In Ruswil wird seit dem Spätmittelalter Theater gespielt – einige Stücke dauerten damals über zehn Stunden

Ruswil war schon im Spätmittelalter fest in der Hand der Theaterleute. Dieses Jahr feiert die heutige Theatergesellschaft ihr 150-jähriges Jubiläum.

Hannes Bucher
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Ruswil ist und war schon immer eine «Theaterhochburg». Das Theaterfieber fusst nachweislich bereist im Spätmittelalter. Der Ruswiler Historiker Werner Wandeler hat sich vertieft mit dem frühen örtlichen Theaterschaffen befasst. Laut Wandeler hat sich das «grosse Theater» zwar früher auf die Städte konzentriert, die «Spiellust» hat sich jedoch auch auf dem Land ausgebreitet, gerade eben in Ruswil.

Die Theatergesellschaft Ruswil posierte für ein Gruppenbild zum Stück «Heinrich von Hühnenberg», welches 1928/29 aufgeführt wurde. Auf dem Programm sind «42 Sprech- und Tanzrollen» aufgeführt.

Die Theatergesellschaft Ruswil posierte für ein Gruppenbild zum Stück «Heinrich von Hühnenberg», welches 1928/29 aufgeführt wurde. Auf dem Programm sind «42 Sprech- und Tanzrollen» aufgeführt.

Die erste schriftliche Erwähnung von Ruswiler Theateraufführungen datiert von 1592 – es war eine behördliche Rüge der gnädigen Herren von Luzern. Im damaligen Amtshauptort wurde über die Pfingsttage ein Spiel ohne behördliche Erlaubnis durchgeführt. Strafe wurde angedroht, sollte in Zukunft «derglych spil oder andere fasnachten» aufführen, ohne vorher «die Obrigkeit begrüsst zu haben». (W. Wandeler in «Ruswil – Geschichte einer Landgemeinde»). Wandeler vermutet, dass sich bereits vor dieser Rüge die Spiel- und Maskenlust in Fastnachtsspielen manifestiert habe.

Bauernsohn als Sammler – Kaplan als Theaterautor

Im 17. und 18. Jahrhundert hat das barocke Theater in Ruswil eine Blüte erreicht und den Amtshauptort «zu einem eigentlichen Zentrum der religiösen Schaubühne werden lassen». Thematisch waren diese Spektakel, die mehrere Stunden dauerten und im Freien stattfanden, meistens religiöser Art.

Eine grosse Bedeutung im damaligen ländlichen Theaterschaffen kommt Mathias Schmidli (1719–1776) zu. Der theaterbegeisterte Sohn eines wohlhabenden Ruswiler Bauern schrieb selber bereits als 14-Jähriger ein erstes Theaterstück ab. In der Folge legte er eine ganze Sammlung von Schauspieltexten an. Eine Sammlung, die weitherum als einzigartig gelte, sei so entstanden, sagt Werner Wandeler.

Die meisten Stücke stammen von Jakob Frener (1605–1681), der 1633 Kaplan in Ruswil wurde. Frener schrieb acht Dramen, die er als Spielleiter auch selber inszenierte. Es waren zumeist Heiligen- und Märtyrerspiele. Dabei stand eine Menge von Akteuren auf der Bühne; Freners «Bruder Klaus» umfasst gar 125 Rollen. Auch die Frauenrollen wurden ausschliesslich von Männern gespielt. Ausdauer war zudem gefragt: So dauerte etwa Freners «S. Josten spil» ganze «10 stund und ein fiertel». Spannend auch, was die «Aktoren» anbelangt: «Es waren zum grossen Teil die tonangebenden Bürger, Handwerker des Zwings und wohlhabende Bauern aus der Umgebung. Theater spielten der Amtsweibel und der Amtsschreiber, der Kirchmeier, der Sigrist und der Schulmeister», sagt Werner Wandeler.

Stücke mit 120 Mitwirkenden

Auch nach Freners Ära grassierte das Theaterfieber in Ruswil weiter. Dabei mussten jeweils die kirchlichen und weltlichen Behörden das Projekt bewilligen respektive «absegnen». Die Theatertradition in Ruswil wurde lange Jahre nebst Vereinen durch zwei Theatergesellschaften hochgehalten – eine «Dorftheatergesellschaft», die auf der «Rössli»-Bühne spielte und eine Landtheatergesellschaft, die im einstigen Kurhotel Surbrunnenbad ihr Domizil hatte. Die heutige Theatergesellschaft (TGR), die ihr 150-Jahr-Jubiläum feiert, machte viele Jahrzehnte im eigentlichen Wortsinn «grosses Theater».

Ein Plakat der Theatergesellschaft Ruswil von 1906, welches das Stück «Der Paternosterkramer von Ettal» anpries.

Ein Plakat der Theatergesellschaft Ruswil von 1906, welches das Stück «Der Paternosterkramer von Ettal» anpries.

Bild: PD

Im Fundus finden sich einstige Plakate. So kündigte ein Plakat im Jahr 1928 eine immense Produktion an: «Theater in Ruswil, Heinrich von Hünenberg im neuumbauten Saale des Hotel Rössli. Volksschauspiel in fünf Akten mit Gesang und Reigen. Sechs Nachmittags- und zwei Abendaufführungen auf der ‹Rössli›-Bühne. 120 Mitwirkende.»

Ein weiteres Grossprojekt war 1944 das Freilichtspiel «St. Jakob an der Birs». 2000 Zuschauer fanden sich am 1. August für dieses «Bundesfeierspiel» auf dem damaligen «Sportplatz» ein. Trotzdem ging die Rechnung nicht auf – darum, weil nur die 300 vorhandenen Sitzplätze kostenpflichtig waren. Das Publikum auf den Stehplätzen war gratis mit dabei.

So sah das Schlussbild des Stücks «Heinrich von Hühnenberg» 1928/29 aus. Die Szene stellt die Situation nach der Schlacht von Morgarten dar.

So sah das Schlussbild des Stücks «Heinrich von Hühnenberg» 1928/29 aus. Die Szene stellt die Situation nach der Schlacht von Morgarten dar.

Bild: PD

Insgesamt 69 Stücke wurden von der TGR in den vergangenen anderthalb Jahrhunderten aufgeführt. Als erste nachgewiesene Produktion 1870 das Drama «Die Walpurgisnacht». Teilweise wurde jährlich gespielt, es gab aber auch längere Spielpausen – etwa 1914 bis 1922. Grund dafür war der Erste Weltkrieg. Aufführungsort war bis 1967 die «Rössli»-Bühne, später insbesondere das Pfarreiheim. Weit herum von sich reden machte die TGR mit den beiden grossen Freilichttheater-Produktionen im Raum Sigigen – «De Wald» (1996) und «S’Paradiesgärtli» (2001).

Mit «Passion 2020» wäre in der Karwoche 2020 ein Passionsspiel in der Kirche mit rund 60 Beteiligten zur Aufführung gekommen. Inzwischen ist das Projekt wegen des Corona-Virus definitiv abgebrochen worden. Auch dieses Vorhaben wäre Ruswils Theatertradition gefolgt: Bereits im Jahre 1735 nämlich spielten die «Ruswiler Spielgenossen» im Vorgängerbau der heutigen Barockkirche das Stück «Die Menschwerdung Christi».

http://www.theater-ruswil.ch/

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