Interview
Expertin zum Pop-up-Phänomen: «In so unsicheren Zeiten will so gut wie niemand einen zwanzigjährigen Mietvertrag»

Sind Pop-up-Stores nur ein kurzfristiger Hype oder ein nachhaltiger Trend? Wir haben mit der Ökonomin Tiziana Hunziker von Credit Suisse über Vor- und Nachteile der flexiblen Verkaufsflächen gesprochen.

Simon Mathis
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Tiziana Hunziker, Ökonomin bei Credit Suisse.

Tiziana Hunziker, Ökonomin bei Credit Suisse.

Bild: PD

Vor Corona stieg das Interesse an Pop-up-Stores kontinuierlich. Hat die Pandemie etwas daran geändert?

Tiziana Hunziker: Nein. Suchbegriffanfragen zeigen deutlich, dass sich das Interesse an Pop-ups im Jahre 2020 sogar noch verstärkt hat. Auch die Pop-up-Neuausschreibungen von Vermietern wächst. Das ist kein Wunder: In so unsicheren Zeiten will so gut wie niemand einen zwanzigjährigen Mietvertrag aushandeln. Das Bedürfnis nach flexiblen Verkaufsflächen wird immer grösser. Allerdings können die angestiegenen Neuausschreibungen auch damit zusammenhängen, dass vorherige Mieter der Coronakrise zum Opfer gefallen sind.

Bekanntlich hat Corona den Unternehmergeist in der Schweiz angekurbelt – 2020 wurden viele Firmen gegründet. Hat das auch damit zu tun?

Es kann damit zusammenhängen. Wir wissen, dass 2020 in Luzern 17 Prozent mehr Detailhändler gegründet wurden als im Vorjahr (siehe Grafik). Leider ist diese Zahl nicht weiter ausdifferenziert. Es ist also unklar, ob es sich hier um klassische Retailer oder um Onlinehändler handelt. So oder so: Für Start-ups sind solche Pop-up-Flächen natürlich ideal, da sie kostengünstiger und niederschwelliger sind.

Richten sich Pop-ups also ausschliesslich an Start-ups?

Nicht nur. Sie sind auch für etablierte Unternehmen interessant. Sie können dort neue Konzepte ausprobieren, ohne allzu viel zu riskieren. Wenn die Idee in der Praxis überzeugt, kann das später auch zu einem längerfristigen Mietvertrag führen.

In der Luzerner Altstadt stehen einige Ladenlokale leer.Im Bild: Ladenlokal an der Rössligasse.

In der Luzerner Altstadt stehen einige Ladenlokale leer.
Im Bild: Ladenlokal an der Rössligasse.

Bild: Boris Bürgisser (Luzern, 2. März 2021)

Pop-ups sind also keine Notlösung mehr, sondern ein bewusstes Konzept.

Genau. Das trifft vor allem auf Einkaufszentren zu, die ihr Angebot aktiv kuratieren. Da sind Pop-ups ein ausgezeichneter Weg, den Kunden neben den etablierten Namen Abwechslung zu bieten. Ausserhalb von Einkaufszentren ist das anders, dort ist für die Vermieter der Branchenmix oftmals weniger bedeutend als Sicherheit und Zahlungsbereitschaft.

Für «klassische» Vermieter bringen Pop-ups auch viele Nachteile mit sich.

Ein kurzfristiger Vertrag ist für Vermieter immer noch besser als Leerstand. Trotzdem ist der Mietertrag bei Pop-ups meist etwas geringer als bei herkömmlichen Mietverträgen. Hinzu kommt, dass Pop-up-Mieter, anders als grosse Geschäfte, oftmals eine gewisse Grundausstattung erwarten. Die Kosten sind also tendenziell höher.

Sind Pop-up-Stores ein Allheilmittel gegen das Lädelisterben?

Definitiv nicht. Pop-ups ergeben dort Sinn, wo bereits ein hohes Kundenaufkommen ist. Es sind die namhaften Retailer, welche die Leute anlocken. Dass Leute wegen einem spezifischen Pop-up irgendwo hinfahren, ist eher unwahrscheinlich.