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INTERVIEW: Bildungsexperte zum Thema Hausaufgaben: «Chancengleichheit ist eine Utopie»

Kriens schafft ab dem nächsten Schuljahr die Hausaufgaben ab. Diese seien wirkungslos und würden die Chancenungleichheit fördern. Dies sieht Germanist und Didaktiker Mario Andreotti anders.
Susanne Balli
Krienser Primarschüler erhalten ab nächstem Schuljahr keine klassischen Hausaufgaben mehr. (Bild: Pius Amrein (Schwyz, 20. Oktober 2016))

Krienser Primarschüler erhalten ab nächstem Schuljahr keine klassischen Hausaufgaben mehr. (Bild: Pius Amrein (Schwyz, 20. Oktober 2016))

Interview: Susanne Balli

susanne.balli@luzernerzeitung.ch

Als wohl erste Gemeinde der Zentralschweiz streicht die Volksschule Kriens ab dem nächsten Schuljahr die klassischen Hausaufgaben in der Primarschule. Stattdessen werden innerhalb des regulären Unterrichts sogenannte Lernzeiten eingeführt, wo die Kinder die Möglichkeit haben, selbstständig Aufgaben zu lösen (wir berichteten). Mario Andreotti* (70), Germanist, Historiker, Didaktiker und Dozent, sagt, was er davon hält.

Mario Andreotti, haben Sie als Schüler gerne Hausaufgaben gemacht?

Sie werden staunen, aber ich habe diese ganz gerne gemacht. Obwohl zu meiner Zeit bereits in der Primarschule die Hausaufgaben wesentlich umfangreicher waren als heute. Man machte sie einfach, weil man nichts anderes kannte. Und die Eltern standen auch dahinter.

Welchen pädagogischen Wert haben Hausaufgaben?

Durch das Erteilen und Erledigen von Hausaufgaben werden verschiedene grundlegende Haltungen geschult. Schulung von Selbstdisziplin, Pflichtbewusstsein, Durchhaltevermögen, Zeitmanagement, selbstständiges Arbeiten, Fähigkeit, Probleme selbstständig zu lösen: Alles Qualitäten, die später in Ausbildung und Beruf gerade im digitalen Zeitalter sehr wichtig sind.

Seit wann erteilen Schulen Hausaufgaben?

Bereits im 15. Jahrhundert, mit der Entstehung der ersten öffentlichen Schulen, werden Hausaufgaben in den Schulordnungen erwähnt. Im 18. Jahrhundert gelten sie weitgehend als selbstverständlicher Teil des Unterrichts. Mit der obligatorischen Schulpflicht finden sie Ende des 19. Jahrhunderts Eingang in die kantonalen Schulgesetzgebungen.

Höchste Zeit also, den alten Zopf abzuschneiden?

«Altes» ist nicht per se schlecht, nur weil es in die Jahre gekommen, zur Tradition geworden ist.

Die Volksschule Kriens macht genau das. Sie streicht die Hausaufgaben und führt sogenannte Lernzeiten innerhalb des regulären Unterrichts ein. Kann das funktionieren?

Was die Volksschule Kriens plant, haben einige Schulen bereits umgesetzt. Statt Hausaufgaben gibt es spezielle Schulstunden, in denen Übungsaufgaben aus allen Fächern erledigt werden können. Das hat zugegebenermassen den Vorteil, dass vor allem schwächere Schüler bei Schwierigkeiten die Unterstützung der Lehrperson in Anspruch nehmen können. Das hat aber auch einen nicht zu unterschätzenden Nachteil: Diese «Lernzeiten» finden ja während des regulären Unterrichts statt, sodass für die eigentliche Vermittlung des Stoffes wesentlich weniger Zeit zur Verfügung steht. Entweder wird Lehrstoff abgebaut oder die Lehrperson geht im Stoff schneller vorwärts. Beides mindert den Lernerfolg.

Aber diverse Studien zeigen auf, dass Hausaufgaben kaum eine positive Wirkung zeigen.

Die Gegner von Hausaufgaben sagen, gute Schüler hätten diese nicht nötig, und schwache Schüler würden durch Hausaufgaben demotiviert. Dies ist offenbar das Ergebnis von Studien. Eine Studie der Technischen Universität Dresden soll gezeigt haben, dass Hausaufgaben keinen nachweisbaren Einfluss auf die Schulnoten haben. Ich will diesen Studien nicht von vornherein mangelnde Seriosität unterstellen. Aber es lässt sich mit Fug und Recht fragen, in welchem Auftrag diese jeweils verfasst werden.

Sie stellen also die Unabhängigkeit der Studien in Frage?

Richtig. Es gibt nämlich andere Studien, die genau das Gegenteil sagen.

Aber Tatsache ist doch, Hausaufgaben mindern die Chancengleichheit, weil ein Teil der Kinder Unterstützung erhält und der andere nicht.

Seien wir ehrlich: Absolute Chancengleichheit in der Schule ist eine Utopie. Lehrkräfte weisen zu Recht immer wieder darauf hin, dass die Schüler ihre Hausaufgaben grundsätzlich ohne Hilfe machen sollen. Die Eltern sollen dem Kind helfend zur Seite stehen, wenn es darum bittet, aber auf keinen Fall die Probleme für das Kind lösen. Hausaufgaben sind primär eine Angelegenheit zwischen der Lehrperson und dem Kind – und nicht zwischen dem Kind und seinen Eltern.

