Im Sempachersee ist jede vierte Fischart standortfremd

Von den 20 im Sempachersee nachgewiesenen Fischarten wurden 5 eingeschleppt. Für die einheimischen und standortgerechten Fische kann dies zum Problem werden.

Ernst Zimmerli
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In Ufernähe wird ein Bodennetz ausgelegt. Im Unterschied zu den Netzen der Berufsfischer verfügen die verwendeten Multimaschennetze über unterschiedlichste Maschenweiten. (Foto: Pascal Vonlanthen)

In Ufernähe wird ein Bodennetz ausgelegt. Im Unterschied zu den Netzen der Berufsfischer verfügen die verwendeten Multimaschennetze über unterschiedlichste Maschenweiten. (Foto: Pascal Vonlanthen)

Im Sempachersee können derzeit 20 Fischarten nachgewiesen werden; ausserdem der Kamberkrebs sowie eine Hybridform aus dem Rotauge und der Brachse. Dies zeigt eine gross angelegte Befischungsaktion, die von der Dienststelle Landwirtschaft und Wald (Lawa) des Kantons Luzern in Auftrag gegeben wurde (siehe Box ganz unten).

Von den im Sempachersee lebenden Fischarten gelten allerdings nur deren 15 als standortgerecht und historisch belegt. Die weitern fünf Arten – der Kaulbarsch, der Sonnenbarsch, der Zander, der Wels und der Blaubandbärbling – sind als eingeschleppte, standortfremde Arten zu taxieren, die allesamt auf illegale Aussetzungen zurückzuführen sind. Konkret handelt es sich laut Peter Ulmann, Abteilungsleiter Natur, Jagd und Fischerei der Lawa, um Freilassungen von Gartenteich- oder Aquarienfischen, Köderfischen oder um bewusstes Einbringen von beliebten Arten für den Angelsport. Dabei sind der Kaulbarsch und der Sonnenbarsch nach dem Egli, dem Felchen und dem Rotauge bereits die viert- beziehungsweise fünfthäufigste Fischart im Sempachersee.

Ein Zander (Bild: Keystone)

Ein Zander (Bild: Keystone)

Zum jetzigen Zeitpunkt kann noch nicht gesagt werden, ob die eingeschleppten Fischarten für die standortgerechten Fische eine Gefährdung darstellen und diese im schlimmsten Fall gar verdrängen können. Peter Ulmann hält aber fest, dass jede nicht standortheimische Art ein gewisses Risiko birgt, zur invasiven Art zu werden. «Es kann viele Jahre gehen, bis sich eine eingeschleppte Art, beispielsweise wegen geänderter Umweltbedingungen, plötzlich massenhaft vermehrt und zur Plage wird», sagt Peter Ulmann. So wird es sich über die Jahre zeigen, ob der eingeschleppte Wels den einheimischen Hecht konkurrenzieren wird oder nicht. Beide Arten sind Räuber an der Spitze der Nahrungspyramide.

Ein Wels. (Bild: Keystone)

Ein Wels. (Bild: Keystone)

Entfernen der fremden Arten ist unmöglich

«Diese standortfremden Arten aktiv wieder aus dem See zu bringen, ist faktisch unmöglich», sagt Ulmann. Im besten Fall könne über entsprechende fischereirechtliche Bestimmungen (keine Schonzeit, kein Mindestfangmass) indirekt deren Ausbreitung und Vermehrung gebremst werden. Bei der Befischungsaktion wurden in absoluten Zahlen Egli am häufigsten gefangen, nämlich rund 7700 Tiere mit einem Gewicht von fast 190 Kilogramm. Hochgerechnet auf den ganzen See dürften trotzdem rund eineinhalb Mal so viele Felchen im Gewässer leben als Egli. Diese beiden Arten dominieren laut Lawa als Fischarten im Sempachersee, was entsprechend attraktiv für die Berufs- und Angelfischerei sei.

Der nun vorliegende Schlussbericht zeige den Sempachersee als Beispiel für einen See, dessen Charakteristika im Verlauf der vergangenen Jahrhunderte durch Seespiegelabsenkungen und durch übermässigen Nährstoffeintrag stark verändert wurde. Die von Menschen gemachten Beeinträchtigungen gipfelten 1984 in einem massiven Fischsterben, bei dem 26 Tonnen Fische verendeten. Es ist davon auszugehen, dass einzelne Fischarten durch die Veränderungen verschwunden sind. Um welche Fischarten es sich dabei handelt, ist laut Ulmann schwierig zu sagen, weil es keine vergleichbare Bestandesaufnahme der Sempachersee-Fische aus historischer Zeit gibt. Im Vergleich mit Quellen aus dem Mittelalter müsse man vom Verschwinden zweier ursprünglicher Felchenarten ausgehen. Dazu Ulmann: «Die als Bündeli und als Ballen beschriebenen typischen Felchenformen im Sempachersee, sind nicht mehr vorhanden. Was heute als Balchen im Sempachersee lebt, wird als Produkt der seit den 1880er-Jahren betriebenen Felchenbewirtschaftung angesehen.»

Jeder See ist ein eigenes Ökosystem

Lässt die Befischungsaktion im Sempachersee Rückschlüsse auf die Bestände in anderen Seen zu? Nein, sagt Ulmann. Denn die bereits durchführten 30 Aktionen nach der gleichen Methode würden zeigen, dass jeder See ein eigenes Ökosystem darstellt. Je nach Charakteristika des Sees seien auch die Lebensgemeinschaften, insbesondere die Fischeartenvorkommen, ganz unterschiedlich. «Was aber mit den Ergebnissen gemacht werden kann, ist der Vergleich von Seen miteinander anhand der nachgewiesenen Fischvorkommen und
-häufigkeiten.»

Messmethode: Über 13'000 wurden gefangen

Die von der Dienststelle Landwirtschaft und Wald (Lawa) in Auftrag gegebene Untersuchung hatte ein klares Ziel: Nämlich ein vollständiges Bild der Fischbestände im Sempachersee zu erhalten. Dieses nun in Händen zu halten ist für die Lawa wichtig. Denn die Zusammensetzung der Fischarten in einem Gewässer stellen einen hervorragenden Indikator für dessen Status als Ökosystem dar. Wie die Lawa in einer Mitteilung schreibt, wurde für die Erhebung ein standardisiertes Vorgehen gewählt: die so genannte Projekt-Lac-Methode. Dank ihr können die Ergebnisse aktuell mit 29 anderen Seen der Schweiz verglichen werden – wie auch mit allfälligen späteren Folgeuntersuchungen.  Im Herbst 2018 fand über mehrere Tage hinweg ein aufwendiges Befischungsprogramm statt. Insgesamt seien 13186 Fische gefangen worden. In der grossen Mehrzahl handle es sich bei den gefangenen Tieren um Kleinfischarten oder Jungtiere.  Peter Ulmann, Abteilungsleiter Natur, Jagd und Fischerei des Lawa, zeigt sich besonders mit Blick auf ein Ergebnis der Untersuchung positiv überrascht: «Sehr erfreut hat uns der Nachweis von Fischen, insbesondere Felchen, bis in Tiefen von über 80 Metern, also bis zur Maximaltiefe des Sempachersees. Dies zeigt, dass die Seebelüftung wirkt und den See auch in der Tiefe zu beleben vermag.» Generell hätten die Sanierungsmassnahmen bezüglich Nährstoffgehalt, zum Beispiel der Phosphorbelastung, seit den 1980er-Jahren grosse Wirkung gezeigt. Ulmann: «Die Massnahmen müssen aber weitergeführt werden.» (zim/pd)