In 50 Luzerner Gemeinden ist die Wahlbeteiligung gesunken

In zwei Drittel der Luzerner Gemeinden, die am 29. März gewählt haben, war das Interesse kleiner als vor vier Jahren. Drei Gemeindeschreiber und ein Politologe Tobias Arnold loten die Gründe aus.

Lukas Nussbaumer
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Die Ausgangslage vor dem Wahlsonntag des 29. März war spannend: In 30 von 77 Gemeinden traten mehr Kandidaten an, als Sitze zu vergeben waren. Das entspricht einem Anteil von fast 40 Prozent. Vor vier Jahren lag dieser Wert mit etwas über 30 Prozent deutlich tiefer. Wer angesichts dieser Konstellation mit einer recht hohen Wahlbeteiligung rechnete, konnte nicht falsch liegen – dachten die Prognostiker Anfang Februar jedenfalls, als die Ortsparteien ihre Kandidaten dem Kanton melden mussten.

Nun macht sich Ernüchterung breit. In 50 von 76 Gemeinden, die am 29. März ihre Gemeindeexekutiven neu gewählt und auch ermittelt haben, lag die Wahlbeteiligung tiefer als 2016 (siehe Grafik). Ebenfalls nicht für den Fleiss der Wählerinnen und Wähler spricht ein zweiter Vergleich: In 13 von 29 Gemeinden mit Kampfwahlen (das Resultat in Sursee wird erst am Abend des 31. März kommuniziert) sank die Wahlbeteiligung gegenüber den Gemeindewahlen vor vier Jahren.

Auch eine dritte Statistik bringt Wahlmüdigkeit zutage. Lag die Beteiligung 2016 in neun Gemeinden unter 30 Prozent, wurde diese Grenze am Sonntag von zwölf Kommunen unterschritten. Auf der anderen Seite stehen die Ausschläge nach oben. Verzeichneten vor vier Jahren sechs Gemeinden eine Wahlbeteiligung von mehr als 60 Prozent, sind es heuer nur noch deren drei.

In Krisenzeiten stehen eigene Bedürfnisse im Vordergrund

Wer die Resultate im Detail betrachtet, stellt aber auch bei vielen Gemeinden relativ geringe Abweichungen zwischen den beiden Wahljahren fest. Richtig grosse Differenzen sind also die Ausnahme. Dennoch: Das insgesamt gesunkene Interesse schleckt keine Geiss weg. Für Tobias Arnold, Politologe bei Interface Politikstudien in Luzern, hat das auch mit der Corona-Krise zu tun:

«In den letzten Wochen wurde hauptsächlich über das Coronavirus geredet, die Gemeindewahlen sind weitgehend vom Radar verschwunden.»

Die Situation sei zudem für viele Menschen persönlich sehr fordernd gewesen: Kinderhütedienst organisieren, Home-Office einrichten, Sorgen um die wirtschaftliche Zukunft. «In einer derart schwierigen Zeit stehen die eigenen Bedürfnisse im Vordergrund, nicht die Neuwahl einer Behörde», sagt Arnold – und betont, wie schwierig die Gründe für den Rückgang der Wahlbeteiligung zu fassen seien. Schliesslich sei die aktuelle Situation nicht vergleichbar.

Klar ist zugleich: Die Möglichkeit der Stimmabgabe war trotz Corona-Massnahmen stets gegeben, denn der Gang zum Briefkasten der Gemeinde war nicht verboten, und das Senden des Wahlcouverts per Post jederzeit gewährleistet.

In Dierikon sind die «Leute offenbar zufrieden»

Einer, der Erfahrung hat mit tiefen Wahl- und Stimmbeteiligungen, ist Marcel Herrmann. Der Gemeindeschreiber von Dierikon sieht sich Urnengang für Urnengang mit der Frage konfrontiert, warum die Rontaler Gemeinde stets den Schluss dieser Rangliste ziert, abwechselnd mit der Nachbargemeinde Root.

Für Herrmann sind die tiefen Quoten nicht negativ. Er sagt das, was auch der am 29. März wiedergewählte Gemeindepräsident Max Hess gegenüber unserer Zeitung schon erklärt hat: «Die Leute sind offenbar zufrieden. Ausserdem ist die Nichtteilnahme an einer Wahl oder Abstimmung auch ein Recht. Das gilt es zu akzeptieren.» In Dierikon betrug die Wahlbeteiligung am Sonntag 21,8 Prozent.

In Flühli haben hohe Wahlbeteiligungen Tradition

Am anderen Ende der Skala befindet sich die Entlebucher Gemeinde Flühli. Dort interessierten sich am 29. März 69,3 Prozent der Wahlberechtigten für die Neubesetzung des Gemeinderats – mehr als drei Mal so viele wie in Dierikon und kantonsweiter Höchstwert. Zu beachten gilt es allerdings, dass es in Flühli Kampfwahlen gab, während in Dierikon fünf Kandidaten, davon vier Bisherige, für fünf Sitze antraten.

Doch in Flühli gehen die Leute auch dann überaus fleissig wählen und abstimmen, wenn die Ausgangslage nicht so brisant ist – schon früher. So lag die Wahlbeteiligung in den 1990er Jahren sogar bei über 85 Prozent. Gemeindeschreiber Guido Küng ortet mehrere Gründe für die hohe Politaffinität in der flächenmässig grössten Luzerner Gemeinde:

«Wir haben sehr aktive Ortsparteien, die zum Wählen und Abstimmen motivieren, dazu ein reges Vereinsleben. Ausserdem wollen wir lieber mitbestimmen als bestimmt werden.»

Das tun die Flühler am liebsten mit dem persönlichen Einwerfen des Wahlcouverts in den Briefkasten der Gemeinde. Nur ganz wenige würden per Post wählen, noch weniger jeweils am Sonntag an der Urne. «Ich kann sie inzwischen an zwei Händen abzählen.»

In Luthern wählten noch zwei Personen an der Urne

Das gilt auch für Luthern, die Gemeinde mit der zweithöchsten Wahlbeteiligung. Laut Gemeindeschreiber Alois Fischer haben am 29. März lediglich noch zwei Personen die Urne, die seit diesem Jahr nur noch eine halbe statt wie früher eine ganze Stunde offen steht, benützt.

Fischer kann sich das hohe Interesse am Politgeschehen in der Hinterländer Gemeinde nicht so richtig erklären. Zugute gekommen sei der Beteiligung am 29. März sicher wie vor vier Jahren der Umstand, dass es Kampfwahlen gegeben habe. Ausserdem würden auch die Gemeindeversammlungen stets gut besucht, was ein Zeichen für den ausgeprägten Mitbestimmungswillen sei.

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