INSELI: Ein «piccolo canale» für Luzern

Erhält die Stadt bald wieder eine richtige Insel? Zwei Luzerner Architekten kämpfen für diese Idee.

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Zukunftsvision eines wiederhergestellten Inseli-Kanals. (Bild: Visualisierung arch-idee)

Zukunftsvision eines wiederhergestellten Inseli-Kanals. (Bild: Visualisierung arch-idee)

Hugo Bischof

Das Inseli ist ein möglicher Standort für die Salle Modulable (siehe Kasten unten). Dabei dürfte vielen Luzernern nicht bewusst sein, dass das Gebiet bis vor etwas mehr als 60 Jahren noch eine richtige Insel war. Dass sie als solche wieder in Stand gesetzt werden soll – dafür setzen sich die Luzerner Architekten Frieder Hiss und Markus Heggli ein. Für sie ist aber auch klar: Ein grosses Bauvorhaben wie die Salle Modulable würde der historischen Bedeutung des Inselis als eine Oase der Ruhe und Erholung im Luzerner Seebecken widersprechen. Als alternativen «Salle»-Standort schlagen sie daher die exponiert liegende Landzunge vor dem Motorboothafen Alpenquai vor (Ausgaben vom 17., 18. und 19. Februar).

Gemäss Recherchen der beiden Architekten bestand das linke Luzerner Seeufer bis Tribschen im 18. Jahrhundert aus «völlig unbebauten, mit Pappeln bewachsenen Riedmatten». Das sieht man auch auf der kürzlich in unserer Zeitung abgebildeten, auf dem alten Schumacher-Plan basierenden Fotomontage «Luzern 1790» von Silvan Baer (Ausgabe vom 2. März). Wer genau hinschaut, kann darauf auch tatsächlich eine vollständig von Wasser umgebene Insel erkennen.

Stadt wollte keine «Spekulation»

Die Luzerner Patrizierfamilie zur Gilgen erwarb die Insel 1816 samt einem darauf stehenden Haus für 1600 Gulden. 1823 kaufte sie Fridolin Balthasar und errichtete darauf nach französischem Muster einen Baumbestand an Rosskastanien und Silberpappeln – das Vorbild der heutigen Grünanlage. Neue Besitzer wurden 1861 die Gebrüder Hauser «zum Schweizerhof», Vorfahren der heutigen gleichnamigen Hotelbesitzer. 1867 schliesslich kaufte der Luzerner Politiker und Nationalrat Philipp Anton von Segesser die Insel und baute darauf einen Landsitz für seine Familie. Von 1870 bis 1877 wurde die Insel durch Aufschüttungen vergrössert. Der südliche Teil wurde 1893 von der Centralbahngesellschaft für den Umladeverkehr zwischen Bahn und Schiff erworben und auf Seetiefe teilweise ausgebaggert.

Einer 1911 drohenden öffentlichen Versteigerung der Insel als frei überbaubares Areal für «vorzügliche Spekulationsobjekte», etwa ein Hotel, trat der Stadtrat entgegen, indem er 1924 die Insel für 270 000 Franken von den Segesser-Erben erwarb. Wenig später aber wurde der Junkersitz dennoch «in wenig pietätvoller Weise zur Bierwirtschaft degradiert», sagt Frieder Hiss. Weiter wurde das morastige Ufer durch Anbringen eines Wellenbrechers (Steinhaufen) befestigt und geschützt. 1927 wurde das Landhaus auf der Insel abgebrochen.

24 Meter breiter Kanal

Gemäss Hiss war der damals zwischen Insel und Festland bestehende Kanal bis zu 24 Meter breit; Boote fuhren darauf. In zeitgenössischen Berichten ist vom «Canale Grande von Luzern» die Rede. Erste Pläne, diesen aufzufüllen und an seiner Stelle einen Autoparkplatz zu schaffen, lehnte die Bevölkerung 1933 ab. 1954/55 wurde die Auffüllung zu Parkplatzzwecken dennoch realisiert. «Mit dem Einbezug einer intensiv genutzten Verkehrsfläche verlor das Inseli nicht nur seinen ursprünglichen Charakter als kleines Eiland im Luzerner Seebecken, sondern büsste auch seine idyllische Ruhe und Schönheit ein», bilanziert Frieder Hiss.

Im Zuge der Neugestaltung verlegte man 1954 auch die zuvor im Sem­pachergarten («Vögeligärtli») bestehende Voliere aufs Inseli. 2007 wurde sie aufgehoben – teils wegen Kritik von Tierschützern. Dort befinden sich heute ein Spielplatz und die südliche der beiden Inseli-Sommerbars.

