ISLAM: Islamisierung hinter Gittern?

In Schweizer Gefängnissen sitzen immer mehr Muslime, auch in der Zentralschweiz. Die Gefahr einer Radikalisierung ist hier aber kleiner als in den grossen Anstalten von Zürich und Genf.

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In Schweizer Gefängnissen gibt es immer mehr Insassen muslimischen Glaubens. (Bild: Keystone)

In Schweizer Gefängnissen gibt es immer mehr Insassen muslimischen Glaubens. (Bild: Keystone)

Alexander von Däniken

Terroranschläge im Namen Allahs nehmen nicht selten im Gefängnis ihren Anfang. Nach dem Attentat von Paris zum Beispiel wurde bekannt, dass zwei der Täter hinter Gittern einen gewaltbereiten Islamisten kennengelernt hatten, der sie nachhaltig beeinflusste. Ähnliche Radikalisierungen sind auch von Attentätern von 9/11 und Madrid 2004 bekannt. «Noch haben wir kein Problem mit radikalen Muslimen in unseren Gefängnissen», erklärte Mallory Schneuwly Purdie von der Uni Lausanne gegenüber der NZZ. Sie bildet in der Romandie Gefängnispersonal im Umgang mit muslimischen Gefangenen aus.

Muslime in Zug in der Mehrheit

Die Zahl der Insassen islamischen Glaubens nimmt seit Jahren zu, unter anderem seit Beginn der Konflikte in Nordafrika. Dies zeigen die Zahlen der zehn häufigsten Nationalitäten in Schweizer Haftanstalten (siehe Tabelle). Allein die Zahl der in der Schweiz inhaftierten Tunesier hat sich zwischen 2003 und 2013 verachtfacht. In der Interkantonalen Strafanstalt Bostadel, die von den Kantonen Zug und Basel gemeinsam betrieben wird, bilden Muslime mit 39 Prozent die grösste Religionsgruppe. Zum Vergleich: Letztes Jahr haben nur 23 Prozent der Häftlinge bei ihrem Eintritt den römisch-katholischen Glauben angegeben. Die christlich-orthodoxen und die konfessionslosen Häftlinge folgen mit je 11 Prozent. Und Ronald Gramigna, Amtsleiter der Strafanstalt Zug, erklärt: «Der Anteil der muslimischen Gefangenen liegt derzeit bei etwa 50 Prozent. Der Anteil hat in den letzten Jahren stark zugenommen; einerseits bedingt durch Gefangene aus dem Balkan, andererseits aus Nordafrika.»

Ähnlich dürfte es in den Luzerner Gefängnissen aussehen – statistische Daten sind laut Gino Lohri, stellvertretender Leiter der Dienststelle Militär, Zivilschutz und Justizvollzug, aber nicht erhältlich. «Erfahrungsgemäss» betrage der Anteil der muslimischen Insassen im Grosshof und im Wauwilermoos rund 25 Prozent.

Betreuung ist hier besser

Was die Radikalisierungsgefahr in Gefängnissen betrifft, erklärt Ronald Gramigna von der kantonalen Strafanstalt Zug: «In Frankreich wurden drei Probleme im Strafvollzug als zentral genannt: die räumliche Enge, die Untätigkeit und die fehlende Betreuung. Diesbezüglich sind wir in der Schweiz sehr gut aufgestellt.» Für räumliche Bedingungen gebe es Vorgaben, das Schweizerische Strafgesetzbuch sieht eine Arbeitspflicht, respektive ein Arbeitsangebot vor und die konkordatlichen Richtlinien empfehlen ein hinreichendes Betreuungsverhältnis. Dieses beträgt 1,5 Gefangene pro Betreuer und wird gemäss den Zuger und Luzerner Anstalten auch umgesetzt.

Und Gino Lohri von den Luzerner Justizvollzugsbehörden fügt an: «In unseren verhältnismässig kleinen Gefängnissen mit kleinen Abteilungen kennen wir die Gefangenen in der Regel sehr gut und sind auch regelmässig im Gespräch mit ihnen. Unsere Erfahrung ist, dass der persönliche, engmaschige und regelmässige Kontakt, sei es mit dem Betreuungspersonal, dem Sozialdienst oder den Seelsorgern, möglicherweise eine gute Form der Prävention gegen jedwelche Form einer Radikalisierung während des Freiheitsentzugs darstellt.»

