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IN EIGENER SACHE: Thomas Bornhauser: «Es ging und es geht um Unabhängigkeit»

Thomas Bornhauser blickt zu seinem Abtritt als Chefredaktor der Neuen Luzerner Zeitung auf eine ereignisreiche Zeit zurück.
Thomas Bornhauser
Thomas Bornhauser mit Redaktionskollegen an der täglichen Frontsitzung der «Neuen Luzerner Zeitung». (Bild Boris Bürgisser)

Thomas Bornhauser mit Redaktionskollegen an der täglichen Frontsitzung der «Neuen Luzerner Zeitung». (Bild Boris Bürgisser)

Es war, als der Sommer 1993 zu Ende ging. Da kam es für mich, rund einen Monat nach Amtsantritt, gleich knüppeldick. Die CVP Luzern suchte sofort die Kraftprobe mit dem neuen Chefredaktor. Die damals frisch lancierte «Luzerner Zeitung» war (noch) CVP-geprägt: Zu Hause im Luzerner Maihof, gleich neben der Parteizentrale. Mit rotem Zeitungskopf wie zuvor das «Vaterland». Neu aber mit einem Chefredaktor, der für seine Arbeit die journalistische Unabhängigkeit als wichtigste Maxime definiert hatte.

Ein Präsident wie eine Eiche

An der Spitze dieses Zeitungsunternehmens stand damals ein CVP-Ständerat aus dem Kanton Zug. Markus Kündig. In der Leitung der Zeitung funktio­nierte der Mann indes als Unternehmer. Er hatte Weitblick. Er wusste, wohin die Reise gehen sollte. Diesen Mann erlebte ich in jenen Jahren als so unerschütterlich wie eine Eiche. Und so widerstand er dem Druck seiner Partei und stützte stattdessen meinen Anspruch auf Unabhängigkeit. Das ersparte mir ganz konkret die in Aussicht genommene Kündigung gleich nach Amtsantritt.

Das war der Anfang einer langen Reise, die für mich mit dem heutigen Tag als Chefredaktor zu Ende geht. Es sind im Verlauf von gut zwei Jahrzehnten viele journalistische, unternehmerische und menschliche Herausforderungen zusammengekommen. Und es hat etliche Druck- und Erpressungsversuche ge­geben. Bis in die jüngste Vergangenheit hinein, als es Parteipolitiker aus Zug probierten, diesmal an der Redaktion vorbei direkt Richtung Zürcher Managementzentrale. Immer wieder haben es Ämtliträger, Parteigänger und Profipolitiker probiert. Bisweilen auch Inseratekunden. Und vereinzelt Verwaltungsvertreter.

Sie alle sind mich jetzt los. Schön für sie! Und hoffentlich auch für mich. Jedenfalls spüre ich Erleichterung bei der Abgabe dieser Führungsverantwortung, auch wenn ich das Ende meiner Funktion ja nicht angestrebt hatte. Auch gebe ich die Leitung(en) mit einem guten Grundgefühl weiter. Denn die Redaktion der Neuen LZ ist heute solide aufgestellt. Sie hat jetzt eine gute Altersstruktur, ein funktionie­rendes Führungsteam und talentierte Nachwuchskräfte. Wir sind im Verlauf der Jahre zu einem Team zusammengewachsen, das in der Super League der Schweizer Zeitungen mitspielt und «ganz nebenbei» auch manche Talente für Karrieren in anderen Medienhäusern fit gemacht hat.

Da sein für die Leserinnen und Leser

In ihrem Selbstverständnis steht die Redaktion der Zeitung heute dort, wo ich sie erklärtermassen hinführen wollte: Kuschen bei Druckversuchen war in all den Jahren ebenso tabu wie das Kultivieren von Einzelinteressen oder die Bevorzugung von Freunden. Denn viel dringender als Freunde braucht eine gute Zeitung interessierte Leser. Das heisst dann konkret zum Beispiel: Stellvertretend für Bürger und Steuerzahler schaut man den Vertretern des staat­lichen Machtmonopols unverblümt auf die Finger. Und generell: Man ist da für die Abonnentinnen und Abonnenten mit ihren Anliegen und Sorgen. Es heisst, konsequent wach zu sein und im Bedarfsfall auch den Finger in Wunden zu legen. Allerdings ohne Fertigmacherei.

Im Zweifelsfall steht eine lesernahe Zeitung nicht auf der Seite von Behörden, sondern auf der Seite der «normalen» Leute. Und sie schützt deren bürgerliche Freiheiten. In diesem Sinne ist unsere Zeitung klar bürgerlich. Aber sie bietet auch Platz für andere Meinungen.

Die kleine «Korruption» im Alltag

Das ist leicht gesagt. Aber es war und ist im journalistischen Alltag ein Weg voller Stolpersteine. Ganz abgesehen von Einflüsterern in der Hierarchie: Auch wir Journalistinnen und Journalisten haben ja Präferenzen. Und so pflegen wir unsere Gesprächspartner in der Öffentlichkeit, auch am Rande und abseits von Medienkonferenzen.

