INTERNET: Kanton Luzern schränkt Schulnetz rigoros ein

Nur einen Tag nach der «Webgate»- Debatte im Parlament sperrte der Kanton Luzern Webseiten, die Schüler im Unterricht brauchen. Das Bildungsdepartement räumt Fehler ein.

Alexander von Däniken
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Im Netzwerk der kantonalen Schulen ist der Zugriff auf mehrere Seiten gesperrt worden. (Symbolbild Philipp Schmidli)

Im Netzwerk der kantonalen Schulen ist der Zugriff auf mehrere Seiten gesperrt worden. (Symbolbild Philipp Schmidli)

Alexander von Däniken

Die Debatte vor einer Woche im Luzerner Kantonsrat war heftig: Von links bis rechts erntete die Regierung Kritik über die Vorkommnisse rund um das Internetverhalten der Kantonsangestellten (wir berichteten). Die «Chropfleerete» der Politik hatte dabei auch unmittelbare Folgen. Am Mittwoch – nur einen Tag nach der Debatte – hat das Bildungs- und Kulturdepartement von Regierungspräsident Reto Wyss (CVP) im Netzwerk der kantonalen Schulen den Zugriff auf mehrere Seiten gesperrt, wie jetzt zuverlässige Quellen aus dem Umfeld der kantonalen Schulen berichten. Dabei handelt es sich aber nicht um Pornoseiten, sondern um Portale wie die Versteigerungsplattform ricardo.ch oder das Immobilienportal immoscout.ch.

Praxisbezug übers Internet

Einigen mag sich der Sinn nicht erschliessen, warum Schüler im Unterricht auf solche Seiten zugreifen müssen. Doch heutzutage ist das Internet längst zu einem wichtigen Teil des Unterrichts geworden. Wie Fachlehrer gegenüber unserer Zeitung bestätigen, lässt sich zum Beispiel im Wirtschaftsunterricht auf immoscout.ch praxisnah aufzeigen, wo welche Immobilien besonders gefragt und deshalb teurer sind als andernorts.

Und nicht nur im Kanton Luzern gibt das Portal autoricardo.ch angehenden Automobilfachleuten einen Einblick in Wertverluste und -gewinne von Fahrzeugen. Auf ricardo.ch schliesslich können Schüler erfahren, was es mit der Preisbildung auf sich hat, wenn sie unter Anleitung einer Lehrperson eigene Gegenstände ins Portal stellen.

Unterricht auf den Kopf gestellt

Solche praktische Anschauungsbeispiele waren aber letzten Mittwoch plötzlich nicht mehr möglich. Besonders pikant: Von der rigorosen Einschränkung wussten die Lehrer nichts. «Am Mittwochmorgen um acht Uhr konnte ich für die Unterrichtsvorbereitung noch auf die Portale zugreifen», erklärt ein betroffener Lehrer. «Um zehn Uhr im Unterricht funktionierte plötzlich nichts mehr.» Der Lehrer vergleicht den Eingriff mit einer fiktiven Massnahme aus einem anderen Gebiet: «Stellen wir uns vor, auf der Seebrücke ereignet sich ein Unfall und der Kantonsrat verbietet den Privatverkehr in der Stadt. Grausam – genau wie das Abstellen wertvoller Internetseiten.» Darüber hinaus gehe es nicht nur um Lerninhalte, sondern um den Umgang mit dem Internet selbst. In Zeiten, wo Schüler mit Flatrate-Abos jederzeit und überall via Handy ins Internet können, müssten die Schulen noch stärker auf dieses Thema eingehen.

Lehrer reklamieren beim Rektor

Nicht nur die Lehrer, auch die Rektorate wurden überrascht. Stefan Zurkirchen, stellvertretender Rektor des Berufsbildungszentrums Bau und Gewerbe, erklärt: «Ich habe am Mittwochmorgen vom Bildungs- und Kulturdepartement (BKD) nur eine E-Mail bekommen, wonach aufgrund der Debatte einzelne Seiten gesperrt würden. Welche es sein würden, stand aber nicht drin.» Das erfuhr Zurkirchen etwas später: «Mehr als ein Dutzend Lehrer haben sich bei mir gemeldet. Das war schon unangenehm.» Zurkirchen leitete die Meldungen ans BKD und die Dienststelle Informatik weiter. Seines Wissens seien die Internetfilter am Donnerstag wieder zurückgestellt worden.

Schulnetz nicht analysiert

In der Parlamentsdebatte hat Finanzdirektor Marcel Schwerzmann (parteilos) erklärt, dass das eigentliche Schulnetz nicht Teil der Analyse aus dem Jahr 2010 war. Durchleuchtet wurde vor allem die Internetnutzung der Kantonsangestellten. Die Dienststellen Personal und Informatik sind Schwerzmanns Finanzdirektion unterstellt.

Für die Schüler an den kantonalen Schulen steht hingegen ein eigenes Netzwerk zur Verfügung.

Zu viele Seiten gesperrt

Doch wer hat nun das Schulnetzwerk eingeschränkt? Und weshalb? Hans-Peter Heini, Departementssekretär des BKD, erklärt auf Anfrage: «Ich habe die Anweisung zur Verschärfung der Filtereinstellung erteilt. Und zwar aufgrund der Debatte vom Dienstag.» Technisch werden solche Massnahmen über Kategorien vorgenommen, wie Heini ausführt: «Leider war srf.ch in der Kategorie Entertainment und nicht unter TV-Stationen. Da ist ein Fehler passiert.» Aufgrund der Rückmeldungen habe man aber innerhalb von 24 Stunden reagiert – und Seiten wie srf.ch, immoscout.ch oder ricardo.ch auf sogenannte «White Lists» gestellt. «Damit waren die Seiten wieder zugänglich.»

Filter besteht bereits seit Jahren

Die Schulleitungen und jeweiligen Informatikverantwortlichen seien drei Mal per E-Mail informiert worden. «Wegen der Kategorien war es aber nicht möglich, vorgängig detailliert Auskunft über einzelne Seiten geben zu können.» Dass Heini so schnell nach der Debatte reagiert hat, will er auf Nachfrage nicht als Aktivismus verstanden haben. «Wir nehmen zum Schutz unserer Schülerinnen und Schüler regelmässig kleine Veränderungen der Filtereinstellungen vor, da sich im Internet die Inhalte rasch und raffiniert ändern können.» Grundsätzlich funktioniere der Filter schon seit zwölf Jahren. «Seit damals sind pornografische, extremistische und gewaltverherrlichende Seiten gesperrt.»