In Vitznau entsteht für 20 Millionen Franken ein «Mini-KKL»

Die Pühringer-Gruppe baut in Vitznau ein Forschungs- und Weiterbildungszentrum. Die Ideen sind visionär – und reichen von einer Spitzenkoch-Ausbildung über Theater- und Seminarräume bis zu einem App-Hotel.

Niels Jost
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Sie sind die Gesichter des Projekts: Andreas Fleischlin, Leiter Aus- und Weiterbildung Gastronomie und Elke Hesse Kulturbeauftragte bei der Pühringer-Gruppe. (Bild: Pius Amrein, Vitznau, 19. September 2019)

Sie sind die Gesichter des Projekts: Andreas Fleischlin, Leiter Aus- und Weiterbildung Gastronomie und Elke Hesse Kulturbeauftragte bei der Pühringer-Gruppe. (Bild: Pius Amrein, Vitznau, 19. September 2019)

Seit geraumer Zeit steht es leer, das ehemalige Hotel Flora mitten im Vitznauer Dorfkern. Gar als «Schandfleck» wurde das Haus mit seinen 64 Wohnungen und der Tiefgarage in Leserbriefen bezeichnet. Doch nun geht es vorwärts. Seit einigen Monaten sind an der Seestrasse 75 Bauarbeiten im Gang. Unsere Zeitung weiss: Die neue Besitzerin des ehemaligen «Flora» plant Visionäres.

Diesen Eindruck vermittelt zumindest Elke Hesse. Die Wienerin ist Kulturbeauftragte bei der Pühringer-Gruppe (siehe Kasten), welche das ehemalige Hotel Flora vor gut einem Jahr erworben hat. Hesse sagt: «Wir möchten in Vitznau einen Campus für Kultur, Kulinarik, Forschung, Aus- und Weiterbildung errichten.»

Konkret sollen zwei sogenannte Excellence-Ausbildungen angeboten werden. Diese Master-Lehrgänge richten sich an ausgebildete Köche und Restaurationsmitarbeiter, welche mehr aus ihrem erlernten Beruf machen wollen, erklärt Andreas Fleischlin, Leiter Aus- und Weiterbildung Gastronomie. «Sie sollen die Theorie gleich in die Praxis umsetzen und so ihren eigenen Stil entwickeln und kennen lernen.» Dafür sind verschiedene Gastronomiezonen geplant, wo das «vielfältige Handwerk» gelehrt und praktiziert wird. Pro Jahr bietet der Lehrgang Küche Platz für 24 Studenten, jener für die Gastronomie für 12 Personen.

Partnerschaft mit grossen Kulturbetrieben angestrebt

Neben der Gastronomie ist die Kultur das zweite, grosse Aushängeschild. Gebaut werden diverse Seminar- und Proberäume. Auch eigene Musik-, Tanz- oder Theateraufführungen sollen Platz haben. «Wir werden mit Hochschulen und Kulturbetrieben wie dem Lucerne Festival in Kontakt treten und versuchen, Partnerschaften aufzuziehen», sagt Elke Hesse, welche in der österreichischen Hauptstadt bereits den Aufbau des Konzert- und Theatersaals der Wiener Sängerknaben begleitet hatte. So könnten sich in Vitznau dereinst Musikpädagogen aus- oder weiterbilden. Auch hier sind Theorie und Praxis nicht weit voneinander entfernt. Denn Teil des Projekts ist ebenso eine öffentliche Musik-Kindertagesstätte. Hess sagt:

«Eine solche Kita ist einzigartig in der Schweiz.»

Trotz des Schwerpunktes auf Musik soll die Kita zu gewöhnlichen Tarifen angeboten werden.

Zu guter Letzt soll der Hotelbetrieb im ehemaligen «Flora» wieder aufblühen – und zwar mit einem innovativen Ansatz, so Hesse. «Es handelt sich um ein ganz normales, preiswertes Hotel mit 57 Zimmern. Neu ist, dass die Kunden alles per App koordinieren können, etwa wie oft das Zimmer gereinigt werden soll.» Während der Hochsaison soll es insbesondere Familien anziehen, im Winter könnten sich die Studenten einquartieren. Im Gebäude sind zudem Coworking-Spaces vorgesehen.

Überdimensioniert oder einmalige Chance?

Insgesamt investiert die Pühringer-Gruppe rund 20 Millionen Franken in das Forschungs- und Weiterbildungszentrum. Doch ist ein solches «Mini-KKL» für das überschaubare Vitznau mit seinen gut 1400 Einwohnern nicht überdimensioniert? Elke Hesse und Andreas Fleischlin winken ab. «Wir verstehen uns nicht als Konkurrenz zu den grossen, etablierten Kulturbetrieben in der Zentralschweiz. Vielmehr möchten wir diese ergänzen.» Wichtig sei zudem, dass alle Angebote für die ganze Bevölkerung offen zugänglich seien, ja dass sich die Bürger gar in das Projekt einbringen, halten die beiden fest.