Die wichtigsten Kunden der Zeitung aber, die Abonnentinnen und Abonnenten, sind im Alltag für uns Journalisten viel schwieriger erreichbar. Schade eigentlich, dass es keine Pressekonfe­renzen von und mit den Lesern gibt! Per du sollten wir am ehesten mit ihnen sein. Stattdessen sind wir es, erst recht im Lokalen, unvermeidlicherweise, mit Stadträten, Regierungsräten, Chefbeamten, Verwaltungsräten, CEOs und dergleichen mehr, mitsamt ihren mächtigen Stäben. Da wird man als Journalist mit Fakten und «Fakten» bombardiert. Und auf Dauer unweigerlich zu Nähe mit dieser Welt der mehr oder weniger Wichtigen animiert. Das aber ist in der Regel höchstens gut für die eigene Eitelkeit, auch wenn diese «Promis» in aller Regel keineswegs Unmenschen sind. Aber sie vertreten ihre spezifischen Interessen.

Im Bedarfsfall melden sie sich dann, direkt beim Journi oder bei dessen Chef. Oder bei der Geschäftsleitung. Oder beim Managementvertreter des Hauptaktionärs.

Erfüllung konkret

Das alles sind nicht optimale Anreize für zupackenden Journalismus dort, wo es die Leute vorrangig interessiert und tangiert, nämlich in ihrem eigenen Lebensumfeld, im Regionalen. Doch wer als Journalist einer wichtigen Regionalzeitung im Regionalen schon einmal einen Volltreffer gelandet hat, der weiss, was berufliche Erfüllung konkret bedeuten kann.

Ich selber hatte internationale Beziehungen studiert, war Auslandredaktor, Sportredaktor, später bei der NZZ Inlandredaktor. Und auch dort keineswegs ohne Erfolgsmeldungen. Ein richtiger regionaler Scoop in einer wichtigen Regionalzeitung aber, das gehört in meiner Einschätzung zu den erfüllendsten Momenten in unserem Beruf.

Hölle auf Erden

Zur Illustration sei an dieser Stelle ein Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit erwähnt: Im Frühsommer 2015 erlebte eine hochbetagte Frau namens Nelly Hunziker in Luzern die Hölle auf Erden. Sie stürzte und verletzte sich schwer. Und verlor fast zeitgleich ihren einzigen Sohn. So wurde sie von einem Tag auf den anderen pflegebedürftig und war dabei hilflos allein. Die Behörden der Stadtluzerner Sozialdirektion mitsamt ihren Reglements aber schafften es, dieser gottverlassenen Frau drei Mo­nate lang den Zugang zu ihrer eigenen Wohnung zu versperren. So lange, bis wir (dank einer «Whistleblowerin» aus der Nachbarschaft!) davon Wind bekamen, recherchierten und dann publizierten. Und siehe da: Plötzlich wurde innert rund drei Stunden für diese gebeutelte Frau das möglich, worum sie zuvor drei Monate lang vergeblich gebeten hatte.

Das mag journalistisch vielleicht nicht prestigeträchtig wirken. Aber es gibt viel Wichtigeres als Prestige, nämlich Journalismus, der den Menschen in ihrem realen Alltag weiterhilft. Vor allem jenen ohne grosse Namen und ohne Lobby. Und das sind die meisten unserer Kunden, die Abertausenden von Abonnentinnen und Abonnenten, welche keine Pressesprecher haben, aber die Grundlage für das Geschäftsmodell einer regionalen Qualitätszeitung bilden.

Die klare Sprache der Zahlen

Alles nur Theorie? Keineswegs. Jedenfalls hat die «Neue Luzerner Zeitung» in den letzten zwanzig Jahren im Lesermarkt eine Erfolgsgeschichte hingelegt, die in der Deutschschweiz ihresgleichen sucht (vgl. Tabelle). Bei allen Relativierungsmöglichkeiten auch gegenüber Zahlen und Vergleichen lässt sich heute ohne falsche Bescheidenheit festhalten: Die Neue LZ mit ihren Regionalaus­gaben hat im Lesermarkt eine Stabilität erreicht wie kaum eine andere grosse Regionalzeitung in deren Einzugsgebiet, geschweige denn die sogenannt sprachregionalen Titel «Blick», «Tages-Anzeiger» oder NZZ.

Zudem macht die Entwicklung unserer im September 2008 lancierten «Zentralschweiz am Sonntag» (vgl. Tabelle) deutlich, dass wir auch im Sonntagstitelmarkt mit seinen spezifischen Herausforderungen Fuss gefasst und Erfolg haben wie kein anderer Regionaltitel.

