INWIL: Inwiler ging in «Titanic» unter

Vor mehr als hundert Jahren machte ein Inwiler als Confiseur in Europa eine beachtliche Karriere. Bis er auf dem Luxusdampfer «Titanic» anheuerte.

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Adolf Mattmann wuchs im Wohnhaus hinter der «Wejnhandlung» (Ansicht aus dem Jahre 1905, Bildmitte) in Inwil auf. (Bild Sammlung Heiri Hüsler)

Adolf Mattmann wuchs im Wohnhaus hinter der «Wejnhandlung» (Ansicht aus dem Jahre 1905, Bildmitte) in Inwil auf. (Bild Sammlung Heiri Hüsler)

Heute sind die Riegel des Mattmann-Hauses wieder sichtbar. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)

Heute sind die Riegel des Mattmann-Hauses wieder sichtbar. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)

Es musste eine unerträgliche Zeit für die Weinhändlerfamilie Mattmann gewesen sein. In der zweiten April-Hälfte des Jahres 1912 schwankten die Eltern und der Bruder von Adolf Mattmann zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Denn die Nachricht über den Untergang des Luxusdampfers «Titanic» hatte drei Tage nach der Eisberg-Havarie vom 14. April auch Inwil erreicht. Das «Luzerner Tagblatt» berichtete gross darüber.
Was in Inwil schon darum für grosses Aufsehen sorgte, weil der 21-jährige Adolf Mattmann aus Inwil als «Ice Man» Glace-Desserts in der ersten Klasse des Luxusliners zubereitete. «Er war ein Star im Dorf. Der Konditor arbeitete bei renommierten Schiffslinien, hatte es in jungen Jahren schon sehr weit gebracht», sagt Heiri Hüsler (70), Autor des Mitte Mai erschienenen, sehr lesenswerten Buchs «Inwil – Geschichte und Geschichten»*.

Adolf Mattmann (Bild Sammlung Heiri Hüsler)

Adolf Mattmann (Bild Sammlung Heiri Hüsler)

Vor allem die Seeleute überlebten

Die Nachrichten über den Schiffsuntergang waren anfänglich widersprüchlich: In den im «Tagblatt» abgedruckten Funkdepeschen hiess es mal, nur Frauen und Kinder seien gerettet worden. Dann war ein paar Zeilen weiter zu lesen, der Riesendampfer habe alle Passagiere wohlbehalten nach Halifax gebracht. Mal kam über andere Schiffe die Nachricht, alle «Titanic»-Passagiere seien gerettet. Doch mit jedem Tag machten die Neuigkeiten das Ausmass der Schiffskatastrophe deutlicher.

Ende April hatten die Mattmanns die traurige Gewissheit, dass ihr Sohn und Bruder Adolf unter den 693 Besatzungsmitgliedern war, die den «Titanic»-Untergang nicht überlebten. Die Reederei White Star Line hatte es ihnen schriftlich mitgeteilt. «Von der Besatzung überlebt hatten vor allem Seeleute, welche die Rettungsboote besetzten. Adolf Mattmann hatte wohl keine Chance, dem nassen Grab zu entfliehen», schreibt Hüsler.

Am 30. April 1012 fand in der Dorfkirche der Trauergottesdienst statt. Die Familie Mattmann verkaufte ein paar Jahre später die Weinhandlung und übernahm das Wirtshaus Engelburg an der Fluhmattstrasse in Luzern. Dort, wo heute das «Casa Tolone» steht.

Ganz von der Bildfläche verschwunden ist der Name des talentierten Confiseurs freilich nicht. Im Gasthof Tell in Gisikon stösst man beim Mattmann-Stammbaum im Säli auf seinen Namen. Er ist mit dem Text versehen: «Adolf, 1891, Konditor, am 15. April 1912 mit dem Dampfer Titanic untergegangen».

Mattmanns Haus steht noch

Aufgewachsen ist Adolf Mattmann im Haus, das auf dem historischen Bild hinter dem lang gezogenen Gebäude mit der Aufschrift «Wejnhandlung» teilweise erkennbar ist. Es handelt sich um das heutige Riegelhaus an der Hauptstrasse 27, die Fassade war vor hundert Jahren verputzt. Es ist heute noch ein Wohnhaus.

Adolfs Vater Kandid führte vor hundert Jahren das Weingeschäft. Dessen Bruder Burkard wirtete in vierter Generation in der «Sonne», der damaligen Hochburg der «Roten» (Katholisch -Konservative, Vorläufer der CVP). Ihre parteipolitischen Widersacher, die «Schwarzen» (Liberale, heute FDP) trafen sich während der Luzerner Kulturkampf-Atmosphäre im «Kreuz». «Mein Vater war Bäcker und parteipolitisch neutral. Er achtete darauf, beide Wirtschaften gleichmässig zu besuchen», sagt Buchautor Heiri Hüsler.

Autor mit Schiffserfahrung

Die alte, längliche Weinhandlung wurde in den 1970er-Jahren abgerissen. Vor zwölf Jahren kaufte die Gemeinde die frühere «Sonne» und richtete dort die Kanzlei ein.

Obwohl Hüsler nach seiner Jugend Inwil verliess, hinterliess das Schicksal Adolf Mattmanns einen tiefen Eindruck bei ihm. Denn er erlebte in jungen Jahren selber einen Schiffsuntergang mit, als er als Schiffsjunge auf einem Tankschiff arbeitete, das innert «weniger Sekunden» in Basel im Rhein sank. «Es geschah in einem Oktober, glücklicherweise fischte mich die Wasserpolizei nach kurzer Zeit aus dem Rhein. Es war ein schlimmes Erlebnis», so Hüsler. Die Retter scheinen es ihm angetan zu haben. Denn er arbeitete danach fast vierzig Jahre lang bei der Luzerner Stadtpolizei.

Hinweis
* «Inwil – Geschichte und Geschichten, erzählt von Heiri Hüsler», 28 Fr., erhältlich bei der Gemeindekanzlei Inwil, in der Bäckerei Hüsler und bestellbar unter der Mailadresse h.huesler@bluewin.ch

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