INTEGRATION: Auch im Spiel ist der Krieg ein Thema

Pfadis bieten seit einigen Monaten Aktivitäten für Flüchtlingskinder an. Das Angebot ist beliebt, doch es stellt die jungen Leiter auch vor Herausforderungen.

Remo Wiegand
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Flüchtlingskinder beim Spiel «Ente, Ente, Schwan» auf dem Pausenplatz des St.-Karli-Schulhauses. (Bild: Roger Grütter (Luzern, 4. Dezember 2016))

Flüchtlingskinder beim Spiel «Ente, Ente, Schwan» auf dem Pausenplatz des St.-Karli-Schulhauses. (Bild: Roger Grütter (Luzern, 4. Dezember 2016))

Bis zu 25 Kinder aus dem Asylzentrum Hirschpark freuen sich jeden zweiten Sonntag auf die Pfadi-Leiter. Einer von ihnen, Micha Amstad von der Pfadi Emmenbrücke, lächelt nachdenklich. Er hat beobachtet, wie oft sich Pistolen, Bomben und Explosionen ins Spiel der Kinder einschleichen. «Ob das einfach Kriegerlis ist, wie wir es aus unserer Kindheit auch kennen, oder ob sich darin die Kriegserfahrungen der Kinder widerspiegeln? Wir wissen es nicht.»

Amstad ist kein Kinderpsychologe. Der 24-jährige Mann ist angehender Sozialarbeiter und kennt das kantonale Durchgangszentrum mit seinen 200 Plätzen. Er wirkte dort ein halbes Jahr lang als Betreuer. Dabei kam er auf die Idee, den Kindern bessere und angeleitete Spielmöglichkeiten zu bieten. Die Hirschpark-Verantwortlichen waren offen, acht ehemalige und aktive Pfadis sagten ihre Unterstützung zu. Das Projekt «Pfasyl» war lanciert. Seit Sommer holen die ehrenamt- lichen Leiter 4- bis 13-jährige Flüchtlingskinder zu einem Sonntagsausflug ab.

Die Kinder kommen tröpfchenweise aus dem Asylzentrum, anfangs ist da beidseits noch eine gewisse Scheu. Doch plötzlich geht es los. Ein Mädchen springt Fiona Duddleston (23) in die Arme, ein Junge macht das Rad, ein Frechdachs schreit und trollt herum. Erstaunlich viele deutsche Wortfetzen sind zu hören für Kinder, die erst seit ein paar wenigen Monaten in der Schweiz sind. Ein gelöstes, kreatives Chaos entsteht. Wird es einmal zu bunt, greifen die Leiter mit einem klaren «Stopp» ein.

Spannungen im Zentrum übertragen sich aufs Spiel

Auf dem Pausenplatz des St.-Karli-Schulhauses wird «Ente, Ente, Schwan» gespielt. Unvermittelt wird es ernst. Die vorgesehene Verfolgungsjagd wird zur handgreiflichen Auseinandersetzung zwischen zwei Jungs, heftige Fusstritte werden ausgeteilt. Sofort fahren die Leiter dazwischen. Abseits des Spiels wird beruhigt, geredet, liebevoll, aber bestimmt Erziehungsarbeit geleistet. «Ein Streit unter Familien», erklärt Amstad später. Die Familien wohnen im Hirschpark eng aufeinander, es kommt zu Spannungen, die sich auch auf die Kinder übertragen. Der Nachmittag baut sie – auch einmal brachial – ab. Die Eltern seien derweil froh, «einfach mal einen Nachmittag in Ruhe zu geniessen».

Die Pfadi-Übung fächert sich in mehrere Teile auf: Der Grossteil der Kinder entert den Spielplatz, ein Leiter zügelt die ganzen Bastel-Materialien nach draussen, zwei Jungs und ein Mädchen entdecken plötzlich den Journalisten. Farid und Yunus drängen sich vor. «Irak nicht gut, Krieg, bumm», ruft Yunus und stellt eine Explosion nach. «Onkel tot», ergänzt Farid wild gestikulierend. Parallel dazu läuft das Spiel weiter.

«Die Kinder zeigen uns auch Grenzen auf»

Der Nachmittag gestaltet sich für den Betrachter oft chaotisch, und doch gibt es eine gewisse Ordnung. Der Pfadi-Geist – eine Mischung aus Empathie, Verspieltheit und Erziehungsverantwortung – entfaltet bei den Kindern ihre Wirkung. Allein, wie nachhaltig ist das? Haben die Pfadis genügend interkulturelle Kompetenzen, um den Herausforderungen der Integrationsarbeit ganz gerecht zu werden? Man sei gut mit den Migrationsbehörden vernetzt, lasse sich auch beraten, erklärt Amstad.

Zugleich: «Wir arbeiten in erster Linie mit Kindern», relativiert Duddleston, die derzeit als Nanny arbeitet. «Das können wir gut.» Weiterbildungen? «Unsere Weiterbildung sind die Kinder selbst», ergänzt Amstad. «Sie zeigen uns auch Grenzen auf.» Es sei beispielsweise schon vorgekommen, dass man sich für einen Nachmittag schlicht zu viel vorgenommen habe, zum Beispiel beim Themennachmittag zu Asterix und Obelix. Der Zaubertrank der Gallier erschloss sich den Kindern aus dem Morgenland nicht. Der Zaubertrank der Pfadis bleibt derweil ihr geerdeter Idealismus. Er reicht aus, um «Pfasyl» zu einem Erfolg zu machen.

Kinder sollen später der Pfadi beitreten

Es ist vorerst ein Zwischenerfolg, denn das Projekt soll wachsen. «Wir gehen momentan auf die Pfadi-Abteilungen in den Gemeinden zu», erzählt Amstad. «Wir wünschen uns, dass unsere Kinder dort aufgenommen werden können, sobald sie in die Gemeinden ziehen.»

Remo Wiegand

stadt@luzernerzeitung.ch

Hinweis

Die Namen der Kinder wurden abgeändert.