Die Bevölkerung – für sie wie beispielsweise auch für Rigi-Tagestouristen soll insbesondere die oftmals abstrakte Forschung fassbar und erlebbar werden. Dies, indem aktuelle Erkenntnisse aus den verschiedensten Forschungsbereichen in die praktische Umsetzung am Campus einfliessen. So könnte man dereinst ein Menü mit Zutaten kosten, die man sonst kaum kennt, nennt Fleischlin ein Beispiel. Oder aktuelle Studien zur Musikpädagogik könnten neue Ansätze beim Proben oder bei der Kita einbringen, ergänzt Hesse. «Alle, die am Campus tätig sind, sollen Konventionen brechen und dank Innovations- und Pioniergeist Neuland betreten», sagt Hesse und wird noch visionärer: «Derart viele und so unterschiedliche Bereiche miteinander zu verknüpfen, das schafft sonst nur das menschliche Gehirn. Deswegen ist auch die neurowissenschaftliche Forschung unser Antrieb. Der Campus soll all das widerspiegeln.»

Eröffnung im Sommer 2021

Wer mit der Frau mit dem typischen Wiener Dialekt spricht, spürt schnell: Elke Hesse sprudelt nur so vor Ideen und Visionen. Ihre Begeisterung zeigte sich schon vor gut einem Jahr. Damals beabsichtigte die Pühringer-Gruppe, die schwimmende Seerosenbühne des Gästivals zu einem Pavillon umzubauen. Die Zentralschweiz hätte zu nichts weniger als einem kulturellen Begegnungsort mit internationaler Ausstrahlung werden sollen (Ausgabe vom 20. Mai 2018). Das Vorhaben scheiterte an den nötigen Bewilligungen.

Nun aber schreitet der Umbau voran. Auch die Finanzen sind dank des österreichischen Investors Peter Pühringer gesichert. Dennoch müssen viele Details noch geklärt und die einzelnen Projekte zur Reife geführt werden, sagt Elke Hesse. Eine grosse Herausforderung sei zudem, das inhaltliche Konzept räumlich umzusetzen.

Dafür haben die Architekten und Bauarbeiter nun fast eineinhalb Jahre Zeit. So lange dauern die Bauarbeiten noch. Dabei müssen die ganze, 40-jährige Technik und die Leitungen ersetzt werden. Die Gebäudehülle wird umfangreich saniert und erhält neue Fenster sowie eine Wärmedämmung mit neuer Farbgestaltung.

Zuvor ist jedoch eine öffentliche Baustellenführung geplant, und zwar Ende November oder Anfang Dezember dieses Jahres. Hesse wiederholt: «Wir möchten die Bevölkerung in das Projekt einbeziehen.»

Peter Pühringer, der Visionär

Peter Pühringer ist in Vitznau kein Unbekannter. Der österreichische Investor, der gemäss «Bilanz» über ein Vermögen von 400 bis 450 Millionen Franken verfügt, besitzt das Park Hotel sowie das Campus Hotel Hertenstein. Beide Häuser hat der 77-Jährige für mehrere Millionen Franken saniert.

Erstmals von sich reden lassen machte Pühringer im Jahr 2011, als er nach Vitznau zog und der Gemeinde Vitznau fünf Millionen Franken schenkte. Dank der Donation konnte die Gemeinde die Steuern senken und Schulden abbezahlen. Obwohl der Österreicher kaum in der Öffentlichkeit auftritt, ist sein Wirken präsent. Neben Investitionen in die erwähnten Hotels wollte Pühringer beispielsweise eine «Panorama-Residenz» mit zehn Villen sowie einem Forschungs- und Kompetenzzentrum in Vitznau bauen. Das 250-Millionen-Projekt scheiterte aber kürzlich vor dem Kantonsgericht (Ausgabe vom 6. September).

Bei seinen Projekten setzt Pühringer, der wegen seiner visionären Ideen bekannt ist, viel auf Innovation und Forschung. So hat er in Vitznau mit der Cereneo Klinik ein Zentrum für Neurologie und Rehabilitation geschaffen. 16 Betten stehen gar auf der Spitalliste.

Die Klinik wie auch das jetzige Projekt im ehemaligen Hotel Flora widerspiegeln Pühringers Unternehmertum gut. So stehen sie ganz im Zeichen der acht Kernbereiche des Research and Innovation Center der Pühringer-Gruppe. Diese Bereiche umfassen Health, Wealth, Entrepreneurship, Hospitality, Energy, Nature, Wine and Dine sowie Art and Culture. (jon)

Gemeinderat begrüsst die Pläne

Was sagt der Gemeinderat zu den Plänen der Pühringer-Gruppe? «Wir begrüssen die Pläne», sagt Gemeindepräsident Herbert Imbach auf Anfrage. Der Parteilose ergänzt: «Statt einen Schandfleck entsteht ein attraktiver Ort für Einheimische und Touristen. Das ‹Flora› bildet eine visionäre und nachhaltige Ergänzung zum touristischen und kulturellen Angebot unserer Gemeinde.» Dass das Projekt zu gross angelegt ist, glaubt Imbach nicht. «Mit dem Parkhotel oder der Rigibahn, der ersten Bergbahn in Europa überhaupt, wurden in Vitznau schon viel früher nicht alltägliche Projekte realisiert.» (jon)