Der Inseli-Parkplatz weckte auch das Interesse der Marktfahrer. Erstmals 1967 wurden die Warenstände während der Luzerner Herbstmesse (Määs) vom Bahnhofplatz aufs Inseli verlegt – inklusive Carparkplatz. 1991 versuchte die Stadtverwaltung, die Määs auf die Allmend zu verlegen; das wurde an einer Volksabstimmung abgelehnt.

Gondeln und Sitzstufen

Hiss hat konkrete Vorschläge für eine Wiederherstellung der einstigen Insel. In einem Teilbereich der 1955 erfolgten Aufschüttung für Parkplätze soll der «Inselikanal» rekonstruiert werden – weniger breit als früher, als «piccolo canale», befahren von Gondeln, gesäumt von Sitzstufen.

«Durch die Wiederherstellung des Kanals würde sich die heute bestehende Uferlänge des Inselis verdoppeln», rechnet Hiss vor. Zudem würde die bestehende Promenade am Inseliquai markant breiter: Damit würde die heute enge Passage für Fussgänger beim Inseliquai deutlich aufgewertet (siehe Visualisierung). «Es entsteht so landseitig Raum für eine 150 Meter lange Flaniermeile, für einen Pavillonbau und für eine weitere Baumallee entlang des Inseli­quais.»

Nach den Plänen von Hiss wäre das Inseli künftig über mindestens zwei Brücken erreichbar. Es soll wieder «ein Ort des Ausruhens im Schatten der mächtigen Platanen und ein Ort des Flanierens und des Entspannens am See werden» – vielseitig nutzbar für Erholung, Spaziergänge, Freiluft-Restaurants, Sommerbars, aber auch für kurzzeitige Anlässe wie die Määs, Tanz und Konzerte. Autos könnten weiterhin zweispurig am Inseliquai fahren. Eine Salle Modulable hätte hier aber keinen Platz.

3,5 Millionen für Neugestaltung

Eine räumliche und städtebauliche Aufwertung des Inseliquais ist seit Jahrzehnten ein Anliegen der Stadtluzerner Politik. Konkrete Lösungsansätze scheiterten bisher meist an fehlenden Finanzen. Mit den Planungsideen von Hiss/Heggli erhält die Debatte neuen Schwung. Für die Neugestaltung des Inselis mit Flanierbereich, zusätzlicher Baumallee und Buvette sowie dem Bau eines Kanales mit beidseitiger Ufergestaltung, Kanalbrücke, Sitzbänken und sechs Kurz-Halteplätzen für Cars rechnet Hiss «rudimentär» mit Kosten von 3,5 Millionen Franken. Nicht darin enthalten sind die Kosten für eine eventuelle spätere Neugestaltung des ganzen Inselis.

«Das freigelegte Luzerner Inseli würde die Ile Rousseau in Genf oder das Bauschänzli in Zürich nicht nur an Grösse, sondern auch durch seine reizvolle Lage mit Sicht auf Stadt, See und Berge übertreffen», schwärmt Hiss. «Traumhaft schöne Inseln liegen nicht nur in der Ferne. Luzern ist eine Stadt am Wasser, und mit einer Freilegung des Inselis durch die Wiederherstellung eines schmäleren Kanales würde Luzern zu Recht als die ‹italienischste Stadt nördlich des Gotthards› bezeichnet.»

Hinweis

Informationen zur «Wiederherstellung des Inselis» auf der Website www.stadtamwasser.info

Wohin kommt die Salle Modulable?

Für das in Luzern geplante (Musik-)Theatergebäude, die Salle Modulable, sind offiziell noch drei Standorte im Rennen: der Theaterplatz an der Reuss, der Inseli-Carparkplatz und der Schotterplatz Motorboothafen Alpenquai. Recherchen unserer Zeitung haben nun ergeben: Ein Abriss des heutigen Theaters dürfte am Ortsbildschutz scheitern, wodurch der Theaterplatz als Standort wohl ausscheidet (Ausgabe vom 6. März). Zudem fordert eine Volksinitiative die Erhaltung des Theatergebäudes als «Volkshaus für alle». Eine Volksinitiative ist auch beim Inseli hängig; die Juso fordert die Aufhebung des Carparkplatzes zugunsten einer grösseren Grünfläche. Luzerns Stadtrat und die Stiftung Salle Modulable geben ihren Standort-Vorschlag Anfang April bekannt.

der Inseli-Kanal 1954 kurz vor seiner Aufschüttung. (Bild: Stadtarchiv)

der Inseli-Kanal 1954 kurz vor seiner Aufschüttung. (Bild: Stadtarchiv)

der Inseli-Parkplatz heute (Bild Corinne Glanzmann)

der Inseli-Parkplatz heute (Bild Corinne Glanzmann)