300 muslimische Insassen in Genf

Tatsächlich gibt es bezüglich der Platzzahl grosse Unterschiede zwischen den Schweizer Gefängnissen. In der Haftanstalt Grosshof in Kriens können insgesamt 97 Personen untergebracht werden, davon 61 Untersuchungshäftlinge. Die Strafanstalt Wauwilermoos bietet 58 Plätze, die Strafanstalt Bostadel 120 und die Strafanstalt Zug 45 Plätze. Gemäss den Angaben der Behörden befinden sich in den vier Gefängnissen knapp über 100 muslimische Insassen.

Ganz anders sieht es bei den grossen Gefängnissen aus. Die Justizvollzugsanstalt Pöschwies in Regensdorf ZH ist mit 426 Plätzen die grösste geschlossene Anstalt der Schweiz. Dort bekennen sich 133 Häftlinge zum muslimischen Glauben. In der Genfer Anstalt Champ-Dollon wird der Anteil der Muslime auf rund 50 Prozent geschätzt, was bei der chronischen Überbelegung rund 300 muslimischen Insassen entspricht.

Imame als Schutz vor Radikalismus

Mallory Schneuwly Purdie stellt fest, «dass gewisse Probleme mit sehr wörtlichen Interpretationen des Islam durch Gefangene bestehen». Dem könne mit Imamen entgegengewirkt werden, die als Gefängnisseelsorger arbeiten und zu enge Interpretationen des Korans verhindern. Auch in Kriens und in der Haftanstalt Bostadel erhalten Muslime Besuch von Imamen. Im Wauwilermoos und in der Haftanstalt Zug ist nach Aussage der Behörden kein Imam tätig, weil dafür kein Bedarf seitens der Insassen bestehe. «Im Haft- und Untersuchungsgefängnis Grosshof besucht der Imam Gefangene sporadisch etwa alle sechs Wochen für jeweils zwei bis drei Stunden», erklärt etwa Gino Lohri. Mehr Infos über den Imam gibt Lohri «aus Datenschutzgründen» nicht bekannt.

In der Anstalt Bostadel besuchen die christlichen Gefängnisseelsorger die Gefangenen wöchentlich, die beiden islamischen Seelsorger besuchen die Gefangenen alle 14 Tage, wobei sich der türkisch sprechende und der albanisch sprechende Gefängnisseelsorger abwechseln, wie Direktor Andreas Gigon erklärt. Die Teilnahme für die Gefangenen sei freiwillig. Pro Jahr finden sechs Gottesdienste und zwei religiöse Anlässe für die muslimischen Gefangenen statt. Letztes Jahr nahmen im Bostadel insgesamt 44 Gefangene an diesen acht religiösen Anlässen teil. Ein Kontakt zu den dort arbeitenden Imamen war auch über die Interkantonale Strafanstalt Bostadel nicht möglich.

Gespräch mit Imam nicht möglich

Der für den Krienser Grosshof zuständige Imam, Mohammed el Ghami, wollte gegenüber unserer Zeitung auch nach mehrmaliger telefonischer Anfrage während zweier Tage keine Stellungnahme abgeben. Entweder war er nicht erreichbar oder kurz angebunden, wobei er das Gespräch jeweils auf später verschob. Dann war er wieder nicht erreichbar.

Noch vor rund fünf Jahren kommunizierte el Ghami offensiver. Im Interview mit unserer Zeitung distanzierte er sich stark von Attentaten im Namen Allahs: «Die Terrorakte haben nichts mit unserer Religion zu tun. Mit den Attentaten sind wir Muslime auch nicht einverstanden. Unser Ziel ist es, ein Leben in Frieden zu führen. Ich rufe die Schweizer dazu auf, unsere Religion kennen zu lernen und uns erst dann zu beurteilen.»

Mitarbeit: Flurina Valsecchi

Das Gefängnis Grosshiof in Kriens. (Bild Roger Grütter)

Das Gefängnis Grosshiof in Kriens. (Bild Roger Grütter)