Möglicherweise funktionieren Hausaufgaben im heutigen integrativen System, wo leistungsstarke und -schwache Schüler in einer Klasse sind, nicht mehr.

Das ist vor allem angesichts unserer heutigen multikulturellen Gesellschaft tatsächlich ein gewisses Problem. Trotzdem kann man Hausaufgaben nicht einfach weglassen. Man kann aber Lehrpersonen auch nicht zumuten, jedem Kind individuelle Aufgaben zu geben. Darum sollte der Grundsatz gelten: Alle Schüler, ob leistungsstark oder -schwach, sollten gleich viel Zeit für ihre Aufgaben aufwenden. Dies kann durch ein Aufgabenangebot mit einem fixen Zeitlimit oder durch ein Wahlangebot erreicht werden, bei dem die Schüler selber bestimmen, welche Aufgaben sie lösen wollen und können und welche nicht. Die Aufgaben können zudem einen unterschiedlichen Schwierigkeitsgrad haben.

Aber es gibt auch sinnlose Hausaufgaben.

Hausaufgaben müssen sinnvoll sein; sonst schaffen wir sie in der Tat lieber ab. Reine Übungsaufgaben sind, abgesehen von den Fremdsprachefächern, eher zu vermeiden. Vorbereitende Aufgaben mit einem Bezug zur Lebenswelt des Schülers sind vorzuziehen. Und wichtig ist: Hausaufgaben sollen nicht einfach nur korrigiert zurückgegeben werden, sondern im Unterricht aufgegriffen und weiterverwendet werden. Erst dann tragen sie wirklich zum Lernprozess bei.

Und wie viele Hausaufgaben sind angemessen?

Es gibt dazu eine Faustregel: pro Schuljahr mal 10 Minuten. Das bedeutet für ein Kind in der 2. Klasse 20 Minuten, für ein solches in der 5. Klasse 50 Minuten Hausaufgaben pro Tag.

Ein Teil der Eltern sagt, dass Hausaufgaben für Familien Stress bedeutet. Viele Eltern finden es aber auch schlecht, wenn Hausaufgaben abgeschafft werden. Wie erklären Sie diese Diskrepanz?

Einerseits müssen Konflikte um Hausaufgaben oft für andere Familienkonflikte herhalten. Andererseits befürworten gerade Eltern Hausaufgaben, wie das Beispiel von Schwyz gezeigt hat, wo vor allem die Eltern 1997 die Wiedereinführung der Hausaufgaben forderten, nachdem man sie nur vier Jahre zuvor abgeschafft hatte. Die Eltern sind viel weniger hausaufgabenkritisch als erwartet. Sie befürworten Hausaufgaben auch als eine Art Kontrollinstrument, um zu wissen, wo ihr Kind steht.

Sie haben in unserer Zeitung kürzlich Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes zitiert, die Abschaffung von Hausaufgaben sei «ein Griff in die Klamottenkiste der Kuschelpädagogik».

Es geht mir in keiner Weise darum, einen Generalverdacht gegen Lehrer zu initiieren. Aber ihr ewiges Jammern über die angeblich so gestressten Schüler ärgert mich etwas. Wenn sich Schüler heute gestresster fühlen als zu meiner Zeit, dann hängt das nicht primär mit der Schule zusammen, sondern mit dem Riesenangebot an Freizeitbeschäftigungen, das ihnen zur Verfügung steht. Dazu müssen sie erst noch den ganzen Tag online sein. Dieser Stress wird dann einfach der Schule in die Schuhe geschoben. Also soll die Schule zur «Wohlfühloase» werden, sollen vor allem Hausaufgaben, die zugegebenermassen manchmal anstrengend sind, abgeschafft werden. Aber die Erfahrung zeigt: Wo Schüler schulisch versagen, da versagen sie häufig deshalb, weil sie viel zu viel anderes am Hals haben.

Wird es in 20 Jahren noch Hausaufgaben geben?

Es wird zwar zunehmend Schulen geben, die Hausaufgaben abschaffen. Aber ich bin sicher, dass einige der Schulen sie wieder einführen werden. Denn die allermeisten Fächer kommen ohne sie nicht aus, weil für das Einüben und die Vertiefung eines neuen Lernstoffes die reguläre Unterrichtszeit nicht ausreicht. Man denke etwa an das Auswendiglernen von Vokabeln im Fremdsprachenunterricht. Ja, unsere Schüler werden auch in 20 Jahren noch Hausaufgaben machen und von deren Lerneffekt profitieren.

Hinweis

*Mario Andreotti studierte Germanistik, Geschichte und Didaktik des höheren Lehramtes in Zürich. 1977 erwarb er das Diplom für das Höhere Lehramt an Gymnasien. Er war unter anderem bis 2012 Hauptlehrer an der Kantonsschule am Burggraben in St. Gallen und ist seit 1999 Lehrbeauftragter für Sprach- und Literaturwissenschaft an der Universität St. Gallen. Daneben ist er Buchautor.

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