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INTEGRATION: Kanton Luzern kippt Flüchtlings-Lehrgang

Mit der «Perspektive Pflege» sollen Flüchtlinge den Einstieg in Gesundheitsberufe finden. Doch damit ist Schluss: Nach nur zwei Jahren stellt der Kanton das Programm ein. Betroffene reagieren mit Unverständnis – und halten mit Kritik nicht zurück.
Kilian Küttel
Timothy Kamukamu arbeitet während seiner Ausbildung im Alters- und Pflegeheim Seeblick in Sursee. (Bild: Pius Amrein (29. Juni 2017))

Timothy Kamukamu arbeitet während seiner Ausbildung im Alters- und Pflegeheim Seeblick in Sursee. (Bild: Pius Amrein (29. Juni 2017))

Kilian Küttel

kilian.kuettel@luzernerzeitung.ch

Timothy Kamukamu ist 20 Jahre alt, als sein Lebensweg unvermittelt die Richtung ändert. Im Jahr 2011 schliesst er seine Ausbildung zum Buchhalter ab, doch dann muss er seine Heimat Uganda schlagartig verlassen. Er flüchtet in die Schweiz. Hier soll alles besser werden – hofft er. Es kommt anders: «Ich hatte zwar einen Berufsabschluss, nur hat mir dieser nichts gebracht. Ich konnte ja die Sprache nicht richtig.»

Heute, sechs Jahre später, hat er wieder eine Zukunft. Der Vater eines zweijährigen Sohnes macht im Alters- und Pflegeheim Seeblick in Sursee ein Praktikum zum Pflegehelfer. Er jongliert nicht mehr mit Zahlen, spaziert dafür mit den Heimbewohnern durch den Garten. «Ich geniesse jede Minute, in der ich Zeit mit den Leuten verbringen kann.»

Ermöglicht hat ihm dies der Kanton Luzern mit dem Ausbildungsprogramm «Perspektive Pflege». Die Idee: Anerkannte Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommene sollen den Weg in Pflegeberufe finden. Integration durch Arbeit, Sinnstiftung durch Beschäftigung. Und: weniger Menschen in der Sozialhilfe.

Zu wenige fanden eine Lehrstelle

Ein Jahr dauert die Ausbildung. Anschliessend sollen die Absolventen im Pflegebereich weiterarbeiten, eine Attest-Lehre oder Ausbildung zum Fachmann Gesundheit sind das Ziel. Dieses sollen die Flüchtlinge etappenweise erreichen. Das passt zu Timothy Kamukamu, dessen Nachname übersetzt Schritt für Schritt bedeutet. Jetzt steht ihm der Schritt in die echte Arbeitswelt bevor. Mit der Abschlussfeier von heute Abend geht das Programm für ihn zu Ende: «Vor diesem Projekt wusste ich nicht, was ich aus meinem Leben machen sollte. Jetzt aber weiss ich, wer ich bin, was ich kann und wohin ich will.»

Kamukamu ist einer von neun Praktikanten, welche das Programm heute abschliessen. Und einer der letzten. Denn die Dienststelle Asyl- und Flüchtlingswesen stellt den Lehrgang ein. Dienststellenleiterin Silvia Bolliger nennt den Hauptgrund: «Die Erfolgsquote nach dem ersten Jahr war nicht so hoch, wie wir uns gewünscht hatten.» Das Pilotprojekt startete im Herbst 2015. Um die Kosten von 360000 Franken zu decken, zapfte der Kanton den Lotteriefonds an.

Im ersten Jahr nahmen 15 Personen am Programm teil, 11 schlossen es erfolgreich ab. Lediglich zwei davon konnten eine berufliche Grundausbildung beginnen, eine dritte Person hat einen Praktikumsplatz erhalten. Der Rest muss mit dem Schweizerischen Arbeiterhilfswerk eine andere Lösung suchen.

