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ISLAM: Imam-Kontrolle ist schwierig

Dass ein Iraker in einer Krienser Moschee radikale Predigten halte, kann an schwachen Vereinsstrukturen liegen, erklärt ein Islam- Experte. Ausserdem fehlen Spielregeln für die Imame.
Blick in die Moschee der bosnischen Gemeinde in Emmenbrücke. Die Gemeinschaften oder Vereine sind nicht überall gleich gut organisiert, so der Islam-Experte Hansjörg Schmid. (Archivbild Pius Amrein)

Blick in die Moschee der bosnischen Gemeinde in Emmenbrücke. Die Gemeinschaften oder Vereine sind nicht überall gleich gut organisiert, so der Islam-Experte Hansjörg Schmid. (Archivbild Pius Amrein)

Was nach und nach an die Öffentlichkeit gelangt, überrascht die Behörden sowohl in Kriens wie auch in Nidwalden. Ein 34-jähriger Iraker, der in Hergiswil lebt, wird mit der Terrororganisation IS in Verbindung gebracht und soll in der Krienser Moschee Dar Assalam extremistische Predigten halten (Ausgaben von gestern und Montag). Wie das künftig zu verhindern ist, erklärt Hansjörg Schmid, Leiter des Schweizer Zentrums für Islam und Gesellschaft.

Hansjörg Schmid, ein irakischer Prediger hat gemäss der Bundesanwaltschaft in der Dar-Assalam-Moschee in Kriens extremistische, salafistische Reden gehalten. Überrascht Sie das?

Hansjörg Schmid*: Es überrascht mich teilweise. Einerseits sind die Moschee­vereine mittlerweile sehr sensibilisiert, was die Imame betrifft. Andererseits kann es noch immer vorkommen, dass gerade nicht fest angestellte Imame Predigten halten, deren Inhalt fragwürdig ist.

Wo liegt das Problem?

Schmid: Ich kenne weder die besagte Krienser Moschee noch den Fall um den in Frage stehenden Imam. Generell machen die bestehenden Strukturen eine Kontrolle auch für die Muslime nicht leicht. Die Dachverbände haben eher einen repräsentativen Charakter, während die lokalen Vereine, jeweils auf eine Ethnie ausgerichtet, sich selber organisieren.

Das klappt offenbar nicht immer.

Schmid: Es funktioniert bei vielen Moscheevereinen. Andere haben Mühe, genügend geeignete Vorstandspersonen und Imame zu finden.

Lässt sich das Funktionieren eines Vereins an einer Ethnie festmachen?

Schmid: Vor allem bosnische und türkische Vereine bringen aus den Herkunftsländern Erfahrungen mit zentralen Organisationen mit. Kürzlich war ich an einem Treffen mit rund 14 bosnischen Imamen: Der Austausch in dieser Gemeinschaft ist eng. Vor allem in der Westschweiz haben sich auch arabische Vereine gut etabliert. Das Schweizer Vereinswesen dient dabei oft als Vorbild. Und Vereine, die sich einen eigenen Imam leisten können, sind gegenüber kleineren Vereinen mit weniger Mitteln im Vorteil – unabhängig von der jeweiligen Ethnie. Es kommt darum vor, dass kleinere Vereine mit wenigen aktiven Ehrenamtlichen oft überfordert sind, etwa bei der Suche nach einem Imam.

Ist ein Imam eigentlich mit einem christlichen Pfarrer vergleichbar?

Schmid: Viele Aufgaben sind ähnlich: Ein Imam steht dem Gebet vor, predigt, unterrichtet und berät Gemeindemitglieder. Welche Ausbildung, welche Fähigkeiten und Ausrichtung er haben muss, dafür gibt es in der Schweiz aber keine Norm.

Der 34-jährige mutmasslich extremistische Prediger lebt seit Anfang 2007 als vorläufig Aufgenommener in Hergiswil (siehe Box). Hat er sich Ihrer Meinung nach hier radikalisiert?

Schmid: Das ist schwer zu sagen. Das müssen die Ermittlungen klären. Das Altersspektrum der Imame in der Schweiz ist sehr breit. Jugendliche und junge Erwachsene sind sicher anfälliger für eine Radikalisierung, weil sie noch stark auf der Suche nach Sinn sind. Eine Radikalisierung kann durch das Internet letztlich überall stattfinden.

Im Internet besonders aktiv ist der umstrittene Islamische Zentralrat (IZRS), der gerade in der Region Luzern viele Anhänger hat. Inwiefern fördert der Rat eine Radikalisierung?

Schmid: Der Zentralrat wird überschätzt. Er vertritt weit weniger Muslime in der Schweiz als unumstrittene Dachorganisationen, ist aber in den Medien sehr präsent. Während die Moscheevereine und die Dachorganisationen mit dem Staat und auch mit den Sicherheitsbehörden in den Dialog treten und kompromissbereit sind, geht der Zentralrat auf konfrontativen Kurs.

Wird der Behördendialog mit den Muslimen durch den IZRS gefährdet?

