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Kolumne

Im Lieblingsbus wirds enger

Warum der 19er-Bus die beste Wahl in der Stadt Luzern ist – und warum sich das allmählich ändern könnte.
Hans Graber

Hans Graber

Mein favorisierter Luzerner Bus ist der 19er, obwohl mich noch ein paar andere in die Nähe meines Zuhauses bringen würden. Für ÖV-Unkundige: Der 19er fährt vom Bahnhof über die Zürichstrasse zum Kantonsspital und ins Friedental. Allgemein bin ich kein überaus fleissiger Busfahrer. Unter anderem, weil ich im Zuge des allmählich leicht schwächelnden Immunsystems eine zwar (noch) nicht völlig neurotische, aber doch latente Furcht habe, mich im Bus mit etwas Verdriesslichem anzustecken. Neuerdings lasse ich mir jeweils im Herbst sogar die Grippeimpfung verabreichen. Aber diese erfasst nicht mal alle Influenza-Viren, geschweige denn andere hinterhältige Käfer.

Kein Widerspruch scheint mir, dass ich bevorzugt mit dem 19er fahre, der von Leuten genutzt wird, die im Spital mit so allerlei Keimen in Kontakt kommen. Zum einen glaube ich, dass sich die potenziellen Krankheitserreger gegenseitig im Schach halten und neutralisieren. Und wenn nicht, wäre man im 19er praktisch schon unterwegs zur Notfallstation. Zum andern herrscht in diesem Spital- und Friedhofbus eine vergleichsweise angenehme, oft etwas gedämpfte bis bedrückte Grundstimmung. Ausser natürlich, wenn sich eine Klasse von Ostschweizer Oberstufenschülern anschickt, die ebenfalls vom 19er bediente Jugendherberge zu stürmen. Jede VBL-Linie hat ihr Gepräge. Einst liebäugelte ich mit der Idee, mich bei «Wetten, dass…» anzumelden. Mein Vorschlag: «Ich wette, dass ich anhand eines Gruppenfotos der Buspassagiere sagen kann, auf welcher VBL-Linie sie unterwegs waren.» Ich habe dazu einiges an Feldforschung betrieben, aber als ich mich endlich fit fühlte für den Auftritt, wurde die Sendung eingestellt. Meine Studien liefen auf kleinem Feuer weiter und bestätigten, dass der 19er zu mir passt. Aber nur der 19er.

Seit ein paar Wochen ist das anders geworden. Irgendjemand muss einem Tour-Operator gesagt haben, dass man den 19er zum Sightseeing nutzen kann. Schon mehrfach war ich dabei, als am Bahnhof der Bus von einer Kompanie Chinesen in Beschlag genommen wurde. Der Anführer, der üblicherweise das Fähnchen hoch hält, begann gleich nach der Abfahrt mit seinen Ausführungen. Weil das Mikrofon im Bus dem Chauffeur vorbehalten ist, muss der Guide schreien, damit ihn alle hören können. Alle meint alle, auch mich.

Ich leide nur bedingt am Overtourismus. Wenn ich nervlich etwas angespannt bin, weiche ich der Asia-Walze auf der Hertensteinstrasse vorsorglich aus und nutze Schleichwege. Im Bus hingegen gibt es kaum ein Entrinnen. Die chinesische Mauer steht. Ausgerechnet im 19er. Es gäbe doch noch so viele andere Linien. Aber womöglich haben auch Touristen erkannt, dass dieser Bus die beste Wahl ist, und gerade Chinesen, von denen etliche dauernd einen Mundschutz tragen, fühlen sich da wohl am ehesten geborgen. Wie ich.

Für Sightseeing ist der 19er durchaus geeignet, streift man doch neben Kapellbrücke & Co. sonst weniger beachtete Brennpunkte. Bei der Vorbeifahrt am Kantonsspital könnte der Fähnchenträger mahnend brüllen, hier sehe man, wohin der ungesunde westliche Lebensstil führe. Und wo er letztlich ende: im Friedental. Nicht aber für die Touris. Das Leben geht fast ungebremst weiter, ab Friedental am besten mit dem 18er, der via Baselstrasse und Kasernenplatz zum Bahnhof zurückfahrt, womit das ganze Zentrum umrundet ist.

Noch haben die Chinesen diese Art Stadtrundfahrt nicht entdeckt, noch steigen sie bereits am Löwenplatz aus dem 19er aus. Aber ich glaube, dass sich das bald ändern wird. Zu verlockend sind die Aussichten. Ich hätte kaum etwas dagegen. Falls sich meine Immunsystem-Ängste intensivieren und ich mir präventiv auch einen Mundschutz umschnallen sollte, würde ich wenigstens nicht gross auffallen.

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