INTEGRATION: Klassische Musik für das Multikulti-Quartier

An der Basel- und Bernstrasse wohnen Kinder aus aller Welt. Ein Verein bringt ihnen bei, wie man Geige oder Cello spielt – und wird nun dafür ausgezeichnet.

Pirmin Bossart
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Mitglieder des Orchesters BaBeL-Strings bei einer Probe im Luzerner St.-Karli- Schulhaus. Mitgründerin Graziella Carlen spielt im Hintergrund mit. (Bild Nadia Schärli)

Mitglieder des Orchesters BaBeL-Strings bei einer Probe im Luzerner St.-Karli- Schulhaus. Mitgründerin Graziella Carlen spielt im Hintergrund mit. (Bild Nadia Schärli)

Ganz oben, im Dachstock des Luzerner St.-Karli-Schulhauses, haben die BaBeL-Strings ihr Zuhause. Violinen und Bratschen stapeln sich auf den Schränken, auch für Celli und Kontrabässe gibt es knapp Platz. Soeben ist die Probe zu Ende gegangen, die Kinder wirbeln herum, sind gut drauf. Hier treffen sie sich zweimal wöchentlich zum Instrumentalunterricht in Kleingruppen, zum Orchesterspiel und zur Rhythmik.

«Es läuft sehr gut bei uns», sagt die Cellistin und Musikpädagogin Graziella Carlen. Sie hat 2011 zusammen mit der Bratschistin und Musikpädagogin Nicole Bucher das Projekt BaBeL-Strings ins Le­ben gerufen. Dritte Co-Leiterin ist die Musik- und Bewegungspädagogin Daniela Künzli. Unterstützt werden die drei Verantwortlichen von jungen Studierenden der Hochschule Luzern – Musik. Seit einem Jahr sind die BaBeL-Strings als Verein organisiert.

Kaum Schweizer dabei

«Als wir 2011 begannen, waren wir ein kleines Grüppchen. Heute machen 25 Kin­der mit, und es gibt eine Warteliste», sagt Carlen. Die Kinder sind zwischen 7 und 12 Jahre alt und wohnen im Basel- und Bernstrasse-Quartier (BaBeL). Ihre Eltern stammen aus Sri Lanka, Russland, Italien, Ägypten, Bulgarien, Portugal, Iran oder Thailand. Schweizer Kinder sind meistens nur wenige dabei. Nicole Bucher: «An der Baselstrasse wohnen kaum Schweizer Familien. Und die Kinder, die vom Brambergquartier ins St.-Karli-Schulhaus kommen, besuchen häufig eine Musikschule.» Abgesehen von einer Einschreibegebühr von drei Franken ist der BaBeL-Strings-Unterricht gratis.

Der Impuls für BaBeL-Strings kam von der ehemaligen Sentitreff-Animatorin Elisabeth Rudolf. Sie hatte den Film «El Sistema» gesehen und gefunden, dass es so etwas auch in Luzern geben müsste. El Sistema entstand vor über 30 Jahren in Venezuela als Netz von Musikschulen für Kinder und Jugendliche aus benachteiligten Verhältnissen. «In Südamerika ist das eine riesige Bewegung. Allein in Venezuela sind über eine Million Kinder dabei», sagt Nicole Bucher, die sich selber zwei Jahre lang in Kolumbien in einem Sistema-basierten Programm engagiert hat.

Kinder machen Fortschritte

Fünf Jahre nach der Gründung spielen die Luzerner Kinder inzwischen auch anspruchsvolle Stücke. «Sie sind rhythmisch sicherer geworden und können mit Mehrstimmigkeit umgehen. Auch machen die Anfänger viel schneller Fortschritte, weil sie von den bereits erfahrenen Kindern mitgezogen werden», sagt Carlen. Zudem hätten sich 95 Prozent der Kinder wieder für das neue Schuljahr angemeldet, ergänzt Bucher.

Jedes Jahr geben die BaBeL-Strings zwei eigene Konzerte und werden regelmässig zu Anlässen eingeladen. 2015 konnten die BaBeL-Strings gemeinsam mit Kindern aus Sistema-orientierten Programmen in einem 150-köpfigen Orchester in der Tonhalle Zürich spielen. In guter Erinnerung bleibt auch der Auftritt am Lichterball im Zeugheersaal im Hotel Schweizerhof 2014, wo Kurt Aeschbacher moderierte. Solche besonderen Anlässe wie auch das dreitägige Probelager geben Zusammenhalt und stärken die musikalische Motivation.

15 000-Franken-Spende

Die Finanzierung von BaBeL-Strings erfolgt vor allem durch Stiftungen und private Gönnerbeiträge. Der Beitrag der Stadt Luzern beläuft sich auf ein paar tausend Franken, der Kanton hat die Gelder gestrichen. Umso mehr freuen sich die Initiantinnen über die Spende des Frauen-Serviceclubs Soroptimist Luzern in der Höhe von 15 000 Franken, die heute Abend übergeben wird. Das Geld soll für den Kauf von Instrumenten verwendet werden. «Wir finden die BaBeL Strings ein ganz hervorragendes Projekt, das die Freude an der Musik weckt, integrierend wirkt und auch eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung ermöglicht», sagt die Luzerner Soroptimist-Vertreterin Rosmarie Hohler. Der Club Luzern umfasst 47 Mitglieder. Er besteht mehrheitlich aus berufstätigen Frauen, die sich gesellschaftspolitisch engagieren wollen.

Neues Aufbauprojekt

Für die drei BaBeL-Strings-Dozentinnen geht es in der nächsten Zeit darum, das multikulturelle Unternehmen weiter zu festigen. Bereits wurde in der Sentimatt durch die Pädagogische Hochschule Luzern ein Aufbauprojekt für jene BaBeL-Strings-Kinder lanciert, die auch nach der obligatorischen Primarschulzeit ihr Instrument weiterspielen möchten. Ein Traumziel wäre, die BaBeL-Strings dereinst mit Bläsern zu ergänzen oder ein Ensemble mit Erwachsenen zu gründen.

Pirmin Bossart

Hinweis

Heute um 19 Uhr findet im Pfarreiheim St. Karli ein Konzert der BaBeL-Strings statt. Der Eintritt ist frei, es gibt eine Kollekte.