INTENDANT: Benedikt von Peter: «Ich mache Gefühlstheater»

Opernregisseur Benedikt von Peter leitet ab 2016 das Luzerner Theater: Und sagt, wie er den Drei­spartenbetrieb weiterführen und öffnen will – auch hin zur freien Szene.

Urs Mattenberger
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Generationenwechsel: Ab Sommer 2016 leitet Benedikt von Peter (37) das Luzerner Theater. (Bild Eveline Beerkircher)

Generationenwechsel: Ab Sommer 2016 leitet Benedikt von Peter (37) das Luzerner Theater. (Bild Eveline Beerkircher)

Benedikt von Peter wurde vom Stiftungsrat des Luzerner Theaters einstimmig zum neuen Intendanten gewählt, wie Stiftungspräsident Kurt W. Meyer gestern den Medien erklärte. Er war einer von drei «viel versprechenden Theaterleuten», die die Findungskommission zusätzlich zu den 80 eingegangenen Bewerbungen berufen hatte. Den Ausschlag gaben von Peters Ruf als innovativer Regisseur sowie seine Erfahrungen in der Theaterleitung und mit der freien Szene. Er wird den Betrieb weiterführen, aber auch den Strukturwandel mit Blick auf das Theaterwerk Luzern im geplanten neuen Haus in Luzern führen.

 

Benedikt von Peter, ob in Luzern ein neues Theater gebaut wird, ist ungewiss. Was reizte Sie als gefragter Opernregisseur dennoch, das kleine Haus an der Reuss zu übernehmen?

Benedikt von Peter: In den letzten zehn Jahren wurde ich als Regisseur ziemlich gehypt und zwischen grossen Häusern herumgereicht. Dabei merkte ich, dass ich unter den Bedingungen solcher Grossbetriebe meine Arbeit nicht so machen kann, wie ich das gerne möchte – nämlich im Teamwork und im direkten Kontakt mit den beteiligten Menschen. Das war der Grund, weshalb ich die Leitung der Opernsparte im Theater in Bremen übernahm, das nicht viel grösser ist als jenes von Luzern. Ich merkte, wie sehr ein überschaubarer Dreispartenbetrieb meiner Arbeit entgegenkommt. Das als Intendant in Luzern weiterzuführen, ist für mich aber schon auch spannend mit Blick auf ein neues Theatermodell in einem neuen Haus.

Aber das auch akustisch enge Luzerner Theater gilt unter anderem wegen fehlender Nebenräume als Auslaufmodell.

von Peter: Natürlich wird da gegenwärtig alles bis auf den letzten i-Punkt ausgereizt. Dass das eine Belastung ist, war und ist mir bewusst. Aber dass es dennoch funktioniert, zeigt, wie toll hier der Betrieb organisiert ist, weil eben die Menschen ganz nah miteinander in Kontakt sind. Ich staunte, dass ich bei meinem Rundgang jedem persönlich die Hand schütteln konnte! Zudem liebe ich es, in kleinen Räumen zu arbeiten, weil man in ihnen neue Möglichkeiten schaffen kann, wie sich Zuschauer und Ausführende begegnen.

Für ihre unkonventionelle Art, Opern zu inszenieren, prägte ein Kritiker den Begriff eines «radikalen Postregietheaters». Welche Art von Theater bringen Sie nach Luzern?

von Peter: Meine Arbeit hat sicher nichts mit verkopftem Regietheater zu tun. Eine Oper in der Deutschen Bank spielen zu lassen oder die Bühne mit popkulturellen Zitaten zu verrätseln – solche Konzepte sind für Regisseure meiner Generation bereits passé. Die Art von Theater, die ich anstrebe, würde ich als Erzähl- oder Gefühlstheater bezeichnen. Meine Arbeiten sind viel stärker und direkter gefühlsbezogen, als man das wohl von Theater oder Oper erwartet. Und ich versuche, diese Direktheit herzustellen, indem ich Räume und Architektur stark einbeziehe und die Zuschauer stärker ins Geschehen einbinde.

Können Sie ein Beispiel nennen?

von Peter: Kurt Weills «Mahagony» spielten wir im ganzen Haus und in Aussenräumen mitten unter dem Publikum – und übertrugen das Geschehen über Videos ins Theater. In einer szenischen Aufführung von Mahlers dritter Sinfonie schob sich eine Plattform in den Publikumsraum hinein – eine Art Wagner-Szenarium, in dem die Zuschauer selber unterwegs waren und über Fenster Einblick in eine Welt hatten, deren Endzeit Mahler hier thematisiert. Kleinere Räume eignen sich zwar nicht für Netrebko und Co., was mich ohnehin nicht interessiert, aber die Nähe, die sie ermöglichen, ist ideal für solche szenischen Begegnungen.

Als Kandidat mussten Sie einen Spielplan für 2016/17 präsentieren. Können Sie diesen skizzieren?

von Peter: Nein, dafür ist noch zu vieles ungewiss und im Fluss. Aber er wird sich, was die Struktur und die Zahl der Premieren anbelangt, eng am heutigen Modell orientieren, das ja bestens funktioniert. Und er wird einige Elemente haben, die zeigen, in welche Richtung im skizzierten Sinn eine Öffnung stattfinden wird, die ich offensiv betreiben möchte.

Im Hinblick auf das Theaterwerk Luzern stehen auch das Ensemble-Prinzip und die Aufhebung einer Sparte zur Debatte. Wie stehen Sie dazu?

von Peter: Ich werde mich mit allen Kräften für die Erhaltung der drei Sparten einsetzen: Mit den Mischformen, die das erlaubt, ist das Dreispartenhaus bis heute das innovativste Theatermodell. Dasselbe gilt für das Ensemble-Prinzip: Meine Erfahrungen als freier Regisseur wie jetzt als Opernleiter in Bremen zeigen: Das ermöglicht insbesondere in der Oper mehr Herz und mehr Inhalt und ist auch finanziell am günstigsten.

Und wenn eine Sparte gestrichen werden müsste, um Geld an die freie Szene umzuverteilen, die näher ins Theater eingebunden werden soll?

von Peter: Ich komme selber aus der freien Szene, und in Bremen machten wir viele gemeinsame Projekte etwa mit «Artists in residence». Für mich ist deshalb selbstverständlich, dass die freie Szene und das Theater zusammenarbeiten. In Gesprächen werde ich erstmals feststellen müssen, welche Bedürfnisse überhaupt vorhanden sind. Aber für mich ist auch klar, dass das Theater der Hauptakteur bleibt. Geldumverteilungen dürfen nicht als Sparübung daherkommen, denen einfach eine Sparte zum Opfer fällt. Das Spannende ist ja, dass man genau in dieser Hinsicht neue Formen suchen muss. Auch das war ein Grund, weshalb ich für Luzern zugesagt habe.

Nach dem Publikumsschwund unter Barbara Mundel hat Dominique Mentha die Zuschauerzahlen aufgefangen auch mit einem Bekenntnis zur Unterhaltung, wie sie Operetten bieten. Führen Sie auch das weiter?

von Peter: Klar, zu einem ausgewogenen Spielplan gehört das unbedingt dazu. Ich selber mag Operette, vor allem wenn sie möglichst direkt und ungekünstelt zur Sache geht. Aber Unterhaltung würde ich doch nicht darauf einengen. Unterhaltend ist alles, was nicht langweilt, sei es, dass man emotional berührt oder zum Nachdenken verführt wird. In diesem Sinn muss Theater immer Unterhaltung sein.