INTEGRATION: Luzerner Bauern ignorieren Asyl-Projekt

Landwirte im Kanton Luzern sollen gezielt Flüchtlinge anstellen. Der Bauernverband ist skeptisch, er setzt vor allem auf Gastarbeiter aus Osteuropa.

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Der ungarisch-rumänische Doppelbürger und Gastarbeiter Gsaszar Karoly bei der Erdbeerernte gestern Nachmittag auf dem Hof der Familie Roth in Altwis. (Bild Manuela Jans)

Der ungarisch-rumänische Doppelbürger und Gastarbeiter Gsaszar Karoly bei der Erdbeerernte gestern Nachmittag auf dem Hof der Familie Roth in Altwis. (Bild Manuela Jans)

Yasmin Kunz

In den Jahren 2016/17 will der Kanton, dass Luzerner Landwirte vorläufig und anerkannte Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt integrieren. Arbeitslose Flüchtlinge und gleichzeitig ein drohender Mangel an Arbeitskräften wegen der möglichen Folgen der Masseneinwanderungsinitiative – hier soll das neu lancierte Pilotprojekt vom Bund Abhilfe schaffen. Landesweit ist das Projekt schon gestartet. Aktuell nehmen zehn Betriebe am Projekt teil, und insgesamt 15 Flüchtlinge können dabei eine Anstellung auf einem Bauernbetrieb erhalten (Ausgabe vom 21. Mai). Bis dato sind sechs Flüchtlinge in einem landwirtschaftlichen Betriebe angestellt. Am Projekt beteiligen sich dieses Jahr die Kantone Baselland, Bern, Aargau, St. Gallen, Thurgau, Wallis und Tessin.

Kanton prüft eigenes Projekt

Im Kanton Luzern ist das Pilotprojekt indes auf taube Ohren gestossen: Für das laufende Jahr hat sich kein einziger Landwirt angemeldet. Dies, obschon der Luzerner Bäuerinnen- und Bauernverband (LBV) einen Aufruf gestartet hat.

Ruedi Fahrni, Asyl- und Flüchtlingskoordinator des Kantons, ist erstaunt: «Mich hat es überrascht, dass sich kein landwirtschaftlicher Betrieb bei uns gemeldet hat – das habe ich so nicht erwartet.» Nun sei man in Gesprächen mit dem Bauernverband, sagt Fahrni auf Anfrage. Gemeinsam will der Kanton die Luzerner Bauern ermuntern, Flüchtlinge auf ihrem Hof einzustellen. Fahrni sagt dazu: «Im Auftrag von Regierungsrat Guido Graf bin ich mit Präsident Jakob Lütolf in Verbindung getreten. Dass der Kanton Luzern in Zusammenarbeit mit dem LBV ein eigenes Projekt realisieren wird, ist nicht auszuschliessen.» Ob der Kanton nächstes Jahr am schweizweiten Projekt teilnehmen kann, ist noch unklar. Es können sich landesweit nur 10 Betriebe anmelden. Das dreijährige Projekt kostet 400 000 Franken, wobei der Bund die Hälfte übernimmt. Weil die Betriebe zusätzlichen Aufwand betreiben müssen, erhalten sie monatlich 200 Franken. Der Flüchtling erhält je nach Betrieb Kost und Logis. Im Probemonat erhalten sie 2300 und ab dem zweiten Monat 3200 Franken – höher sind die Beträge in den Kantonen, in denen gesetzliche Mindestlöhne definiert sind. Der Arbeitseinsatz dauert zwischen drei und zwölf Monaten. Nach dem Einsatz kann ein normales Arbeitsverhältnis vor Ort oder auf einem anderen Hof zu Stande kommen.

Fehlt das nötige Know-how?

LBV-Präsident Jakob Lütolf sagt zum Flüchtlingsprojekt: «Grundsätzlich ist es einen Versuch wert, auf dieser Schiene zu fahren, und ich denke, die Luzerner Bauern sind offen für dieses Flüchtlingsprojekt.» Es könnte sowohl für Bauern wie auch Flüchtlinge Gewinn bringend sein. Doch beim Bauernverband herrscht auch Skepsis, wie Lütolf erklärt: «Die Arbeiter aus Polen und Portugal, die heute den Bauern helfen, haben vielfach schon in ihrem Heimatland auf einem landwirtschaftlichen Hof gearbeitet. Ob Flüchtlinge aus Eritrea oder Somalia ebenfalls Know-how mitbringen, ist fraglich.» Gemüsebetriebe seien demzufolge sicher besser für Flüchtlinge geeignet als Höfe mit Tierhaltung, sagt Lütolf.

Dem pflichtet auch Josef Bircher, Präsident von Bio Luzern, bei. «Einfachere Arbeiten, die sich wiederholen, wären sicher ideal für Flüchtlinge.» Doch man dürfe nicht vergessen, dass diese Menschen auch ein Recht auf seriöse Betreuung hätten, sagt Bircher, der in Malters einen Biohof führt. «Die Arbeit auf dem Bauernhof ist anspruchsvoll, und ein neuer Arbeiter braucht Begleitung – ich weiss nicht, ob ich das neben meiner Arbeit noch leisten könnte.» Zudem befürchtet er, dass die Kommunikation für beide Seiten eine grosse Herausforderung sein kann.

Gastarbeiter im Gemüse-/Obstbau

Die rund 4800 Landwirte im Kanton sind heute auf Gastarbeiter aus Osteuropa angewiesen. «Es ist kaum möglich, Schweizer Arbeitskräfte für diese Arbeit zu finden», erklärt Lütolf. Derweil helfen gemäss Werner Hüsler von der LBV-Geschäftsstelle etwa 500 bis 600 Gastarbeiter auf Luzerner Höfen aus. Der Grossteil dieser Arbeiter kommt aus Polen, Bulgarien, Rumänien oder der Slowakei und arbeitet auf Gemüse-, Beeren- und Obstbaubetrieben, zum Teil auch in Tierhalterbetrieben. Aufgrund der zu erwartenden Folgemassnahmen der Masseneinwanderungsinitiative dürfte es für osteuropäische Arbeitskräfte schwieriger werden, hier eine befristete Anstellung zu finden.