INTEGRATION: Neue Fragen zu gekipptem Kurs für Flüchtlinge

Flüchtlinge auf einen Beruf in der Gastronomie vorbereiten – das bezweckt der Riesco-Lehrgang. Seit zwei Jahren wird er vom Kanton nicht mehr unterstützt. Dagegen regt sich nun Widerstand.

Stephan Santschi
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Die Gastronomie stellt saisonalbedingt derzeit wieder mehr Leute ein. Bild: Christian Beutler/Keystone (Bild: Christian Beutler/Keystone)

Die Gastronomie stellt saisonalbedingt derzeit wieder mehr Leute ein. Bild: Christian Beutler/Keystone (Bild: Christian Beutler/Keystone)

Stephan Santschi

stephan.santschi@luzernerzeitung.ch

2015 hat der Kanton Luzern den letzten Riesco-Lehrgang finanziert, dann wurde die Zusammenarbeit sistiert. Seither hat sich die Initiantin, das Berufsbildungszentrum Hotel & Gastro formation Schweiz in Weggis, zweimal schriftlich an die Regierung gewandt, um über die definitive Zukunft informiert zu werden. «Eine offizielle Antwort haben wir bis heute nicht erhalten», sagt der Projektverantwortliche Heinz Gerig. Speditiver zeigte sich das Gesundheits- und Sozialdepartement im Briefwechsel auf politischem Parkett. Drei Monate nach einer Anfrage von FDP-Kantonsrätin Rosy Schmid kam das Retourschreiben. Die Kernaussage: Riesco ist zu teuer, der Kanton richtet sein Augenmerk fortan auf ein eigenes Konzept.

Das Pilotprojekt von Riesco (italienisch für: ich schaffe etwas) wurde 2006 im Auftrag des Staatssekretariats für Migration lanciert. Statt unbeschäftigt auf die Arbeitsbewilligung zu warten, sollten Flüchtlinge in einer Basisausbildung auf den Einstieg in den Schweizer Arbeitsmarkt vorbereitet werden. Hotel & Gastro formation Schweiz schuf daraufhin für Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommene einen 227 Tage dauernden Ausbildungslehrgang mit theoretischem und praktischem Unterricht. Mit Erfolg, wie Gerig betont: «Jedes Jahr waren wir mit durchschnittlich 15 Personen ausgebucht. Im Anschluss konnten wir 80 bis 85 Prozent von ihnen weitervermitteln.» Als der Kanton Luzern die Zusammenarbeit beendete, waren Überraschung und Enttäuschung gross.

Teurer als in der Logistik

Immerhin ist nun schwarz auf weiss ersichtlich, woran es liegt: am Geld. Im Regierungsschreiben an Kantonsrätin Rosy Schmid heisst es: «Die finanziellen Mittel für die Integration sind sehr knapp, sie müssen dort eingesetzt werden, wo sie die grösste Wirkung erzielen.» Pro Teilnehmer kostet der Riesco-Lehrgang 26 000 Franken – das sei im Vergleich mit anderen Qualifikationskursen wie etwa in der Logistik mit 7700 Franken viel zu teuer. Für Gerig ist diese Argumentation nicht nachvollziehbar: «Wenn die Flüchtlinge unbeschäftigt bleiben, kosten sie den Kanton genauso viel.» Max Züst, der Direktor von Hotel & Gastro formation Schweiz, betont derweil, dass nachhaltige Bildung Zeit brauche. «Bildung ist eine Investition, auch in Verbindung mit Flüchtlingen. Wer das nicht so sieht, für den sind die Kosten immer zu hoch. Wir sind definitiv gegen Schnellbleichen.» Irritierend sei auch die Bemerkung des Regierungsrats, dass ein Drittel der 43 Absolventen noch immer von wirtschaftlicher Sozialhilfe abhängig sei: Zwar könne man nicht prüfen, wie viele Absolventen heute tatsächlich arbeitstätig seien. «Nach meiner Rechnung müssten im Kanton Luzern aber rund 120 bis 130 Personen Riesco gemacht haben.»

«Kanton bleibt den Beweis schuldig»

Rosy Schmid vermisst in der Stellungnahme des Regierungsrats ein klares Gesamtbild. «Der Kanton bleibt in der Antwort den Beweis schuldig, dass er kostengünstiger ist. Es steht eher fest, dass er im Bereich Pflege einige hunderttausend Franken in den Sand gesetzt hat», sagt Schmid. Sie spricht damit wohl den Lehrgang «Perspektive Pflege» an, der nach zwei Jahren wieder eingestellt wurde (Ausgabe vom 4. Juli).

In seinen Ausführungen teilt der Regierungsrat mit, dass man nicht mehr die Vorbereitung von Ungelernten auf den direkten Einstieg in den Arbeitsmarkt fördern, sondern sie im Rahmen von sogenannten Perspektivkursen auf den Beginn einer beruflichen Grundbildung vorbereiten wolle. Der Perspektivkurs Pflege musste zwar mangels Lehrstellen eingestellt werden, beim Bau sei man aber auf Kurs: «Die Kosten liegen im vergleichbaren Bereich. Im Unterschied zu Riesco sind sie jedoch eine nachhaltige Investition.» Für den Projektverantwortlichen Gerig eine völlig unverständliche Sicht der Dinge: «Wer behauptet, wir würden nicht nachhaltig arbeiten, weiss nicht, was wir tun.» Seit über 90 Jahren macht Hotel & Gastro formation Schweiz Aus- und Weiterbildung in Hotellerie und Gastronomie, seit 25 Jahren bietet es Arbeitsmarktintegrationsprogramme an.

Im Februar konnte Riesco gar Integrations- und Bildungsspezialisten der EU in Brüssel präsentiert werden. Der Lehrgang bereite die Flüchtlinge auf den Arbeitsmarkt und damit auch auf eine spätere Lehre vor. «Das grosse Problem, um an einen Ausbildungsplatz zu kommen, ist doch die Sprache. Wer in der Gastronomie arbeitet, muss sein Deutsch brauchen. Das nützt ihm später bei der Suche nach einer Lehrstelle.» Die Kantone Zürich, Basel und Wallis wüssten dies zu schätzen, dort laufen derzeit verschiedene Riesco-Programme, auch in anderen Branchen. Rosy Schmid wird jedenfalls nicht lockerlassen, sie möchte vom Kanton konkretere Informationen. «Dann prüfen wir, ob sich ein Postulat lohnen könnte.»