kandidiert, als die Parteistärke der Grünen gerade mal 5 Prozent beträgt. Die eine Nationalrätin tritt bei den Gesamterneuerungswahlen an, die andere will den abtretenden Adolf Ogi (SVP) beerben. Beide sind sie: Sprengkandidatinnen.

Wenn die vereinigte Bundesversammlung am kommenden Mittwoch die sieben Magistraten wählt, wird dies Cécile Bühlmann via TV und Radio mitverfolgen. «Die Politik ist noch immer meine Leidenschaft», sagt sie, eben 70 geworden. Trotz Zeitungslektüre und regem Austausch mit der Fraktion sei sie leider nicht mehr ganz so nah dran. Sie vermisse die vertieften Dossierkenntnisse.

«Als Grüne, als Exotin aus der Schmuddelecke, gab es damals nur einen Weg, ernst genommen zu werden: Indem ich gut und fundiert argumentierte.»

Im ersten Wahlgang noch Samuel Schmid überholt

Als im November 2000 Bühlmanns Ambitionen auf einen Bundesratssitz bekannt werden, kommentiert unsere Zeitung: «Dass nun die Grünen mit der Luzernerin Cécile Bühlmann ebenfalls eine Kandidatin aufstellen wollen, ist ziemlich keck. In erster Linie wird es sich wohl um PR handeln.» Bühlmann lacht. «Ich war eine Symbolkandidatin mit null Chancen. Aber es ging um PR für die grüne Sache. Und ich konnte ziemlich heftig Kritik an der SVP anbringen.» Im ersten Wahlgang erhält sie 53 Stimmen – eine weniger als die Zürcherin Rita Fuhrer (SVP), drei mehr als der später gewählte Berner Samuel Schmid (SVP). Nach dem vierten Wahlgang zieht sie sich zurück.

Wie gross war das Risiko, dass man sie verheizte? «Wir haben dieses Szenario diskutiert. Aber ich hatte als Fraktionspräsidentin keinen schlechten Ruf im Bundeshaus, galt zwar als Randständige mit komischen Ideen, wurde aber nicht als Witzfigur wahrgenommen.»

Bis der Zuger Jo Lang 2003 ins Parlament gewählt wird, können die Luzerner Grünen mit dem 1991 ergatterten Nationalratssitz von Cécile Bühlmann das einzige Mandat der Zentralschweiz überhaupt vorweisen. Vom «Sonderstatus als einzige Grüne der Zentralschweiz» habe sie lange profitieren können, «etwa bei Anfragen für Podien».

Bühlmann war bei ihrer Bundesratskandidatur eine von zehn Grünen Nationalräten, Rytz heute eine von 30 («die Sitzgewinne waren sensationell»). Auch dank ihrem Amt als Parteipräsidentin startet Rytz von einem etwas anderen Level in den Bundesratswahlkampf. «Es geht ihr heute aber leider nicht viel besser als mir damals. Auch sie wird kaum zu Hearings eingeladen», sagt Bühlmann. Unverständnis macht sich breit. Rytz sei «eine ernsthafte Kandidatin mit perfekter Leistungsbilanz». Im Gegensatz zu Ignazio Cassis. «Er hat als Aussenminister keinen guten Job gemacht.»

Sauer aufgestossen ist der Expertin für Integrations- und Ausländerfragen etwa, dass Cassis die Entwicklungshilfe mit der Migration verbindet. Dass das Geld künftig dorthin fliesst, wo die Flüchtlinge herkommen – und nicht mehr zwingend in jene Länder, die es am Nötigsten hätten. Ebenso geärgert hat sie der Verzicht des Tessiners auf die italienische Staatsbürgerschaft bei der Bundesratskandidatur. Was andernorts als politische Loyalität gewertet wurde, war für sie «ein starkes Zeichen für eine Konzession nach rechts».

Dass man Gewählte nicht abwählt, «sondern diese den Zeitpunkt ihres Abgangs selber bestimmen, ohne am Leistungsausweis gemessen zu werden», ist für Bühlmann eine «Unsitte». Die über 80 neugewählten National- und Ständeräte, «die solche alten Zöpfe nicht mehr kennen», sind denn auch ihr einziger «Hoffnungsschimmer». Obwohl Regula Rytz («tüchtig, effizient, integrativ») das Format einer Bundesrätin habe. «Man spürt ihre Exekutiv-Erfahrung aus den acht Jahren im Gemeinderat der Stadt Bern, sie hält die Partei zusammen. Ich war damals sicher etwas frecher, kantiger.» Rytz’ einziger Fehler: «Sie hätte von Anfang an dezidiert den Anspruch auf einen Bundesratssitz anmelden sollen.»

Zur Person

Cécile Bühlmann (70)

Cécile Bühlmann (70)

Als Tochter einer Italienerin und eines Schweizers wuchs Bühlmann in Sempach auf und absolvierte das Lehrerinnenseminar in Baldegg. Von 1991 bis 2005 war sie Nationalrätin der Grünen, zwölf Jahre davon Fraktionspräsidentin. Sie gehörte der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus an, war Dozentin für Interkulturelle Pädagogik und Migration. Von 2005 bis 2013 leitete sie die feministische Friedensorganisation cfd in Bern, von 2006 bis 2018 war sie Stiftungsratspräsidentin von Greenpeace Schweiz. Sie lebt mit ihrem Partner in der Stadt Luzern. 

Pessimistisch was den Klimawandel anbelangt

Dass viele meinen, die Partei müsse sich erst beweisen, empfinde sie als «arrogant», ja gar «herablassend», so Cécile Bühlmann. Wenn sie lese, dass es wieder mehr Nachtzüge geben soll und die Bevölkerung weniger Lebensmittel verschwenden wolle, müsse sie schmunzeln. «Das erzählen wir seit 30 Jahren.» Nun erkenne aber auch die Gesellschaft die Dringlichkeit. «Daher bin ich überzeugt, dass die Grünen ihre Stärke halten können.» Wer hier bloss von einem Hype spreche, täusche sich. «Die Folgen der Klimaerwärmung werden uns in vier Jahren noch viel mehr um die Ohren fliegen.»

Bühlmann ist pessimistisch, ob es überhaupt gelingt, den Klimawandel zu bremsen zu. Dennoch sei sie stolz darauf, ein Teil jener «hartnäckigen Bewegung» zu sein, die nun «Lorbeeren» erntet und den Bettel nie hingeschmissen hat. «Jetzt geht die Saat auf.»