Schmid: Durch die hohe Präsenz des IZRS in den Medien wird der oft gute Dialog sicher nicht vereinfacht. Viele Muslime müssen sich in Diskussionen von einer Islam-Auslegungen abgrenzen, mit denen sie selbst nichts zu tun haben.

Allerdings sind längst nicht alle Moscheevereine an einem offenen Dialog interessiert. So hat auch der Krienser Moscheeverein Dar Assalam bisher nicht auf Medienanfragen reagiert. Woran liegt das?

Schmid: Es gibt Ängste, mit den Medien zu sprechen. Es wird oft befürchtet, falsch verstanden oder zitiert zu werden. Dessen sind sich die Vereine aber immer stärker bewusst. Sie wollen auf entsprechende Weiterbildungen setzen. Die Dachorganisation Fids zum Beispiel hat kürzlich zwei Mediensprecher engagiert.

Oft werden auch sprachliche Barrieren genannt.

Schmid: Das stimmt. Aber in vielen Moscheevereinen ist der Generationenwechsel schon längst im Gange. Es kommen vermehrt junge, gut ausgebildete und bestens integrierte Muslime in die Vorstände.

Reicht das, um das Problem der unkontrollierten Imame zu lösen?

Schmid: Die Verbände müssen sich sicher noch stärker engagieren. Es ist ja ihr eigenes Interesse, sich einen guten Ruf zu erarbeiten. Aber auch der Staat ist gefragt: Längerfristig kann eine öffentlich-rechtliche Anerkennung durch die Kantone mehr Transparenz in den muslimischen Vereinen schaffen. Dann könnten Sie auch Steuern erheben, mit denen sie eine qualitätsvolle Arbeit finanzieren könnten.

Alexander von Däniken

Radikaler Prediger fast neun Jahre in der Schweiz

Der 34-jährige I. A. (Name der Redaktion bekannt) ist einer von vier Männern, die sich Ende Februar vor dem Bundesstrafgericht in Bellinzona verantworten müssen. Die vier Männer sollen eine Schweizer «IS-Zelle» gebildet und einen Terror-Anschlag in der Schweiz geplant haben. I. A. hat gemäss Anklageschrift der Bundesanwaltschaft «eine Vielzahl von Reden» verfasst, «die den extremen Salafismus und den Islamischen Staat als Endziel propagierten, den Kampf gegen Andersdenkende und Ungläubige befürworteten und die westliche Gesellschaft degradierten». I. A. lebt seit Anfang 2007 in der Schweiz, wie Roger Dallago, Vorsteher des Nidwaldner Amts für Asyl und Flüchtlinge, auf Anfrage unserer Zeitung erklärt. Noch im selben Jahr habe der Iraker die vorläufige Aufnahme erhalten. Der Mann hat im Mai 2015 eine Einzelfirma gegründet, laut Handelsregister mit Zweck «PKW-Transporte innerhalb der Schweiz». Ob die Firma auch operativ tätig ist, bleibt offen. I. A. bezieht ein Taggeld von 10 Franken gemäss kantonalen Richtlinien (Ausgabe von gestern). Roger Dallago: «Nach zwölf Jahren geht die Zuständigkeit in Nidwalden auf die Wohngemeinde über.»

Nidwalden leitet Massnahmen ein

Dallago bestätigt die gestrige Aussage von Regierungsrätin Yvonne von Deschwanden, wonach I. A. sich stets an die Regeln gehalten hat: «Uns sind keinerlei Auffälligkeiten und Regelverstösse bekannt.» Aufgrund dieses Falls und steigender Asylzahlen habe das Amt für Asyl und Flüchtlinge bereits Massnahmen ergriffen, um die Asylsuchenden besser kontrollieren zu können. Welche das sind, könne derzeit nicht kommuniziert werden. Für weitere Details zu I. A. kann Dallago mit Verweis auf das Verfahren nichts sagen. Er hält aber fest, dass bei I. A. die Unschuldsvermutung gilt und dass auch seitens Behörden der Fall ungewöhnlich sei.

Vakuum wie an der Baselstrasse

Vom Verein Dar Assalam in Kriens, in dessen Moschee I. A. predigt, war auch gestern niemand erreichbar. Aus muslimischen Kreisen ist über den Moscheeverein ähnliches zu vernehmen wie über die Moschee an der Baselstrasse in Luzern vor über einem Jahr: Es bestehe ein Vakuum, Prediger würden kaum kontrolliert. Schon einmal stand ein Imam der Dar-Assalam-Moschee in der Kritik. Er soll 2009 die Schweizer in einer Predigt als «Affen» und «Ungläubige» bezeichnet haben. In einem Interview mit unserer Zeitung distanzierte er sich von den Vorwürfen, nahm aber Hassprediger Pierre Vogel in Schutz. Der deutsche Konvertit hielt wenige Tage zuvor in Kriens eine Rede – auf Einladung der Dar-Assalam-Gemeinde.

Hinweis

* Hansjörg Schmid (43) ist in Donaueschingen (Deutschland), nahe der Schweizer Grenze, geboren. Nach einem Theologiestudium arbeitete er unter anderem an der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Seit Anfang 2015 leitet er das Schweizer Zentrum für Islam und Gesellschaft an der Uni Fribourg.

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