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Interview

In Luzern werden 650 Buben und Mädchen noch vor dem Kindergarten heilpädagogisch begleitet

Der Heilpädagogische Früherziehungsdienst (HFD) im Kanton Luzern wird 50 Jahre alt. Fachstellenleiterin Silvia Felber spricht über die Arbeit mit entwicklungsauffälligen Kindern und erklärt, weshalb es immer mehr davon gibt.
Interview: Stephan Santschi
Fachstellenleiterin Silvia Felber (links) mit Lisa und ihrer Mutter Franziska Gut. (Bild: Dominik Wunderli, Sursee, 11. April 2019)

Fachstellenleiterin Silvia Felber (links) mit Lisa und ihrer Mutter Franziska Gut. (Bild: Dominik Wunderli, Sursee, 11. April 2019)

Silvia Felber, an wen richtet sich das Angebot der Heilpädagogischen Früherziehung?

An Kinder ab Geburt bis etwa fünf Jahren, also bis zum Eintritt in den Kindergarten. Es sind Kinder mit besonderen Entwicklungsverläufen, also solche mit körperlichen oder geistigen Beeinträchtigungen, Entwicklungsauffälligkeiten oder Entwicklungsgefährdungen.

Was heisst entwicklungsauffällig?

Hier sprechen wir etwa von Kindern mit Wahrnehmungs- oder Sprachproblemen sowie auffälligem Spielverhalten. Auch solche, die sich abkapseln und nicht mit andern in Kontakt kommen. Bereits Zwei- oder Dreijährige können durch aggressives Verhalten massiv auffallen und ihrem Umfeld Sorgen bereiten. Insgesamt begleiten wir jährlich zirka 650 Kinder, vor zehn Jahren waren es noch 450.

Weshalb diese Steigerung?

Einerseits, weil die Kinder früher erfasst werden. Seit 2008 finanziert der Kanton und nicht mehr die Invalidenversicherung die Heilpädagogische Früherziehung. Als die IV noch zuständig war, waren die Kriterien für eine Unterstützung enger gefasst. Die Palette an Entwicklungsstörungen, die wir abdecken, hat sich seither geöffnet. Wir legen heute auch vermehrt Wert auf die präventive Früherkennung von Kindern, die aufgrund einer schwierigen Konstellation oder hohen Belastungen im familiären Umfeld gefährdet sind.

Zum Beispiel?

Bei Suchtproblematik oder psychischen Belastungen in der Familie, bei Armut oder sozialen Problemen. Ganz generell hat die Komplexität in Familien aufgrund von gesellschaftlichen Entwicklungen zugenommen. Wenn beide Elternteile arbeiten müssen, ist eine gute Betreuung der Kinder das A und O. Diese ist aber nicht immer gewährleistet. Wenn ein vierjähriges Kind bereits Stunden am Tablett verbringt, ist dies für seine soziale Entwicklung nicht förderlich.

Wer meldet die Kinder beim HFD an?

Oft die Eltern auf Anraten der Väter- und Mütterberatung, des Kinderspitals oder von Kinderärzten, von Spielgruppen- oder Kitaleiterinnen, des Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienstes oder Sozialberatungszentren.

Wie kommen Sie mit den Kindern in Kontakt?

Aktuell haben wir in Luzern, Sursee und Willisau rund 40 Früherzieherinnen im Einsatz. Wir laden die Eltern zum Erstgespräch in unsere Räumlichkeiten ein und machen entwicklungsdiagnostische Abklärungen. Daraufhin wird mit den Eltern über die Form der Förderung entschieden, vorzugsweise beim Kind zu Hause in seiner gewohnten Umgebung. Dabei bewegt sich der Aufwand zwischen einem Besuch pro Monat und maximal eineinhalb Stunden pro Woche.

Maximal nur eineinhalb Stunden pro Woche? Weshalb?

Wir sind Bezugspersonen für Fragen rund um die Entwicklung des Kindes. Die Einbindung der Eltern ist jedoch von zentraler Bedeutung, sie kennen ihr Kind am besten und wollen stark miteinbezogen sein. Gerade bei Kindern mit schwierigem Verhalten oder mit komplexeren Behinderungen sind die Eltern oft sehr verunsichert. Durch Beratung möchten wir einerseits ihre Erziehungskompetenzen stärken, geben aber auch praktische Tipps für die Förderung im Alltag. Eventuell ist auch eine Abklärung durch eine Logopädin oder die Aufnahme in eine Gruppe, wie etwa unsere Heilpädagogische Tagesspielgruppe angezeigt.

Wie sieht die Arbeit der Früherzieherin im Alltag aus?

Die Herausforderungen sind sehr vielfältig und individuell, eine eigentliche Routine kommt nicht auf. Eine Früherzieherin berät, leitet an. Mit dem Kind wird nicht nur gespielt, sondern es wird in seiner Selbstständigkeit gefördert. Wir animieren es zum Reden und geben ihm kleine Aufträge im Alltag. Beispielsweise beim Kochen oder Basteln.

Welchen Nutzen hat diese Art der Förderung?

Je früher entwicklungsauffällige Kinder erfasst und ihre Eltern begleitet werden, umso wirkungsvoller ist die Heilpädagogische Früherziehung. Damit wird eine Basis gelegt für einen erfolgreichen Eintritt in den Kindergarten und eine geeignete Schule.

Angebot ist freiwillig und gratis

Der Heilpädagogische Früherziehungsdienst (HFD) ist eine Abteilung der kantonalen Fachstelle für Früherziehung und Sinnesbehinderungen innerhalb der Dienststelle Volksschulbildung. «Das Angebot ist freiwillig und gratis», erklärt Fachstellenleiterin Silvia Felber, die selber über zehn Jahre als Früherzieherin gearbeitet hat. Begonnen hat alles vor 50 Jahren, als betroffene Eltern und Fachorganisationen für zwölf kleine Kinder mit Behinderungen aus den Kantonen Luzern, Nid- und Obwalden eine Heilpädagogin anstellten.

Am 11. April begannen die Aktivitäten anlässlich des Jubiläumsjahres mit einem Tag der offenen Tür im HFD Sursee. Im kommenden September sind in Sursee, Willisau und Luzern Spielfeste mit betroffenen Familien geplant. Der Festakt für geladene Gäste mit fachlichen Inputs und unter Mitwirkung von Bildungsdirektor Reto Wyss findet am Dienstag, 29. Oktober, statt.

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