IM BILDE: «Bildmanipulation ist ein absolutes No-Go»

Marianne Mischler (45) ist im bernischen Neuenegg aufgewachsen und absolvierte mit 16 Jahren in Bern eine Lehre als Lithografin. Nach neun Jahren beim «Blick» arbeitet sie nun seit zweieinhalb Jahren als Bildredaktorin bei der «Luzerner Zeitung».

Turi Bucher
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LZ-Bildredaktorin Marianne Mischler (Bild: Manuela Jans-Koch)

LZ-Bildredaktorin Marianne Mischler (Bild: Manuela Jans-Koch)

Marianne Mischler, Sie kämpfen im Berufsalltag dafür, dass das von Ihnen ausgewählte Bild möglichst gross in der Zeitung erscheint, und ich kämpfe darum, dass mein Text genug Platz erhält. Unser Gespräch kann ja heiter werden.

Nun, das Auge des Menschen läuft über das Bild, sei es nun, ob er einen Ferienkatalog oder eine Zeitung in der Hand hält. Ich weiss, für viele sind wir Bildredaktoren die, die den ganzen Tag einfach ein bisschen «Bildli» anschauen und den Knopf «Drucken» betätigen, wenn uns eins gefällt.

Dann stimmt das also gar nicht ...

Die richtige Bildauswahl zu einem Text – das wird sehr oft unterschätzt. Ja, für den Bild­redaktor ist es ein täglicher Kampf um das Verständnis und die Wertschätzung für das ausgewählte Bild.

Sind Sie selber auch als Fotografin für die Zeitung unterwegs?

Nein. Der Fotograf muss im richtigen Moment das richtige Bild erkennen, und das gilt für mich als Bildredaktorin auch. Zweimal dasselbe, aber zwei verschiedene Jobs.

Was macht denn ein gutes Bild in der Zeitung aus?

Ich denke, es ist wie beim Text: Es muss einfach zum Lesen sein. Man muss schnell erkennen können, worum es geht. Ich würde sogar so weit gehen und sagen: Bei einem guten Porträtbild, einem Bild mit einem einzelnen Menschen, müsste man den Charakter dieses Menschen herausspüren können. Das ist dann die Herausforderung für den Fotografen. Andererseits gilt auch: Jeder Mensch sieht ein Bild mit seinen eigenen Augen.

Ich erinnere mich, als sich einst ein neuer Chefredaktor mit einer Diashow vorstellte. Dabei bildete er siamesische Zwillinge nach ihrer Geburt ab und sagte: «Solche Bilder kommen bei mir nicht in die Zeitung.» Das war vor rund 25 Jahren. Welche Bilder gehören Ihrer Meinung nach heute nicht in die Zeitung?

Ich habe vor sieben Jahren im österreichischen Krems bei Wien eine Masterarbeit über «Ethik im Bildjournalismus» verfasst. Man darf und soll sogenannt harte Bilder zeigen. Aber der Kontext mit dem dazugestellten Artikel ist wichtig. Ich mache ein Beispiel: Nach dem Absturz der Concorde im Jahr 2000 gab es Bilder von der Absturzstelle ...

... das klingt schon mal sehr unangenehm.

Man sah Teile herumliegen, aber auf dem Bild war nichts wirklich Schlimmes erkennbar. Was aber machte die «Bild»-Zeitung? Sie markierte schwarze Pfeile, die auf die Teile zeigten und schrieb: Das könnte Passagier Soundso und dies könnte Passagierin Soundso sein. Solches ist moralisch nicht vertretbar.

Unsere Zeitung ist weiterhin sehr zurückhaltend mit schockierenden Bildern.

Ich bin auch nicht dafür, dass man Berge von Leichen zeigt. Aber: Man kann solche Bilder heutzutage halt überall konsumieren. Zum Attentat in Nizza gab es beispielsweise Bilder, die im Hintergrund – das war nicht schwer zu erkennen – mit weissen Tüchern zugedeckte Körper zeigten. Ein solches Bild wäre für mich zumutbar gewesen – aber unsere Zeitung hat sie nicht abgedruckt.

Da gab es doch diesen Skandal beim «Blick», als 1997 ein Bild vom Attentat in Luxor mit einer nicht existierenden Blutspur eingefärbt wurde. Waren Sie da schon beim «Blick»?

Ja. Mein damaliger Arbeitskollege vis-à-vis hat das Bild bearbeitet. Das Bild wurde mit dem Namen «Blutspur» angeliefert. So nahm die Geschichte ihren unglücklichen Lauf. Was dann als Blutspur eingefärbt wurde, war in Tat und Wahrheit nur eine Wasserlache. Es war mehr als ein Fehler, es war ein absolutes No-Go, eine Manipulation eines Bildes, eine Fälschung.

Sie haben beim «Blick» aber die meiste Zeit als Bildredaktorin für die Sportredaktion gearbeitet. Auch die Sport­redaktoren unserer Zeitung schätzen Ihre «Sportlichkeit» sehr.

Ich habe beim «Blick» gestürmt und gestürmt, bis ich in die Sportredaktion durfte. Sportbilder sind spannend, ausserdem stamme ich aus einer Handballer­familie.

Die Arbeit für eine Sportredaktion kann zuweilen auch sehr hektisch sein.

Wem sagen Sie das? Mir ist als zuständiger Bildredaktorin gleich in der ersten Woche ein gravierender Fehler passiert. «Blick»-­Legende Roger Benoit meldete sich telefonisch und wies mich an, die neue Freundin eines deutschen Formel-1-Rennfahrers abzubilden. Er erklärte mir, wie sie aussah. Ich zog die Dame mit den langen, braunen Haaren also aus dem Mäppli und platzierte sie auf der Sportseite für die nächste Ausgabe. Leider war es die falsche Dame. Nebst einem ausgedehnten Donnerwetter von Benoit musste ich auch die Reklamation der Eltern der falsch abgebildeten Dame über mich ergehen lassen. Glauben Sie mir: Das hat mir die Verantwortung in diesem Job bewusst gemacht.

Wie ist es eigentlich mit Personen, die auf Bildern zufälligerweise zu sehen sind, davon aber nichts wissen – darf man diese Fotografien in der Zeitung abbilden?

In Kindergärten oder Badeanstalten müssen wir beispielsweise die Personen immer fragen, ob sie einverstanden sind. Aber wenn unser Fotograf an der Fasnacht fotografiert, dann kann er unmöglich jede Person nach dem Einverständnis fragen. Wenn dann eine Person, die sich vielleicht bei der Arbeit krankgemeldet hat, im Fasnachtsbild zu sehen ist, dann würde ich sagen: Pech gehabt!

Interview: Turi Bucher

arthur.bucher@luzernerzeitung.ch