Zu wenig Erfolg für den Kanton – besonders im Vergleich zum Schwesterprojekt; der «Perspektive Bau». In diesem Programm haben alle Absolventen eine Anschlusslösung gefunden. «Wir haben erkannt», so Bolliger, «dass dieses Angebot im Pflegebereich so nicht zielführend ist.» Hinzu kommt der Spardruck: 290 000 Franken hat der diesjährige Kurs gekostet, der nicht über Lotteriegelder, sondern durch das Integrationsbudget finanziert wurde. Im zweiten Jahr wurde er zwar günstiger, da die 70 000 Franken für die Konzipierung des Projektes nicht mehr anstanden.

Dennoch decken sich Aufwand und Ertrag nicht. Bekanntermassen muss Luzern dieses Jahr 20 Millionen Franken sparen, will er ein rechtskonformes Budget erreichen. Allein 5 Millionen Franken davon entfallen auf das Asyl- und Flüchtlingswesen.

Den Leistungsauftrag für die «Perspektive Pflege» haben das Berufsbildungszentrum Enaip IB Gmbh sowie die Zentralschweizer Interessengemeinschaft Gesundheitsberufe (Zigg) erhalten. Letztere war – zusammen mit dem Heimverband Curaviva Luzern – für die praktische Ausbildung zuständig. Derweil führte die Enaip einen Deutschunterricht durch.

War der Kanton zu ungeduldig?

Die drei Organisationen bedauern, dass der Kanton das Projekt einstellt. Zigg-Präsident Marco Borsotti sagt: «Das Projekt liegt mir sehr am Herzen, und wir waren erstaunt, als wir den Bescheid des Kantons erhielten.» Zumal die Erfahrungen sehr positiv gewesen seien.

Ähnlich klingt es vom Verband der Pflegeheime. Curaviva-Präsident Roger Wicki, der zugleich Timothy Kamukamus Chef in Sursee ist, hätte sich mehr Geduld gewünscht: «Wenigstens ein weiteres Jahr hätte man das Projekt noch weiterführen können.» Nach drei Jahren, so Wicki, hätte man ein umfassendes Bild gehabt: «Der Kanton hat dem Programm nicht die Zeit gegeben, sich zu entwickeln.» Diese Meinung teilt Bruno Geiger. Er leitet den Bereich Berufsbildung bei Enaip: «Natürlich gab es gewissen Handlungsbedarf. Diesen haben wir erkannt und die Bereitschaft signalisiert, Anpassungen vorzunehmen.»

Timothy Kamukamu betrifft diese Diskussionen nicht mehr, er hat sein Praktikum hinter sich. Dennoch bedauert er: «Ich bin dankbar für die Chance, die ich erhalten habe. Es wäre schön, wenn andere sie auch hätten.» In der privaten Cereneo-Klinik, die zum Park Hotel Vitznau gehört, wird er jetzt als Pflegehelfer beginnen. Später könnte ihm dort eine Lehrstelle winken. Nun blickt er optimistisch in die Zukunft, er nimmt eines nach dem anderen – Schritt für Schritt.

Neu: Einmonatige Praktika im Gewerbe

Asylsuchende sind die Arbeitsbedingungen in der Schweiz nicht gewohnt. Um einen Einblick zu erhalten, haben sie neu die Möglichkeit, einmonatige Praktika im Gewerbe zu absolvieren – beispielsweise in handwerklichen Betrieben. Davon sollen auch die Betriebe profitieren. Silvia Bolliger, die Leiterin der Dienststelle Asyl- und Flüchtlingswesen, erklärt: «Arbeitgeber können sich so ein Bild von der Motivation und dem Durchhaltewillen der jeweiligen Bewerber machen, bevor sie ihnen eine Festanstellung geben.» Solche Arbeitseinsätze gibt es bereits in der Land- und Forstwirtschaft. Der Wunsch nach Kurzpraktika war laut Bolliger vom Gewerbe gekommen. (kük)

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