Hilfe aus dem Ausland

Die Bilanz im Lesermarkt widerspiegelt sich 1:1 in den betriebswirtschaftlichen Kennzahlen der Firma. So hat die Neue LZ seit ihrer Gründung in keinem einzigen Betriebsjahr rote Zahlen produziert. Richtig harzig war eigentlich nur der Start im Jahr 1996, als mit gut einer Million Franken der historisch kleinste Gewinn erwirtschaftet wurde. Damals glaubte kaum einer in der Branche an den Erfolg der neuen Zeitung. Prompt verweigerten uns Schweizer Banken Kredite für die dringend nötige Anschaffung neuer Druckmaschinen, weshalb sich die Firma das Geld im Ausland beschaffen musste.

Vom Erfolg zum Verkauf

Doch es ist ganz anders herausge­kommen, als von all diesen Experten und von sehr vielen Kollegen prophezeit. In den jetzt zwanzig Jahren ihres Bestehens hat die Zeitung für ihre Aktionärinnen und Aktionäre weit über 200 Millionen Franken an Reingewinn (EBIT) produziert. Jene, die im zweiten Teil der 90er-Jahre auf Risiko gesetzt und Aktien der Zeitung gezeichnet hatten, sollten in der Folge reichlich belohnt werden mit Dividenden, noch viel mehr aber mit spektakulären Kursgewinnen. Sehr viele Aktionäre nahmen denn auch die Gelegenheit wahr, ihre Papiere im Verlauf der Jahre mit rekordträchtigem Zuschlag zu verkaufen. Insofern war es die Erfolgsgeschichte der Neuen LZ, welche am Anfang stand eines faktischen Firmenverkaufs an die «Neue Zürcher Zeitung» (NZZ).

Folgerichtig werden die betrieblichen Geschicke heute von der NZZ-Führung in Zürich bestimmt. Und diese Führung hat die Vollintegration unseres Titels mit dem «St. Galler Tagblatt» in die Wege geleitet. Entsprechend ist jetzt auch für diese «kalte» Fusion eine neue übergeordnete Redaktionsführung für Luzern und St. Gallen bestimmt worden.

Was auch mit neuer Struktur und neuer Führung bleibt, ist der Anspruch auf redaktionelle Unabhängigkeit. Er ist und bleibt Voraussetzung für Glaubwürdigkeit. Und sie wiederum steht am Anfang und im Kern der Erfolgsgeschichte dieser Zeitung. Wenn es gelingt, diesen Anspruch in der Praxis konsequent weiterzuleben, dann bleibe ich zuversichtlich, dass wir in unserem Lebensraum auf Dauer auf eine kraftvolle publizistische Stimme zählen dürfen. Denn – auch wenn «unsere» Zeitung heute Teil eines Konzerns mit Sitz in Zürich ist: Wer wäre schon so dumm, einer Redaktion via Firmenhierarchie so dreinzureden, dass man auf Dauer die begehrten Gewinne riskiert?

Es braucht Veränderung

Die betrieblichen Herausforderungen sind auch so gross genug. Denn auch diese Zeitung ist vom Strukturwandel erfasst. Zwar sind bei der Neuen LZ auch im Jahr 2015 die Erlöse aus dem Lesermarkt noch einmal leicht gewachsen. Aber die Erfolge der Vergangenheit und der Gegenwart bieten nicht automatisch Gewähr für künftigen Erfolg.

Junge Leute als zahlende Kunden an Verlagshäuser zu binden, fällt zusehends schwer. Entsprechend sind die wich­tigsten Einnahmen für Qualitätsjournalismus, nämlich die Abo-Erlöse, auch bei uns von Erosion bedroht.

Etliche Zeitungen sind bereits gestorben, viele andere serbeln. Und nirgends ist das Erfolgsrezept zur Bewältigung der Folgen der digitalen Revolution in Sicht. Selbst Amazon-Chef Jeff Bezos hat für «seine» «Washington Post» noch kein tragendes Rezept gefunden.

Es geht also ums Probieren. In vielen Angebotsformen muss man sich um neue Ansätze bemühen. Da können neue Köpfe mit neuen Ideen neue Perspektiven eröffnen. Es braucht Weiterentwicklung und Veränderung, auch für das Über­leben klassischer Werte im Journalismus.

Meine guten Wünsche für «die Neuen» kommen deshalb von Herzen. Man fiebert ja auch dann mit den eigenen Kindern mit, wenn sie flügge geworden sind. Schaut also gut zu diesem Zeitungskind, das in einem Prozess von rund zwanzig Jahren zur Volljährigkeit gebracht worden ist! Auch Erwachsene verdienen und brauchen Zuneigung. Und all den Kolleginnen und Kollegen und den vielen Lesekunden, die beim Aufbau «unserer» Zeitung mit Rat und Tat geholfen haben, danke ich an dieser Stelle sehr herzlich.

Thomas Bornhauser

Unsere Infografik.

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